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Mit Kraft gegen das Virus - Stille Heldinnen im Seniorenzentrum Aitrach

AITRACH (Dekanat Ravensburg) – Slavica Tillich, Heimleiterin des Seniorenzentrums Aitrach, gehört zu den stillen Heldinnen der Corona-Pandemie. Bis zur Erschöpfung kämpfte sie Anfang des Jahres um das Überleben von Bewohnern und Personal – und gegen die eigene Angst.

Heimleiterin Slavica Tillich mit einer Bewohnerin des Altenheims in Aitrach. Foto: PressebildHeimleiterin Slavica Tillich mit einer Bewohnerin des Altenheims in Aitrach. Foto: Pressebild

Jugendlich klingt die Stimme am Telefon. Seit 2014 ist die 57-jährige Slavica Tillich aus dem ehemaligen Jugoslawien Heimleiterin im Seniorenzentrum Aitrach. „Über Corona bin ich alt geworden“, sagt sie. Nach dem Balkankrieg ist dies für sie die zweitschlimmste Zeit ihres Lebens. Ab und zu scheint ihre Stimme zu versagen.

Den ersten Corona-Fall bei den 30 Bewohnern und 38 Mitarbeitern des zu den Zieglerschen gehörenden Seniorenheims gab es Anfang Januar dieses Jahres. Bei einem routinemäßigen Schnelltest wurde eine Mitarbeiterin im Nachtdienst positiv getestet. Am 7. Januar waren laut Schnelltest acht Bewohner positiv, am 11. Januar ergab ein PCR-Test für das ganze Haus zehn Covid-19 infizierte Mitarbeiter und 22 infizierte Bewohner.

Slavica Tillich schildert die Situation so: „Mein Kopf war leer. Wo sollte ich anfangen? Ich hatte selbst Angst, zu erkranken. Wie sollte ich all die bürokratischen Aufgaben schaffen, die Gesundheitsamt und Ordnungsamt uns abverlangten? Ich hatte keine Erfahrungswerte, aber gegenüber den Behörden die volle Verantwortung.“

14 Tage arbeitete die Heimleiterin von früh bis spät durch. Ihre guten Beziehungen zu den umliegenden Seniorenzentren in Rot an der Rot, Erolzheim oder Leutkirch halfen ihr weiter. Marianne Schneider, Heimleiterin aus Erolzheim, unterstützte sie bei der Koordination des Dienstplans und übernahm Verwaltungs-aufgaben. Andere Kolleginnen ersetzten erkranktes Pflegepersonal. Steffen Bucher, der Regionalleiter in der Altenhilfe der Zieglerschen, kam fast täglich vorbei, half in der Verwaltung und beim Kontakt zu Angehörigen. Der Hausarzt des Seniorenzentrums, Tomasz Matyjaszczyk, kam immer wieder zum Testen und machte Mut.

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Doch jeden Tag gab es neue Ausfälle. Irgendwann waren auch die Hygienebeauftragte und die Hauswirtschaftsleiterin infiziert. „Wir Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen begegneten uns wie Roboter, leere Blicke, schrecklich“, erzählt Slavica Tillich. Dabei waren sie gut gerüstet, hatten Notfallpläne erarbeitet, waren auf Quarantänemaßnahmen vorbereitet. Aber die Situation sei unvorhersehbar, man wisse nicht, was morgen komme, müsse auf alles gefasst sein.

Fünf Corona-Fälle seien in einem Haus wie in Aitrach zu verkraften, mehr nicht. Dass es dennoch gelungen ist, die Krise in den Griff zu bekommen, so dass am 22. Februar nur noch eine Bewohnerin positiv getestet wurde, lag am Zusammenspiel der Heimleitung mit dem eigenen und dem „ausgeliehenen“ Personal. „Ich habe tolle Erfahrungen mit Mitarbeitern gemacht. Ich bewundere unendlich den Mut und die Kollegialität von Personal aus ‚sauberen‘ Einrichtungen, das zur Unterstützung in unser ‚verseuchtes‘ Haus gekommen ist“, fasst Slavica Tillich die positiven Erfahrungen dieser Zeit zusammen.

Drei Bewohner sind während der Krise verstorben, allerdings nicht an Corona. Zwei von ihnen waren schwer krank, eine Bewohnerin aufgrund ihres hohen Alters geschwächt. Die infizierten Heimbewohner und Mitarbeiter zeigten einen insgesamt milden Verlauf – Glück im Unglück. Noch während der schlimmsten Phase, aber auch danach traf sich die Heimleiterin zu Gesprächen mit ihrem Leitungsteam. Manchmal bat sie ihre Kollegen auch, ihre Gefühle und Sorgen aufzuschreiben. Was sie da las, berührte sie zutiefst. Die von der Berufsgenossenschaft angebotene Supervision zur Krisenbewältigung hat das Team um Slavica Tillich bislang noch nicht in Anspruch genommen. „Wir versuchen, Normalität reinzubekommen. Jeden Tag machen wir einen Schnelltest. Die Mühle rollt, machen wir das Beste daraus.“