Christliche Themen für jede Altersgruppe

Mit Radlerhose in die Kirche

WEIKERSHEIM – Der Radweg im Taubertal ist einer der beliebtesten in Deutschland. Zu seinen Besonderheiten zählt auch die Tatsache, dass es über 20 Kirchen gibt, die speziell Radfahrer willkommen heißen. Ein grünes Schild mit dem Signet „Radwegekirche“ weist darauf hin, dass man hier auch mit Fahrradhelm und kurzen Radler-Hosen willkommen ist. 


Christliche Symbolik auf dem Taubertalradweg: Brücke mit Heiligenfiguren in Gerlachsheim.
(Foto: Tourismusverband Burst)

Vor dem kleinen Prinzen in der Stadtkirche in Weikersheim sitzt eine verschwitzte Frau und lächelt. Die pausbäckige Figur links neben dem Altar ist ein Blickfang, eine Augenweide für Besucher, die mal eben auf einen Sprung hereinkommen. „Prinzle“ wird sie genannt, sie erinnert an den Enkel des Stifters, der mit nur sechs Jahren starb und nun zu den großen Besonderheiten der Kirche zählt.

Es gibt kaum einen Radfahrer auf dem Taubertalradweg, der nicht in Weikersheim hält. Das Schloss, der Brunnen, die Cafés laden zum Verweilen ein. Doch auch die Kirche zeigt sich gastfreundlich: Rechts neben ihrem Eingangsportal prangt ein auffällig grünes Schild mit einem Radfahrersymbol und der Aufschrift „Radwegekirche“.

Es ist erstaunlich, wie viele Radfahrer das Angebot annehmen. Links neben der Stadtkirche können sie ihr Fahrrad abstellen und innen drin eine Kerze anzünden. Ein Hinweisschild sagt ihnen, wo die nächste Toilette ist und wo es in Weikersheim eine Fahrradwerkstatt gibt.

Nach drei Minuten steht die Frau vor dem kleinen Prinzen wieder auf, nimmt ihre Satteltasche und ihren Helm und geht still wieder zum Ausgang. Dort trägt sie sich noch einmal ins Gästebuch ein. „Ein schöner Augenblick in einer schönen Kirche“, schreibt sie hinein. Auf den Weg darf sie einen kleinen Keks mit einem Bibelvers mitnehmen.

Die Stadtkirche in Weikersheim ist eine von über 20 Radwegekirchen im Taubertal. „Sobald die Saison beginnt, merken wir, wie die Besucherzahl in der Kirche ansteigt“, sagt Dekanin Renate Meixner. Bunt gekleidete Männer und Frauen mit schweißnassen Gesichtern kommen dann herein, bleiben ein paar Minuten, halten inne und schweigen, bevor sie sich wieder auf den Weg machen.

Seit 15 Jahren gibt es Radwegekirchen in Deutschland. Ihre Auszeichnung ist einheitlich, seit die Evangelische Kirche in Deutschland (EKD) daraus ein bundesweites Netzwerk gemacht hat. Inzwischen gibt es ein spezielles Signet und eine Liste mit Kriterien, die erfüllt sein müssen.

Die wichtigsten Kriterien sind die Nähe zum Radweg und die Tatsache, dass die Kirche „verlässlich geöffnet“ ist. Das ist bei vielen evangelischen Kirchen noch immer eher die Ausnahme als die Regel. Darüber hinaus sollten Radwegekirchen Texte auslegen, Kerzen und ein Anliegenbuch bereitstellen. Im Idealfall finden sich auch Fahrradständer, Toiletten und ein Kasten mit Sprudel.

250 Radwegekirche gibt es zwischenzeitlich in Deutschland, über 20 von ihnen sind alleine im Taubertal. Seit die Evangelische Landeskirche in Baden ein Projekt für „Kirche und Tourismus“ mit verschiedenen Modellregionen ins Leben gerufen hatte, kamen die Dinge dort voran. Pfarrerin Heike Kuhn nahm die Koordination in die Hand und fand mit Tourismusdirektor Jochen Müssig einen aufgeschlossenen Partner. „Wir sind ein Tandem“, sagt die Pfarrerin, der es nach und nach gelang, Kirchengemeinden aus drei Landeskirchen mit ins Boot zu holen.

Auf der 100 Kilometer langen Strecke des Taubertalradwegs begegnen sich zwei Bundesländer, drei Weinbauregionen und drei evangelische Landeskirchen: Baden, Württemberg und Bayern.

Das freilich ist den Gästen herzlich egal, die links und rechts des Flusses radeln. Ist die Kirchentür offen, gehen sie in katholische, evangelische, fränkische, badische und württembergische Gotteshäuser. Manchmal nehmen sie sogar einen Umweg in Kauf, wenn es eine besondere Kirche ist: Auch die Herrgottskirche mit dem Riemenschneider-Altar in Creglingen gehört zu den Radwegekirchen. Dort wurde für Radfahrer extra ein Raum der Stille geschaffen, in den sie sich zurückziehen können.

Die Radfahrerin aus der Stadtkirche in Weikersheim hat derweil ihre Tour in Richtung Bad Mergentheim fortgesetzt. „Was für ein herrlicher Tag“, ruft sie einem entgegenkommenden Radfahrer zu. Sie fährt entlang von Weinbergen und Wiesen und einem kleinen beschaulichen Flüsschen, das dem Tal seinen Namen gab: die Tauber.

In Bad Mergentheim trifft die Radfahrerin schon wieder auf eine Radwegekirche. Es ist die Schlosskirche, die den Evangelischen 1817 überlassen wurde, als die Stadt württembergisch wurde. Vorher war Mergentheim Residenz des Deutschen Ordens, und so katholisch sieht die Schlosskirche dann auch aus. „Interessant“, sagt die Radfahrerin, deren oberbayerischer Akzent unüberhörbar ist. Heute Abend wird sie hier übernachten und am Morgen frisch wieder in den Sattel steigen.

Es sind derzeit 16 Radwegekirchen im Bereich der Landeskirche Württemberg. Das ist angesichts der zahlreichen Radstrecken an Neckar, Kocher, Jagst und Enz eher unterdurchschnittlich. Deshalb gibt es seit dem 1. April beim Amt für Missionarische Dienste eine Projektstelle, die sich dem Thema offene Kirchen, Kirchen-App und Radwegekirchen annimmt. „Wir wollen hier etwas tun,“ sagt Karl-Heinz Jaworski, Fachbereichsleiter für Kirche und Tourismus in der Landeskirche Württemberg.

Diakon Jaworski kennt das Taubertal noch aus früheren beruflichen Zeiten. Deswegen hat er zur diesjährigen Konferenz der Radwegekirchen in Deutschland auch ins Taubertal eingeladen. Organisiert hat sie die Akademie der Versicherer der Kirche in Zusammenarbeit mit der EKD.

Auch der Allgemeine Deutsche Fahrrad-Club (ADFC) war vor Ort. Die klare Botschaft der Fachreferentin Kathleen Lumma vom ADFC-Landesverband: „Kirchen sind interessante Ziele an jedem Radweg. Und ein Willkommensschild ermutigt Radfahrer, sie auch wirklich zu betreten.“

In der Tat sind manche Radfahrer in kurzen Hosen und mit verschwitzen Klamotten eher zögerlich, wenn es darum geht,  einen altehrwürdigen Kirchenraum zu betreten. Das grüne Schild mit der Radwegekirche kann da Wunder wirken. Es hat auch die Radfahrerin aus Oberbayern bewogen, sich in Weikersheim vor den Altar zu setzen und dem Prinzle ins Gesicht zu schauen. Ein kostbarer Moment des Schweigens.

„Ich bin gerne ein paar Minuten für mich alleine“, sagt sie und dass sie zu Hause nur selten in die Kirche geht. Im Urlaub ist vieles anders und der Mensch zuweilen auch auf der Suche nach etwas Rast für seine Seele. Offene Kirchen sind ideale Raststätten dieser Art. Manchmal ist eben nicht nur der Reifen platt, sondern auch der Mensch, der unterwegs etwas Luft für den Alltag holen möchte.


Information

Der Taubertalradweg zwischen Wertheim und Rothenburg ist rund 100 Kilometer lang. Es gibt entlang der Radstrecke über 20 geöffnete Radwegekirchen, die auch in einer Broschüre zusammengefasst sind, bestellbar beim Tourismusverband Liebliches Taubertal, Telefon 09341-825806, www.liebliches-taubertal.de

Ansprechpartner für Radwegekirchen  in Württemberg ist Michael Proß: Telefon 0711-458049414 (Sekretariat) oder 0711-4580497, E-Mail: michael.pross@elk-wue.de. Er berät  Gemeinden, die ihre Kirche zur Radwegekirche machen wollen. Mehr über Radwegekirchen auf der nternetseite: www.radwegekirchen.de