Christliche Themen für jede Altersgruppe

Mode mit gutem Gewissen - Slow Fashion - Klimafasten (Teil 5)

Seit dem Aufstieg von „Fast Fashion“ um die Jahrtausendwende kaufen die Menschen doppelt so viele Kleidungsstücke und nutzen sie nur die Hälfte der Zeit. Was viermal getragen wurde, wird schon wieder aussortiert: Solche Schlagzeilen zeigen die hässliche Seite der Mode. Höchste Zeit also für die Jugend, sich anständig einzukleiden.

„Secontique“ Modemacher im Gespräch. Future Fashion, Pressbild Theo Stumpp„Secontique“ Modemacher im Gespräch. Future Fashion, Foto: Pressebild/Future Fashion

Da die Winterware in den Modeund Textilgeschäften aufgrund des Lockdowns liegen blieb, rechnet die Umweltschutzorganisation Greenpeace mit der Vernichtung von 500 Millionen fabrikneuen Kleidungsstücken. Welch ein Irrsinn! In pandemiefreien Jahren sind es 100 Millionen unverkaufte Einzelstücke.

Schuld ist das Überangebot in der Modebranche. Lebt sie doch von der Jagd nach dem Allerneuesten, das als Schnäppchen umso begehrter ist, auch online. Zur Kehrseite des schönen Scheins, zumal, wenn die launigen Einkäufe kaum getragen werden, zählen verschwendete Rohstoffe, der Energieaufwand im Produktionsprozess sowie ausgebeutete Arbeitskräfte in Fernost. Organisationen wie Femnet aus Bonn, in der sich Frauen für die gerechte Entlohung von Frauen engagieren, machen auf gravierende Menschenrechtsverletzungen in den Fabriken aufmerksam. Vor allem Näherinnen in Indien oder Bangladesch zahlen den Preis dafür, dass wir vor einem überfüllten Kleiderschrank stehen und dennoch meinen, schon wieder etwas Neues zum Anziehen zu brauchen.

Näherinnen in Bangladesch stellen die Mode für Europa her. Foto: Pressebild, Femnet e.V.Näherinnen in Bangladesch stellen die Mode für Europa her. Foto: Pressebild/Femnet e.V.

So mag es zuweilen auch der 14-jährigen Franziska gehen. Doch die deckt ihr Bedürfnis nach modischer Abwechslung deutlich nachhaltiger. Neuerdings können Pullis für sie gar nicht weit genug sein. Je größer, je besser, so tragen das ihre musikalischen Idole Billie Eilish oder Harry Styles. Doch warum neu kaufen, wenn es den Kleiderschrank des großen Bruders gibt oder das Pulloverfach der Mutter? Auch die hatte in ihrer Jugend die Kommode des Vaters geplündert, mit Vorliebe seine Strickjacken getragen.

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Der Hang zu „vintage“, also Kleidung mit Geschichte, ist kein neues Phänomen, aber so angesagt, dass sogar Modeketten wie H&M oder Onlinehändler wie Zalando ins Second-Hand-Geschäft einsteigen. Sie wollen davon profitieren, dass junge Leute wie Franziska ihre Oberteile immer öfter aus zweiter Hand erstehen. Weil es cool ist, günstig und auch noch gut für die Umwelt.

Raquel Dischinger ist Projektmanagerin von Future Fashion. Pressebild, Theo Stumpp„Die nachhaltigste Kleidung ist die, die nicht produziert werden muss“, bestätigt Raquel Dischinger (Foto: Theo Stumpp), Projektmanagerin von „Future Fashion“, auf Deutsch: Mode der Zukunft.

Diese Initiative der Stiftung Entwicklungs-Zusammenarbeit Baden-Württemberg (SEZ) bringt das Thema Fairer Handel über die Mode zu jungen Menschen, sensibilisiert sie für Nachhaltigkeit und Geschäftsbeziehungen ohne Ausbeutung. „Der entscheidende Schritt zu klima- und sozialgerechter Kleidung liegt in der Frage: Brauche ich das? Und wenn ja, kann ich es nicht auch leihen oder tauschen?“, beschreibt Raquel Dischinger einen bewussten Umgang mit Mode. Daran schließe sich die Frage an: „Was ist mir wichtig als Konsumentin oder als Konsument?“

Future Fashion ist eine Abteilung der Stuttgarter Messe Fair Handeln. Vor allem aber steht der Name für Bildungsarbeit, die Interessierte vernetzt und als Multiplikatoren nutzt. „Wir stellen Infomaterialien für Schulen und Volkshochschulkurse zusammen, bilden für unterschiedliche Standorte Future-Fashion-Experten aus, die über die Produktionsbedingungen in der Textilbranche aufklären, Kleidertausch-Partys organisieren, Upcycling-Workshops oder Stadtführungen anbieten. Diese steuern Second-Hand-Läden, Repair-Cafés und nachhaltige Modelabels an.“ Die meisten dieser Future-Fashion-Botschafter sind jünger als 30. „Und die Männer holen auf“, sagt Raquel Dischinger.

Seit Juli 2020 hat Future Fashion im Stuttgarter Einkaufszentrum Gerber sogar einen Laden mit integrierter „Bildungsecke“. In der sogenannten „Secontique“ werden gebrauchte Mode und nachhaltig produzierte Kleidung angeboten. Der Laden sei auch Informationsplattform und Begegnungsort, erklärt Raquel Dischinger. Zumal der Erlös aus dem Verkauf an den christlichen Hilfsverein Aktion Hoffnung gehe.

Dass die Vernetzung mit anderen Fair-Fashion-Fans klappt, spiegelt der Blogbeitrag „Das Ende der textilen Kette“ über die Verwertung von Altkleidern auf www.fairlieben.info wider. Diese Internetseite wird von vier Stuttgarterinnen betreut. „Ina hatte die Möglichkeit, mit Future Fashion einen Sortierbetrieb auf der Schwäbischen Alb zu besuchen und zu schildern, wie es dort zugeht“, erklärt Fairlieben-Gründerin Natalie Auch. Aus dem Bericht erfährt man, dass in Deutschland jeder Mensch 26 Kilogramm Textilien pro Jahr wegwirft. Und dass intakte Altkleider der niedrigsten Kategorie ausgerechnet in Bangladesch erneut in den Handel kommen – dort, wo sie vielleicht vor wenigen Jahren genäht wurden.

„Nachhaltig bedeutet, weniger zu kaufen“, sagt Natalie Auch. Von Beruf Wirtschaftsingenieurin, engagiert sie sich für ein Umdenken in der Mode. „Wir müssen uns von der Idee der billigen Kleidung verabschieden und den Wert des Produktionsprozesses wieder schätzen lernen“, präzisiert sie und empfiehlt Neulingen, mit einer Kleidertausch-Party – derzeit nur digital möglich – ins Thema zu starten. „Das macht sehr viel Spaß.“

Die Hülle fürs Handy war mal eine Bluse

Spaß an Mode und der Verwandlung durch Schnitte, Farben und unterschiedliche Materialien: Das will Raquel Dischinger von Future Fashion niemandem nehmen. Im Gegenteil. „Wir zeigen, dass Nachhaltigkeit Freude macht.“ Sicher: Eine hohe Stoffqualität, gute Verarbeitung und zeitloses Design stehen für Langlebigkeit, doch es geht auch darum, getragene Kleidung kreativ aufzupeppen, zu verändern oder umzuarbeiten. „Es gibt tolle Nähateliers, die einem dabei helfen.“

Ein Taschenworkshop von Future Fashion. Foto: Pressebild, Future FashionManches lasse sich mit einer Nähmaschine auch selbst umsetzen. So könne aus einem Rock ein Kissenbezug werden, aus einer Bluse eine Tasche fürs Mobiltelefon. Oder man gibt gut erhaltene, aber nicht mehr passende Kleidungsstücke in den Second-Hand-Handel. Ob Online-Marktplätze wie Vinted, früher als Kleiderkreisel bekannt, oder der international aktive Mädchenflohmarkt aus Fellbach: Hier lassen sich mit ausrangierten Mänteln, Hosen, Kleidern, Taschen und Schuhen sogar ein paar Euro verdienen.

Wer einmal damit angefangen hat, sich um die Folgen seines Kleiderkonsums Gedanken zu machen, findet immer mehr Wege, auch ohne schlechtes Gewissen gut angezogen zu sein. Das bestätigt Natalie Auch von Fairlieben. Vor einigen Jahren habe sie noch einen hohen Aufwand betreiben müssen, um sich Wissen anzueignen sowie umwelt- und sozialverträgliche Mode zu finden. „Das ging anfangs nur online. Jetzt bin ich wieder in der Stadt unterwegs.“ Mit Blick auf den klimabelastenden Versand und Transport der Online-Ware unterstützt sie lieber lokale Läden, die sich auf nachhaltige Mode spezialisiert haben. Doch nicht nur die wollen entdeckt sein, auch Second-Hand-Boutiquen, Repair-Cafés und kreative Änderungsschneidereien.

Mit der Informationen auf der Internetseite www.fairlieben.info wollen Natalie Auch und ihr Team ihr mühsam recherchiertes Wissen teilen und auf vertrauenswürdige Marken aufmerksam machen, damit andere bei ihrer Suche nach anständiger Mode nicht bei Null starten müssen. Dass ihr Engagement für nachhaltige Mode abfärbt, hat die junge Frau jedenfalls schon festgestellt. „In meinem direkten Umfeld achten mittlerweile sehr viele auf klimagerechte und fair gehandelte Mode. Es ist also möglich, andere zum Mitmachen zu inspirieren.

Kinder-Klima-Tipp

Statt Lego, Puppen oder Playmobil – wie wäre es einmal mit der Natur als Spielecke? In der Mitmachsendung „Hallo Benjamin!“ können Kinder erleben, wie aus einfachen Naturmaterialien wahre Kunstwerke entstehen. Zu sehen ist die neue Folge der Kindersendung ab dem 17. März unter www.hallo-benjamin.de