Christliche Themen für jede Altersgruppe

Mördern die Hand reichen

Noch immer leiden die Menschen in Ruanda unter den Folgen des Völkermords. Tübinger Studierende haben das Land besucht und sich dabei unter anderem die Frage gestellt: Können Dietrich Bonhoeffers Ideen zur Versöhnung in dem afrikanischen Staat beitragen?

Ruanda auf dem Weg zur Versöhnung: Jeden Abend singt und betet der christliche Chor im Zentralgefängnis in Gitarama. Vielen Inhaftierten wird vorgeworfen, in den Völkermord verstrickt zu sein. (Foto: epd-Bild)


Zuvor waren sie abends im Stiftsgarten mit dem Vize-Präses der Presbyterianischen Kirche Ruandas zusammen gesessen. Er erzählte ihnen von einer Konferenz in seinem Land. Bei ihr sollte es um die Theologie Dietrich Bonhoeffers und ihre Rolle in Europa und Afrika gehen. In diesem Moment war für die beiden klar: Sie wollen dabei sein.

Als Repetent am Evangelischen Stift berät und begleitet Jakob Spaeth Studierende. Dass diese sich mit dem Leben von Christen in Entwicklungsländern beschäftigen, ist ihm sehr wichtig: „Wir sind ein Leib Christi, trotz aller Unterschiede gehören wir auf der Welt zusammen“, findet er.

Für Julian Zeyher war die Reise nach Ruanda eine Reise in die eigene Vergangenheit: Drei Jahre zuvor, nach seiner Zwischenprüfung, hatte er dort die Entwicklungsarbeit aus der Nähe kennengelernt und ein halbes Jahr in dem kleinen Bergdorf Kiruhura gelebt und gearbeitet. Damals knüpfte er Kontakte mit der Presbyterianischen Kirche. Auch er sagt deshalb: „Die Menschen dort können uns nicht egal sein.“

Die anderen Teilnehmer, insgesamt 18 Studierende, besuchten Ruanda das erste Mal. Christina Klotz etwa, die neben Theologie auch Geografie auf Lehramt studiert, freute sich besonders auf die vielen Nationalparks. Denn Ruandas Landschaft ist vielfältig. Wer das Land bereist, durchquert auf einer Fläche von der Größe Brandenburgs Savannen, tropischen Regenwald und Vulkangebiete.

In der Mitte der zweiwöchigen Studienreise stand die Konferenz in Kibuye, einem Ort im Westen Ruandas. „Versöhnung und gerechter Friede – Impulse der Theologie Dietrich Bonhoeffers für den europäischen und den afrikanischen Kontext“, lautete der Titel der Konferenz. Neben Ruandern nahmen Kirchenvertreter aus dem benachbarten Kongo teil. Und eine deutsche Delegation: die Tübinger, Studierende aus Bochum und der bayerische Landesbischof Heinrich Bedford-Strohm.

Die Konferenz fand nicht im luftleeren Raum statt. Für die Tübinger war der Völkermord stets gegenwärtig. Zahlreiche Denkmäler erinnern daran. Und beschönigen nichts. „Die Gedenkstätten dort zeigen sehr drastische Bilder, überhaupt nicht zu vergleichen mit hier“, sagt Christina Klotz. Besonders mitgenommen hat sie das Children’s Memorial. In dem dunklen Raum hängen Bilder von Kindern. Unter jedem Bild: der Name des Kindes, sein Lieblingsessen, seine Hobbys, in welchem Alter und wie es gestorben ist. Bei der kleinen Francine Murengezi Ingabire steht: Alter: 12 Jahre. Lieblingssport: Schwimmen. Lieblingsessen: Pommes und Eier. Todesursache: Von einer Machete zerhackt. Keiner der Studierenden konnte alle Räume der Gedenkstätte durchschreiten.

Die ruandische Regierung fördert die Vergebung im Land mit staatlichen Programmen. Auch vielen Menschen ist Versöhnung wichtig, sie geschieht „täglich unaufhörlich“, so wie Bonhoeffer es ausgedrückt hatte. Jakob Spaeth sagt: „Es gibt dort Menschen, die willens sind, den Mördern ihres Sohnes die Hand zu geben.“ Das hat ihn beeindruckt.

Aber manchmal kann Vergeben doch zu schwer sein. Eine Frau erzählte ihm, wie Hutu-Milizen sie brutal verstümmelten und vor ihren Augen ihre zweijährige Tochter mit einer Machete töteten. Sie wirkt gefasst. Aber Jakob Spaeth spürt: die Frau wird den Mördern nicht vergeben können.

Die Bezeichnungen „Hutu“ und „Tutsi“ sind in Ruanda inzwischen geächtet. Niemand bezeichnet sich mehr so. „Wir wussten in der Regel nicht, welcher Bevölkerungsgruppe unsere Gesprächspartner angehörten“, erzählt Jakob Spaeth. Aber abends, als die meisten schon schlafen, gesteht ihm ein alter Mann: „Keiner kann vergessen, wo er dazugehört.“ 20 Jahre sind doch keine so lange Zeit.

Dass niemand die Vergangenheit vergessen kann, hält die Ruander nicht davon ab, nach vorne zu blicken. Optimismus ist dort eine „Kraft der Hoffnung“ – wie es bei Bonhoeffer heißt, der die Ruander auch in dieser Hinsicht interessierte. „Die Menschen in Ruanda schauen in die Zukunft. Und die wollen sie gemeinsam gestalten“, sagt Julian Zeyher.

Viele schauen in ihrem Bemühen um Versöhnung nach Deutschland. Oft vergleichen sie den Völkermord an den Tutsi mit den Gräueltaten der Nationalsozialisten. Gerade Widerstandskämpfer wie Bonhoeffer imponieren: „Viele Pfarrer erzählten uns, dass sie Bonhoeffers Mut bewundern und sich gleichzeitig Vorwürfe machen, dass sie sich in einer ähnlichen Lage nicht so verhalten haben“, erzählt Jakob Spaeth.

Und so handelte die Konferenz davon, wie Christen als politische Bürger im Sinne Bonhoeffers auftreten können. Immer im Dialog zwischen deutschen und afrikanischen Kirchenvertretern. So wie auch gemeinsam Gottesdienst gefeiert wurde – mit gemischtem liturgischen Programm.

Die Studierenden entdeckten dabei auf der Konferenz ganz neue Aspekte der afrikanischen Konflikte. Zum Beispiel, als sie mit einer Gruppe aus dem Kongo diskutierten. „Denen war es wichtig, dass sich nach dem eigentlichen Völkermord die Grausamkeit gegen Hutu im Kongo gerichtet hat“, sagt Christina Klotz. „Sie streiten die Schuld der Hutu nicht ab, sind aber frustriert über die einseitige Sicht auf die Ereignisse. Denn auch die Kongolesen hatten zu leiden“, ergänzt Jakob Spaeth. Gegenüber Ruandern bringen die Menschen aus dem Kongo diese Meinung nicht vor. Sie glauben, damit auf wenig Verständnis zu stoßen. Den Deutschen indes vertrauten sie ihre Sicht der Dinge an.

Die Rolle der UN

Die Teilnehmer sprachen auch über die Rolle der Vereinten Nationen. Dass die UN-Truppen während des Völkermordes nicht eingegriffen hatten, ist in Ruanda nicht vergessen worden. „Es herrscht viel Frust über die UN“, sagt Christina Klotz. Dabei schiebt der Staatengemeinschaft niemand die Hauptschuld zu: Die Schuld trügen die Ruander. Aber als sie um Hilfe gebeten haben, sagen viele, da sei keiner gekommen.

In dem kleinen Bergdorf Kiruhura wollten die Tübinger Theologen helfen: Sie sammelten 500 Euro, um dem Dorf eine Kuh zu spenden. „Das war einfach ein Akt der Nächstenliebe“, sagt Julian Zeyher. Und Christina Klotz freut sich, „dass wir auf diese Weise etwas ganz Konkretes machen konnten.“ Über den Stand ihrer Kuhspende bleiben die Tübinger stets informiert: „Gerade bauen sie in Kiruhura den Stall“, sagt Julian Zeyher, „danach schauen sie sich nach einer geeigneten Kuh um“.