Christliche Themen für jede Altersgruppe

Muskelkraft ist nicht alles

WÜRTINGEN (Dekanat Bad Urach-Münsingen) – Sportholzfäller-Wettkämpfe und Glauben? Bei der Zeltkirche „Obenauf“ kam beides zusammen. Die Timbersport-Show zog viele Besucher an – und die bestaunten fliegende Holzspäne, Schweiß und männlichen Ehrgeiz. 


Arbeiten mit der Handzugsäge.
Foto: Maria Bloching

Schon zum Gottesdienst ist an diesem besonderen Sonntag das Zelt in Würtingen gut gefüllt, doch im Anschluss strömen nach und nach immer noch mehr Besucher auf den Vorplatz. Gespannt warten sie auf die Show, die sie in den nächsten Stunden in ihren Bann ziehen soll.


Mit dem Begriff „Timbersport“ konnten hier – mitten auf der Alb – bislang nur wenige etwas anfangen. Doch schnell erleben sie hautnah mit, was es mit dem Sportholzfällen auf sich hat. Ausgestattet mit Schnittschutzhosen, Helm und Schutzbrille präsentieren sich Profi- und Hobby-Holzmacher gleichermaßen, auf dem Platz vermischen sich Gerüche nach Maschinen, Schweiß und Holz. Nicht nur Männerherzen schlagen beim Anblick der Motorsägen höher, alle Geschlechter und Generationen sind fasziniert. Schon als die Vorbereitungen der sieben teilnehmenden Gemeinden in und um den Ort St. Johann für die Zeltkirche „Obenauf“ vor zwei Jahren begonnen hatten, war klar, dass sich nicht alle Angebote um Gott, Kirche und Glauben drehen werden. Vielmehr sollte ein buntes und abwechslungsreiches Programm jedes Alter ansprechen und unterschiedliche Themen beinhalten.
Das ist den rund 200 Mitarbeitern bestens gelungen. Sie haben eine Anlaufstelle für viele Menschen geschaffen, um ­Gemeinschaft zu feiern und über das Leben und Gott zu sprechen.

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Die Besucherzahl ist in den ganzen zwei Wochen überaus zufriedenstellend, mehrmals können die Verantwortlichen mit über 400 Besuchern ein volles Zelt verbuchen.


Eine tolle Erfahrung für alle, auch für die Mitarbeiter, wie Stefan Brändle, einer der Organisatoren, erzählt. „Hier begegnen sich St. Johanner, die sonst nur wenig Kontakt untereinander haben. Allein deshalb hat sich diese Zeltkirche gelohnt. Wir haben einen Raum und eine Gelegenheit für Begegnung geschaffen und hoffen, dass sich die Leute auch von der frohen Botschaft ansprechen ließen.“
Sie kamen zu Volksmusikabenden und Kabarett, zum Männervesper und zu Gottesdiensten, zu Geländespielen, Vorträgen und eben auch zum Timbersport.


Dass sich an diesem Sonntag alles um den Rohstoff Holz dreht, ist nicht verwunderlich. Er spielt in Würtingen und in der gesamten Region eine große Rolle. Für viele Männer und auch für die ein oder andere Frau ist es ein schönes Hobby, im Wald zu arbeiten. „Jeder hat irgendwie mit Holz zu tun. Viele heizen damit und sind mit Leib und Seele Hobby-Forstwirte. Deshalb hatten wir die Idee, Wettkämpfe durchzuführen“, sagt Stefan Brändle, selbst Forstwirtschaftsmeister.


Timbersport ist die Königsklasse beim Sportholzfällen, hier werden Höchstleistungen mit messerscharfen Äxten, mit PS-gewaltigen Motorsägen und natürlich mit Muskelkraft erbracht. Zur Show in Würtingen kommen zwei erstklassige Athleten aus Deutschland: Auf der einen Seite Nils Müller, der mit der deutschen Nationalmannschaft bei der Weltmeisterschaft 2018 in ­Liverpool antrat – ein kräftiger Typ, dem man zutrauen konnte, energisch hinzulangen.


Auf der anderen Seite Stephan Odwarka, von Beruf Kfz-Meister, der ebenfalls in den vergangenen Jahren Topleistungen bewies und schon zum Kader der deutschen Auswahl gehörte. Seine eher schlanke Figur weckt allerdings im einen oder anderen Zuschauer zunächst Zweifel, ob er sich gegenüber seinem Kontrahenten überhaupt behaupten konnte.


Doch schnell zeigt sich, dass beide Timbersportler ihre besonderen Stärken haben und dass es nicht immer ausschließlich auf Muskelkraft, sondern auch auf Raffinesse und Taktik ankommt. Angeheizt vom Publikum blasen sie die Backen auf und bearbeiten das Holz so, dass die Späne gewaltig zur Seite spritzten. Jetzt erklärt sich auch die Sicherheitsabsperrung, hinter der sich die Zuschauer drängen.
In drei Showblöcken stellen die beiden Sportler ihre Wettkampfdisziplinen vor und zeigen, welch enormer Kraftakt mit diesem Sport verbunden ist. Sie stehen auf Holzblöcken, die es mit einer drei Kilogramm schweren Axt zu durchtrennen gilt, sägen sogenannte „Cookies“ (Holzscheiben) aus und hacken mit einer Axt Taschen in einen hohen Stamm. Außerdem klemmen sie ein Holzbrett ein und klettern so am Stamm empor, der schließlich oben abgeschlagen wird. Ein waghalsiges Unternehmen, das für staunendes Gemurmel beim Publikum sorgt.


Das gegenseitige Kräftemessen auf hohem sportlichem Niveau unter den beiden Athleten sorgt für begeisterte Zurufe, besonders applaudiert das Publikum aber jenen Zuschauern, die in die Abläufe mit eingebunden werden und unter professioneller Anleitung der beiden Sportler ihr eigenes Talent am Holz austesten: Mit der sogenannten „Single Buck“, einer Zwei-Meter-Handzugsäge, können sie sich ihren eigenen Cookie als Trophäe sichern. Da kommt selbst der geübte Holzmacher aus Bleichstetten mächtig ins Schwitzen: „Ganz schön anstrengend“, kommentiert er mit rotem Kopf und völlig außer Atem.


Auch in den Pausen zwischen den Showblöcken gibt es mit der „St. Johanner Holzer-Challenge“ jede Menge zu sehen und zu erleben. Sechs Zweierteams haben sich für den Wettkampf zusammengefunden, messen sich in fünf Disziplinen und bieten dabei nicht nur sich selbst jede Menge Spaß, sondern auch den Zuschauern, die sich um die Manege versammelt haben und jeden Punkt der Akteure lautstark mit Pfiffen und Beifällen kommentieren. Beim Umschichten eines Holzstapels mit einem Raummeter kommen die Hobby-Holzmacher ordentlich ins Schwitzen – wer diese Disziplin als erste wählt, hat später das Nachsehen. „Da verausgabt man sich schon von vornherein, leider hat man dann beim Sägen kein ruhiges Händchen mehr“, mutmaßt ein Zuschauer. Denn beim Umschichten ist nicht nur Schnelligkeit gefragt, die Männer werden auch an der ordentlichen Stapelung gemessen.


Als äußerst kräftezehrend erweist sich auch das Absägen einer Scheibe mit der Zweimann-Waldsäge: „Hier kommt es auf einen guten Rhythmus im Schub und Zug an, man muss sich aufeinander einstellen und einlassen. Wer sich einmal verhakt, der hat es schwer, wieder in Schwung zu kommen“, macht Stefan Brändle bereits im Vorfeld klar. Er zählt zur Jury, die ausschließlich mit Forstwirt-Profis besetzt ist. Auch beim Kombinationsschnitt am Stamm ist eine gute Absprache innerhalb des Teams erforderlich.
Überhaupt zeigt sich sehr schnell, dass die Arbeit mit schwerem Gerät nicht nur Muskelkraft, sondern auch viel Gefühl und ein hohes Augenmaß erfordert. Von unten und anschließend von oben angesetzte Schnitte müssen sich in der Mitte – im besten Fall ohne Absatz – treffen. Um für das Aussägen eines Würfels mit zehn Zentimeter Kantenlänge aus einem Stamm gut vorbereitet zu sein, prägen sich die Wettkämpfer das Maß bereits im Vorfeld gut ein, denn die Jury bewertet die Maßhaltigkeit und den rechten Winkel. Dem Siegerteam winken tolle Preise: Zwei Motorsägen, eine Holzskulptur und ein Raummeter Holz.


Florian Rist bildet mit Fabian Goller ein Team. Er geht den Wettkampf locker an, extra geprobt dafür hat der junge Mann aus Würtingen nicht. „Ich wende einfach das an, was ich sonst bei der Arbeit im Wald auch mache.“ Rist erkennt von Beginn an, dass er mit dieser Taktik richtig fährt. „Die Handsäge ist am anstrengendsten, das Aussägen des Würfels am anspruchsvollsten.“ Das Publikum feuert Rist jedenfalls mächtig an, wie alle anderen Freizeit-Timbersportler und die Profis. Und bei allem Ehrgeiz – letztlich steht der Spaß im Vordergrund.

Würtingen
Bei der Zeltkirche mitgewirkt haben auch Bleichstetten, Gächingen, Lonsingen, Ohnastetten, Sirchingen und Upfingen.

 

 

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