Christliche Themen für jede Altersgruppe

„Muss Diakonie alles anbieten?“

Der Druck auf die frei gemeinnützigen Unternehmen der Sozialwirtschaft nimmt zu. Viele Träger beklagen, dass sie die steigenden Personalkosten nicht mehr aus ihren Erlösen bezahlen können. Innerhalb diakonischer Einrichtungen knirscht es beim Thema Tarifverträge. Christof Schrade hat sich darüber mit dem Diakonie-Fachmann Martin Beck unterhalten.


In Niedersachsen demonstrieren Diakonie-Mitarbeiter sogar auf der Straße für mehr Lohn. (Foto: epd-Bild)

Einige Sozialunternehmen, auch in der württembergischen Diakonie, haben auf die Entwicklung reagiert, indem sie durch Fusionen, Übernahmen oder die Erschließung neuer Geschäftsfelder gewachsen sind. Ist Größenwachstum ein Weg, um zu überleben?
Martin Beck: Wachstum als solches ist kein betriebswirtschaftliches Grundgesetz, insbesondere nicht in der Sozialwirtschaft, wo ja Marktmacht oder Einkaufsmacht keine wirkliche Rolle spielen. Dass die meisten Diakonieunternehmen trotzdem wachsen wollen – und viele das auch tun, ist eine direkte Folge der Tarifstruktur. Wenn die Gehälter regelmäßig wachsen, und das tun sie in den letzten Jahren, dann müssen auch die Einnahmen des Unternehmens wachsen, sonst entstehen sofort Verluste und sowohl die Arbeitsplätze als auch die Betreuungsangebote geraten in Gefahr. Wer nicht wachsen will, kann keine Gehaltserhöhungen finanzieren.


Kirche und Diakonie haben ihr eigenes Arbeitsrecht, den so genannten Dritten Weg. In Württemberg will die Arbeitgeberseite daran festhalten. Ist dieses Arbeitsrecht unter den Bedingungen des heutigen Sozialmarkts noch angemessen?
Martin Beck: Es ist nicht leicht, den Dritten Weg durchzuhalten. Er basiert auf dem Konsensprinzip, und das funktioniert nur bei Schönwetter oder wenn alle Beteiligten kompromissbereit sind. Beides sind hohe Anforderungen, die nicht immer erfüllt werden. Ich habe in anderen Bundesländern schon mit ver.di-Vertretern über die Sanierung von Diakoniewerken verhandelt. Sie waren kompetent und flexibel. Persönlich hätte ich da kein Feindbild.


Sind so genannte Service-Gesellschaften, um die derzeit wieder heftig gestritten wird, ein empfehlenswertes Instrument, um im Wettbewerb mithalten zu können?
Martin Beck: Die Servicegesellschaften sind keine Erfindung der Diakonie. Sie kommen in allen Wohlfahrtsverbänden vor, die sich einem Tarifwerk verpflichtet haben, und sie existieren auch in vielen kommunalen Krankenhäusern und Altenhilfeunternehmen. Das Problem ist: Die Diakonie hat sich über viele Jahre sicher gewähnt, dass ihre öffentlichen Vertragspartner jede diakonische Zusatzleistung für die Mitarbeiterschaft automatisch finanzieren werden. Das war schon damals abenteuerlich, und es funktioniert heute in manchen Bereichen gar nicht mehr. Man kann halt die Rechnung nicht ohne den Wirt machen.

Wichtiger als die Frage, wo jemand angestellt ist, ist der Umgang mit diesen Beschäftigten. Wer aus prekären Verhältnissen kommt, wird die Bedingungen in einer seriösen und tarifgebundenen Servicegesellschaft als sehr angenehm empfinden.


Die diakonischen Träger gehen ja verschiedene Wege. Einige haben nie kommerzielle Tochterunternehmen gebildet, andere halten daran fest, andere haben welche gegründet und sie mittlerweile wieder eingestellt. Welchen Trend erkennen Sie?
Martin Beck: So lange die Diakonie ihre Preise am Markt nicht selber bestimmen kann, sondern sie mit starken Gegenspielern aushandeln muss, wird es wirtschaftlichen Druck geben. Auch der Sozialbereich ist kein Selbstbedienungsladen. Wie sich das anfühlt, wissen alle, die da draußen in der Wirtschaft tätig sind. Ob es immer eine Servicegesellschaft sein muss, hängt vom Einzelfall ab. Je starrer die kirchlich-diakonischen Tarife sind oder bleiben, desto stärker ist der wirtschaftliche Druck auf die diakonischen Unternehmen, nach wirtschaftlichen Lösungen zu suchen. Auch das schönste Prinzip ist nur so gut, wie es finanzierbar ist.


Gibt es für Sie Grenzen, wo die Diakonie sagen sollte: Zu diesem Preis können und dürfen wir unsere Dienstleistungen nicht mehr anbieten?
Martin Beck: Die Frage müsste eigentlich umgekehrt gestellt werden: Ist es auf die Dauer glaubwürdig, wenn die Diakonie nur solche Dienste anbietet, die von anderer Seite – meistens ist das die öffentliche Hand – zu 100 Prozent finanziert werden? Das ist zwar bequem, aber im Umfeld von Armutsdiakonie oder bei der Flüchtlingsbetreuung wird das so nicht funktionieren.

Zu Ihrer Frage zurück: Wenn die Frage nach einer finanziellen Grenze für diakonische Leistungen so gestellt wird, führt das zu der schwierigen Abwägung, ob die Bedürfnisse der Hilfsbedürftigen oder die Tarife der Mitarbeiter wichtiger sind. Die Existenz einer Einrichtung und die Sicherung der Arbeitsplätze sind auch wichtig. Wenn ich Dienste ablehne oder einstelle, fallen Arbeitsplätze weg. Wenn ich Aufgaben zu schlechten Preisen übernehme, gefährde ich sie ebenfalls.


Ist es für Sie vorstellbar, dass sich die Diakonie aus klassischen Hilfefeldern zurückzieht, weil sie sich von privaten Anbietern nicht in eine Preisspirale nach unten treiben lassen will?
Martin Beck: Für mich ist das vorstellbar. Man könnte sogar noch weiter gehen und fragen, ob Diakonie wirklich alles anbieten muss, was es von anderen Anbietern gibt. Übrigens ist die Annahme, dass private Anbieter immer billiger seien und möglicherweise schlechtere Qualität liefern würden, nicht zutreffend. Es gibt sehr seriöse private Anbieter und es gibt Einrichtungen der Diakonie, bei denen Preis und Leistung nicht zusammen passen.


Eines der großen aktuellen Themen ist der Zustrom von Flüchtlingen. Ist das Aufgabe der Diakonie? Wie soll sie sich engagieren?
Martin Beck: Ja, auf jeden Fall ist das eine Aufgabe der Diakonie. Die Bibel ist voll von Anweisungen, wie den Flüchtlingen, den Fremdlingen, aber auch den Witwen und Waisen, begegnet werden soll. Viele Diakoniewerke sind schon längst in der Flüchtlingsarbeit engagiert.

Ich arbeite im Aufsichtsrat eines hessischen Diakoniewerks mit, das derzeit im Auftrag des Landkreises 250 Flüchtlinge in seinen nicht ausgelasteten Gebäuden betreut. Andere, wie die Bruderhaus-Diakonie, sind schon lange in der Beratung oder Berufsförderung von Migranten tätig. Der gewaltige Zustrom wird aber nach meiner Einschätzung alle diese Dienste extrem fordern und vielleicht sogar überfordern.


Zur Person
Martin Beck (65) ist ehrenamtlich und hauptamtlich in Kirche und Diakonie engagiert. Ehrenamtlich ist Beck seit 13 Jahren Vorsitzender der Bezirkssynode im Kirchenbezirk Tübingen, Mitglied im Aufsichtsrat des Vereins Prisma Jugendhilfe in Leonberg, arbeitet bei den Kongressen für christliche Führungskräfte mit, ist Vorsitzender des Stiftungsrates der Bruderhaus-Diakonie Reutlingen.

Außerdem ist er „Chairman of the board“ der EU-Consult (Amsterdam), unter deren Dach mehr als 30 Beratungsunternehmen für den non-profit-Bereich in ganz Europa zusammenarbeiten. Er ist Honorarprofessor der Hochschule für Wirtschaft und Umwelt Nürtingen-Geislingen und lehrt an der Evangelischen Hochschule Ludwigsburg im Masterstudiengang Organisationsentwicklung.

Der Träger der Brenz-Medaille und des Kronenkreuzes der Diakonie ist seit zehn Jahren selbstständig tätig als Unternehmensberater, Autor, Aufsichtsrat und Hochschullehrer. Gemeinsam mit einer seiner Töchter ist er Inhaber des bundesweit tätigen Beck Management Center. Er vermittelt Führungskräfte an Unternehmen der Sozialwirtschaft und bietet Interims-Management für in eine Krise geratene Träger an. Foto: privat


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