Christliche Themen für jede Altersgruppe

Musterstadt der Reformierten

Zürich war neben Wittenberg die zweite Keimzelle der Reformation. Die Stadtrepublik verstand sich als „Neues Jerusalem“, als Blaupause für die neue Lehre. Doch das war einmal: Die Säkularisierung ist auch in der einstigen reformierten Musterstadt nicht aufzuhalten. 


Zürich und seine vielen Kirchen: Wer nur durch die Altstadt geht, ahnt nicht, wie sehr die Reformierten auf dem Rückzug sind. (Foto: Marion Granel/pixelio)

Andere Städte der Schweiz schließen sich Zürich an, aber eben nicht alle: Zwingli befeuert die drohende militärische Auseinandersetzung mit den katholischen Orten und stirbt im Oktober 1531 in der Schlacht bei Kappel. Die konfessionelle Spaltung der Schweiz wird für Jahrhunderte zementiert. Zwinglis Nachfolger Heinrich Bullinger erklärt den Reformator zum Propheten und Märtyrer, dessen Bedeutung innerhalb der reformierten Kirchen aber bald hinter Johannes Calvin zurücksteht.

Nicht so in Zürich, natürlich: Die weitere Entwicklung der Stadtrepublik ist ohne die Weichenstellungen Zwinglis nicht zu denken. „Die Idee, hinter dem sichtbaren Zürich stehe eine unsichtbare Idealstadt des Glaubens, die ein Beispiel für die ganze Christenheit gebe, sollte die weitere Zukunft dieses Gemeinwesens prägen“, schreibt der Zürichkenner Thomas Lau.

Doch dieses Stück Identität kommt den Zürchern spätestens seit den 1990er-Jahren abhanden. Seither sind die Reformierten in ihrer einstigen Musterstadt gegenüber den Katholiken in der Minderheit: Zuwanderer kommen seit jeher vor allem aus dem katholischen Hinterland oder aus Südeuropa. Der eigentliche Mega-Trend aber ist die Säkularisierung: Mit über einem Drittel bilden die Konfessionslosen heute die größte Gruppe in der Religionsstatistik, nur noch etwa 23 Prozent gehören der reformierten Kirche an, Tendenz fallend.

Dem Zürich-Reisenden, der zumeist nur die Altstadt wahrnimmt, entgeht diese Entwicklung, denn zwischen Hauptbahnhof und Zürichsee zeigt sich Zürich zwinglianisch wie eh und je. Neben dem Großmünster, dem Wahrzeichen der Stadt, behaupten St. Peter, Fraumünster und Predigerkirche trotzig ihre Plätze in einer zunehmend säkularisierten Stadt, selbst wenn zur Gemeinde mitunter nur gut 200 Menschen gehören.

Allen Innenstadtkirchen gemeinsam ist die karge, bilder- und kruzifixfreie Inneneinrichtung. Meist gibt es nicht mal einen Altar, sondern nur einen Taufstein, der durch Auflegen eines Holzdeckels zum Abendmahlstisch werden kann. Von der Kanzel predigen? Nicht hier, denn reformierte Pfarrer in der Schweiz hüten sich vor dem Eindruck, sie wollten sich über ihre Gemeinde erheben, und sei es nur räumlich. Verbindliche Vorgaben wie Bekenntnisschriften oder Gottesdienstordnungen gibt es keine. Im Presbyterium, dem Kirchengemeinderat, hat der Ortspfarrer nur eine beratende Stimme, formell aber nichts zu sagen. Noch konsequenter kann man die Idee vom Priestertum aller Gläubigen kaum umsetzen.

Zürich ist eine der teuersten und sicher auch eine der saubersten Großstädte der Welt. Bauarbeiter saugen mit schon fast manischer Akribie ihren soeben produzierten Staub wieder ein, Ladenbesitzer spritzen den Asphalt morgens so flächendeckend nass und rein, dass man sich auch bei strahlendem Sommerwetter wie kurz nach einem Wolkenbruch fühlt.

Vielleicht hat das doch auch ganz entfernt noch etwas mit Zwinglis Erbe zu tun, über das der Schlagersänger Udo Jürgens einst sagte: „Zürich ist so schön, aber wenn nur diese zwinglianische Mentalität nicht wäre.“ Man ist korrekt, man ist ordentlich, fleißig, und bei allem moralisch. „So etwas wie die Fastnacht von Luzern bringen wir hier nicht hin“, sagt denn auch Pfarrer Peter Dettwiler.

Dieser Befund steht zu der rasanten Säkularisierung nicht im Widerspruch. Die Schweizer, und die Zürcher besonders, koppeln sich von der Religion ab, ohne aber die Mentalität aus 500 Jahren mit über Bord werfen zu können. „Religion ist nur noch Privatsache“, hat Martin Breitenfeldt festgestellt, Beauftragter der Zürcher Kirche für das Reformationsjubiläum: „Es gilt das Prinzip: Sprich nicht über Religion, dann kommst du am besten an.“ Und überhaupt: Zwingli als Identifikationsfigur hat abgedankt; in einem ziemlich neuen Lied der Reggae-Band „Stereo Luchs“ heißt es denn auch: „Wisch de Zwingli use!“

Den heftigsten Widerspruch gegen diesen Appell hat Stereo Luchs, schon von Amts wegen, auf dem Großmünster-Hügel zu erwarten. Hier verdichten sich alle Stränge der Zwingli-Erinnerung: Zwinglis Kirche, Zwinglis Wohnhaus; die Theologische Fakultät der Universität, die auf die von Zwingli gegründeten Lehranstalt für Theologen im ehemaligen Chorherrenstift des Großmünsters zurückgeht. 550?000 Touristen kommen pro Jahr, und das nicht nur zum Fotografieren: Ein Antiquar aus der nahen Kirchgasse erlebte jüngst eine Invasion von 30 evangelischen Chinesen, die alle Bibeln aus seinem Lager zusammenkauften. Kosten spielten keine Rolle.

Großmünster-Pfarrer Christoph Sigrist empfängt am archaischen Eichentisch in der Sakristei. Links neben der schweren Tür zur Kirche hängt eine Tafel mit einem Zwingli-Spruch an der Wand, eine stetige Mahnung an den Prediger, bevor er ans Werk geht: „Tut um Gottes willen etwas Tapferes.“

Tapfer, das war sein berühmtester Vorgänger allemal, findet Sigrist: Wie er mit der Bibel in der Hand für Bildung und Armenfürsorge kämpfte, wie er das Großmünster dem Volk gab, den Chor „vom Klangraum der Chorherren zum Studiersaal“ wandelte.

„Zwingli schuf 1525 Zürichs erste Armenordnung, die erste Armenkasse, die er aus dem Erlös von eingeschmolzenem Schmuck füllte“, steht hinter dem Pfarrer an der Sakristeiwand. „Gott ist nicht neutral, sondern er ist der Gott der Armen“, liest Sigrist, nebenher Dozent für Diakoniewissenschaften an der Uni Bern, bei Zwingli: „Die Zwei-Reiche-Lehre Luthers stimmt nicht.“ Im Großmünster seien Diakonie und Liturgie unter Zwingli verschmolzen: Beim ersten Läuten am Sonntag um neun wurde diskutiert, beim zweiten Läuten kam man zum Ende, beim dritten begann der Gottesdienst. „Fantastisch“, findet Sigrist, fast ein Handbuch für die Gegenwart der Kirche.

Im Chorraum liegt seit ein paar Jahren symbolträchtig ein Exemplar der berühmten „Zürcher Bibel“, die Zwingli mit einem Gelehrtenteam erarbeitete und 1531 beim Buchdrucker Froschauer herausbrachte. Ein Computerbildschirm ermöglicht das virtuelle Blättern und Lesen.

Das Porträt in Öl, das jede lutherische Dorfkirche von ihrem Reformator irgendwo hängen hat, gibt’s hier natürlich nicht – Bilderverbot. Mit einem gestalterischen Trick haben ihn die Zürcher aber dann doch in ihr Großmünster geholt, wenn auch an der Außenseite. Der Bronzeplastiker Otto Münch schuf 1939 mit dem Südportal einen regelrechten Zwingli-Comic in 24 Bildern.

Ebenfalls an der Außenwand präsent, und zwar als gestrenger Lehrer in Stein, ist Zwinglis Nachfolger Heinrich Bullinger, der manchen Forschern als die eigentlich zentrale Reformationsgestalt der Stadt gilt. Doch von einer Bullinger-Stadt Zürich hat noch nie jemand geredet.

Informationen über die reformierten Kirchen der Deutsch-Schweiz

Internet: www.ref.ch

Züricher Großmünster

Telefon: 0041-44-2513860

Internet: www.grossmuenster.ch

Ulrike Strerath-Bolz
Ulrich Zwingli
Wichern Vlg.
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