Christliche Themen für jede Altersgruppe

Mutig, aufrecht, tief gläubig

Dietrich Bonhoeffer (1906–45) steht für ein engagiertes Christentum und ein Leben in der Nachfolge Jesu Christi. Den Nazis ging er zu keiner Zeit auf den Leim. Sein unbeugsamer Mut und sein tiefer Glaube sollten bis zu seinem Tod vor 70 Jahren Bestand haben. 

Zweimal Bonhoeffer: Statue an der Westminster-Abbey in London, Fotografie
von 1939. (Foto: epd-bild)


Dietrich Bonhoeffer wurde nur 39 Jahre alt. Und doch hat kaum ein evangelischer Theologe des 20. Jahrhunderts so tief in Kirche und Gesellschaft hinein gewirkt wie er. Viele Straßen und Schulen, Kirchen und Gemeindehäuser tragen heute seinen Namen. Eine Statue Bonhoeffers thront an der Fassade der berühmten Westminster Abbey in London.

Bonhoeffer wurde 1906 als Sohn eines Psychiatrie-Professors in Breslau geboren und wuchs mit sieben Geschwistern im Berliner Villen-Stadtteil Grunewald auf. Er ist ein sehr guter Schüler. An der Theologischen Fakultät kommt Bonhoeffer schnell voran. Mit 21 Jahren promoviert, mit 24 habilitiert er. Sein Schüler Wolf-Dieter Zimmermann schilderte ihn als intellektuellen Charakter: „Er hatte eine klare und präzise Art, sich auszudrücken.“

Bonhoeffer wirkte kräftig und energiegeladen: „Jeden von uns hat er im Tischtennis geschlagen.“ Bei starker Anspannung rauchte er viele Zigaretten. Ungewöhnlich für die damalige Zeit sind die vielen Auslandsaufenthalte Bonhoeffers. Studienaufenthalte in Rom und New York, Vikariat in Barcelona, Pfarrer in London. Wichtige Anstöße für seine theologische Ausbildung bekommt Bonhoeffer am Union Theological Seminary in New York, wo er ab 1930 studiert. Mit seinem schwarzen Mitstudenten Frank Fisher besucht er Gottesdienste in Harlem und fühlt sich als intellektuell-verkopfter Theologe in der Verbindung von Herz und Bauch erstaunlich wohl.

Mit Fisher und dem Franzosen Jean Lasserre diskutiert er über Fragen des Glaubens und der Theologie. Von Lasserre lernt er, dass sich Nationalismus und Christsein gegenseitig ausschließen. 1932 beschäftigt Bonhoeffer sich mit der Bergpredigt, die ihn stark anspricht. Bonhoeffer will nun ein Leben in der Nachfolge Jesu Christi führen und macht sich pazifistische Ideen zu eigen.

Eine solche Haltung war für einen Pfarrer damals keinesfalls nahe liegend. Für evangelische Christen war noch weithin eine Zwei-Reiche-Lehre gültig. Eine fatale Folge war die Überzeugung, man könne zugleich Christ und Nationalsozialist sein. Bonhoeffer warnt früh vor den Gefahren des neuen Regimes. Als er in einer Rundfunkrede 1933 davon spricht, dass der „Führer“ zum „Verführer“ werden könne, wird die Rede abgebrochen.

Bonhoeffer verfasst Flugblätter gegen den Arierparagrafen und prangert in seinem Vortrag „Die Kirche vor der Judenfrage“ das neue Unrecht an. Er schreibt an einem Glaubensbekenntnis mit, das gegen die Deutschen Christen und gegen die vom NS-Regime installierte Deutsche Reichskirche gerichtet ist.

Bonhoeffer war beeindruckt vom gewaltlosen Freiheitskampf Mahatma Gandhis. Doch im April 1933 erwägt er unter dem Eindruck der Judenverfolgung die Möglichkeit, „nicht nur die Opfer unter dem Rad zu verbinden, sondern dem Rad selbst in die Speichen zu fallen“.

Weil er in der „häretischen Reichskirche“ nicht Pfarrer sein will, übernimmt er im Herbst 1933 die deutsche evangelische Gemeinde in London. Der Lordbischof von Chichester, George Bell, wird sein väterlicher Freund. 1934 bekennt er sich auf der Konferenz von Fanø (Dänemark) zur Gewaltlosigkeit und Völkerverständigung.

Wie drängend diese Forderung ist, erlebt Bonhoeffer bei seiner Rückkehr nach Deutschland. Die Nürnberger Gesetze grenzen Juden aus und trennen Christen jüdischer Abstammung von ihren Gemeinden. Der Reichsbischof führt neben dem Kreuz das Hakenkreuz im Dienstsiegel.

Die Bekennende Kirche beruft sich dagegen auf Christus allein. 1935 übernimmt er deren Pfarrerausbildung im Ostseebad Zingst, dann im Predigerseminar Finkenwalde. Die strenge Bindung an das Wort der Bibel formt die Gemeinschaft, macht sie aber auch verdächtig. 1937 schließt die Gestapo Finkenwalde, Bonhoeffer führt das Seminar im Untergrund weiter.

Angesichts der drohenden Kriegsgefahr 1939 kündigt Bonhoeffer dem Bruderrat der Bekennenden Kirche an, den Wehrdienst verweigern zu wollen. Die tödliche Konsequenz eines solchen Vorhabens ist seinen Freunden bewusst, sie wollen ihm daher eine Lehrtätigkeit in den USA vermitteln. Es gelingt: Am 2. Juni macht sich Bonhoeffer auf den Weg nach Amerika. Doch er kämpft schwer mit Zweifeln. Er müsse die Prüfungen dieser Zeit mit seinem Volk teilen, schreibt er einem amerikanischen Bekannten. Schon nach wenigen Wochen bricht Bonhoeffer das Vorhaben ab und kehrt nach Deutschland zurück.

Er macht sich Gedanken über Schuld. Er persönlich hat längst die Unschuld verloren, merkt er, und erklärt sich bereit zu einem Attentat auf Hitler. 1940 schließt er sich einer Widerstandsgruppe im militärischen Geheimdienst an. Ein riskantes Doppelleben: Offiziell ist er Reiseagent der „Abwehr“, tatsächlich aber weiht er im Ausland kirchliche Mittelsmänner in Putschpläne gegen Hitler ein.

Mitten im Krieg verlobt sich Bonhoeffer 1943 mit der 18-jährigen Maria von Wedemeyer. Doch das Paar hat nur wenig Zeit füreinander. Am 5. April 1943 wird Bonhoeffer verhaftet. Seine Braut kann ihn nur in großen Abständen im Gefängnis besuchen. In seiner Zelle in Berlin-Tegel erfährt er vom misslungenen Staatsstreich am 20. Juli 1944. Hier schreibt er jene Briefe an seine Familie und an einen Freund, die später unter dem Titel „Widerstand und Ergebung“ berühmt wurden. Hier entwickelt er auch seine Gedanken über ein Christentum in einer religionslosen Zeit.

Im Oktober 1944 findet die Gestapo belastende Akten des Abwehrdiensts. Im Februar 1945 kommt er ins KZ Buchenwald, Anfang April dann nach Schönberg im Bayerischen Wald. In der dortigen Schule verbringt er mit 150 Gefangenen eine Nacht und hält für sie einen Gottesdienst. Dieser hat kaum geendet, als zwei Männer in Zivil den Saal betreten und rufen: „Gefangener Bonhoeffer, fertigmachen und mitkommen.“ Bonhoeffer wird nach Flossenbürg gefahren und am 9. April gehängt. Ein Grab gibt es nicht. Seine Familie und seine Braut Maria von Wedemeyer erfahren von seinem Ende erst im Juni 1945. Das letzte überlieferte Wort Bonhoeffers ist ein Gruß an Lordbischof Bell: „Für mich ist dies das Ende, aber auch der Anfang.“

In den Jahren nach dem Krieg tun sich Gesellschaft und Kirche mit einem ehrenden Andenken an Bonhoeffer schwer. Er sei ja nicht als Glaubenszeuge gestorben, sondern als politischer Widerstandskämpfer, verlautete aus der Kirche. Bonhoeffer und seine Mitstreiter wurden als Verschwörer und Vaterlandsverräter herabgewürdigt. Den für die Todesurteile verantwortlichen SS-Richter Otto Thorbeck und SS-Standartenführer Walter Huppenkothen, der als Ankläger fungierte, sprach der Bundesgerichtshof in einem Revisionsurteil vom 19. Juni 1956 vom Vorwurf der Beihilfe zum Mord frei. Heute ist Bonhoeffer über alle kirchlichen Lager hinweg eine Integrationsfigur, seine theologischen Gedanken sind aktuell, seine Vorstellungen von Kirche eine ständige Herausforderung. Sein Gedicht „Von guten Mächten wunderbar geborgen“ – verfasst in der Haft an Silvester 1944 – ist kirchliches Allgemeingut geworden.






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Dietrich Bonhoeffer
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