Christliche Themen für jede Altersgruppe

Mutig sein und Neues Wagen - Projektstelle "Neue Aufbrüche"

Sinkende Mitgliederzahlen in den Amtskirchen, weniger Interesse in der Gesellschaft an Kirche ‒ ein Grund zum Pessimismus? Mitnichten, findet Pfarrer Johannes Reinmüller. Er hat seit zweieinhalb Jahren die Projektstelle „Neue Aufbrüche“ der Landeskirche Württemberg inne und berät Gemeinden bei Planung, Finanzierung und Durchführung von innovativen Ansätzen.

 Foto: nathan dumlao, unsplashFoto: nathan dumlao, unsplash

„Wir können das nicht aufhalten: Wenn es nicht hip ist, in die Kirche zu gehen, dann ist es halt so“, sagt Johannes Reinmüller. Das ist für den Pfarrer für Neue Aufbrüche in der Landeskirche aber kein Grund zur Mutlosigkeit, ganz im Gegenteil. Jetzt sei nämlich Gelegenheit für Kirchengemeinden, Neues auszuprobieren. Beispielsweise indem sie den Mut haben, sich auf bestimmte Themen zu spezialisieren. Denn nicht in jeder Kirche müsse sonntags um 9.30 oder 10 Uhr der klassische Gottesdienst stattfinden. Reinmüller schwebt eher vor, dass eine Gemeinde beispielsweise um 8 Uhr eine Lutherische Messe feiert, und sonst zu Vernissagen einlädt, während die Nachbargemeinde sich auf Migranten spezialisiert und eine dritte wieder ein anderes Format entwickelt, die „church on secret places“ (Kirche an geheimen Orten) zum Beispiel. Bei letzterem Konzept geht es darum, jedes Mal einen besonderen Ort für den Gottesdienst zu haben – beispielsweise mal im Wasserwerk, mal im Gasthaus zusammen zu feiern. Die Orte werden kurzfristig bekannt gegeben. Natürlich müsse das nicht in jedem Ort mit mehreren Kirchen genau so sein, aber Reinmüller macht Mut, mit verschiedenen Konzepten zu spielen und sie zu testen.

Ob Begegnungscafé im Pfarrhaus, christliches Fitness-Studio oder andere Formen von Kirche; Voraussetzung dafür ist ein Bewusstseinswandel: „Wir als Kirche müssen weg von der Hybris, wir seien für alle da. Damit lügen wir uns in die Tasche.“ Eine einzige Gottesdienstform könne eben nicht alle Menschen erreichen. Reinmüller macht den Gemeinden Mut, erst einmal zu schauen, welche Gaben die Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern haben. Erst dann kann man nach seiner Meinung auch Angebote entwickeln, die zur Gemeinde passen. Das Ziel dabei „kann aber nicht sein, dass die neuen Angebote zusätzlich zu dem, was es schon gibt, obendrauf kommen“, sagt Reinmüller. Er rät den Gemeinden, für eine neue Aktion oder eine neue Gruppe drei alte zu streichen. „Wenn man das nämlich nicht macht, hat man am Ende überlastete Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, und zum Schluss bleibt die Arbeit beim Vorsitzenden hängen“, sagt er. Wenn eine Ge- meinde nicht bereit ist, alte Angebote auch einmal zu lassen, „dann ist sie auch nicht bereit für Neues“. Durch die Corona-Pandemie sind in vielen Gemeinden neue Gottesdienst-Formate entstanden. Sie gibt es zum Hören, als Video oder auch als Live-Übertragung im Internet. Reinmüller warnt aber davor, das alles so beizubehalten, wenn Gruppen, Kreise und sonstige Veranstaltungen wieder ihre frühere Art der Zusammenkunft aufgreifen können: „Das ist eine Falle!“ Reinmüller wünscht sicht, dass Gemeinden Mut haben, manche Aufgaben, Kreise, Angebote nicht wieder zu beleben. Stattdessen sollten sie „bei allem, was sie nach der Pandemie wieder anbieten wollen, nach dem Sinn fragen“. Nur so sei Raum für Neues. Doch das erfordert Mut. „Und der wurde in den vergangenen Jahren in der Landeskirche nicht gepflegt. Ich erlebe nirgendwo so viel Mutlosigkeit wie in der Kirche“, sagt Reinmüller.

Pfarrer J. Reinmüller arbeitet in der Projektstelle Neue Aufbrüche, Landeskirche Württemberg. Foto: PrivatJohannes Reinmüller hofft, dass Gemeinden auch ungewöhnliche Wege gehen. Foto: Privat

Reinmüller wünscht sich, dass neue Ideen einfach zugelassen und umgesetzt werden. Dann könne man in Ruhe schauen, wie sich diese Ideen entwickeln. Dazu gehört auch eine neue Kultur. Dass nämlich ein neues Angebot auch scheitern darf, und dass so ein Projekt auch dann gelungen ist, wenn es nur wenige Jahre besteht. „Wir lernen doch auch aus Projekten, die scheitern“, sagt Reinmüller. Er vergleicht diese Einstellung mit innovativen Unternehmen. Diese hätten die Haltung: „Von unseren vielen Ideen gehen viele auch wieder ein, aber eine davon ist in zehn, 20 Jahren vielleicht unser Brot- und Butter-Geschäft.

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Es müsse natürlich nicht in jeder Kirchengemeinde dasselbe Konzept sein, Stichwort „gabenorientiertes Angebot“. Aber Reinmüller spürt in vielen Fällen Neid, wenn in der Nachbargemeinde ein Veranstaltungstyp besonders viele, vor allem auch jüngere Menschen, anzieht. „Wir sollten uns lieber darüber freuen, dass junge Leute dort eine Heimat gefunden haben, vielleicht sogar unter dem Dach der Landeskirche.“

Reinmüller hat darüber hinaus beobachtet, dass in manchen Gemeinden eher Kontrolle herrscht. „Das hat der Kirche in der Vergangenheit ja auch Stabilität gegeben und sie geprägt“, sagt er. Aber wer heute kreative Leute in der Kirche halten will, der müsse weg vom Kontrollieren und hin zum Zulassen. Reinmüller wünscht sich, dass Kirchengemeinderäte es fördern, dass Menschen in der Gemeinde mal mit ungewöhnlichen Angeboten spielen und sie ausprobieren. Gleichwohl ist er sich bewusst, dass eine solche Haltung viel Toleranz erfordert. „Man muss es ertragen, wenn etwas vielleicht mal nicht so rund läuft“, sagt er.

Auch Pfarrerinnen und Pfarrer sieht Reinmüller in der Pflicht. „Wir müssen wieder als Theologen tätig sein und von Gott reden, statt die Gemeinde lediglich zu verwalten“, sagt er. Von Gott reden, das sei doch die Hauptaufgabe der Pfarrerinnen und Pfarrer. Daraus leitet Reinmüller aber noch eine weitere Aufgabe ab für seinen Berufsstand: „Wir sollten die ehrenamtlichen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter befähigen, selbst von Gott zu sprechen. Es ist doch gut evangelisch, dass auch Nicht-Theologen den Mut haben, das Evangelium zu verkündigen.“ Das setze voraus, sie so auszubilden, dass sie beispielsweise selbst predigen können, wenn sie das wollen. So sieht er sich und seine Kolleginnen und Kollegen als Coaches, als Berater, als Lehrer für ehrenamtlich Mitarbeitende. Das Ziel: Theologische Laien sollen mündige Christen sein und gleichberechtigt mit den Hauptamtlichen in der Gemeinde zusammenarbeiten. Noch laufe es ja so, dass ehrenamtliche Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter oft nur dann gerufen werden, wenn Pfarrerinnen und Pfarrer eine Arbeit abgeben müssen oder wollen. Aber das ist der falsche Weg, meint Reinmüller. Es gehe doch eher um ein gleichberechtigtes Miteinander – und darum, vom eigenen Glauben zu erzählen und von Gott.

Weitere Informationen zu den Projekten der Projektstelle von Johannes Reinmüller:

www.neue-aufbrueche.de

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