Christliche Themen für jede Altersgruppe

Mutige Herzensschritte

HERRENBERG – Ein senfgelber VW-Bus macht derzeit rund um Herrenberg die Runde: Das Mut-Mobil. Auf Dorf- und Gemeindefesten steht es als freundliche Einladung zum Erzählen. In seinem Inneren ­werden Geschichten gesammelt, die von Mut und überwundener Furcht handeln. Von Momenten, wo jemand für sich oder andere einstand oder gegen alle Konventionen seinem Herzen folgte.


Das Team im gelben Mutmachmobil hat schon viele spannende Erzählungen gesammelt.
(Foto: Jutta Krause )

Es geht dabei nicht unbedingt um große Heldentaten. Gesucht werden vielmehr Alltagsgeschichten von ganz normalen Menschen, die sich etwas trauten. „Mut fängt im Kleinen und Alltäglichen an: Etwas anders machen als alle anderen, etwas kritisch hinterfragen, Zivilcourage beweisen oder bürgerschaftliches Engagement zeigen“, erklären Manuela Epting und Vanessa Watkins. Sie sind vom Team „Beteiligung und Engagement“ der Stadt Herrenberg, die das vom Bundesprogramm „Demokratie leben“ geförderte Projekt „Menschen mit Mut – Couragiert in Herrenberg“ aus der Taufe gehoben haben. Gemeinsam mit der „Herrenberger Partnerschaft für Demokratie“ und dem Institut für Empirische Kulturwissenschaft der Uni Tübingen betreuen sie das Angebot. Eintreten für die Freundin mit dem schlechten Ruf, für seinen Glauben oder für einen Herzenswusch über konfessionelle oder kulturelle Schranken hinweg seinem Herzen folgen: All das mögen kleine Schritte sein. Doch, so sind die beiden überzeugt, sie sind auch die Basis für eine freie und offene Gesellschaft und ein lebenswertes Miteinander.

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Die Erzählungen, die bei insgesamt 14 Festen und Aktionen sowie im Internet gesammelt werden, sollen die Kernstadt Herrenberg und ihre Teilorte näher zusammenbringen. Im Frühjahr 2019 ist eine Ausstellung mit allen Geschichten geplant.

Auch beim ökumenischen Gemeindefest im „Otto’schen Garten“ in Herrenberg war das Mut-Mobil zu Gast – und konnte sich über einige Besucher freuen. Der evangelische Dekan Eberhard Feucht und die Pfarrer Markus Ziegler und Alfred Schwarzwälder von der katholischen und evangelisch-methodistischen Kirche hatten die Besucher schon im Gottesdienst auf das Thema eingestimmt: Ihre gemeinsame Predigt drehte sich um die Frage, wie man mutig zu seinem Glauben stehen und Nächstenliebe praktizieren kann.

Die Geschichten, die Menschen im VW-Bus erzählen und die von den Mitarbeitern aufgezeichnet werden, sind ganz unterschiedlich. Denn Mut hat für jeden eine andere Bedeutung. Für das zehnjährige Mädchen, das sich in den Bus wagt, bedeutet Mut etwa, vom Fünf-Meter-Brett im Freibad zu springen. Angeregt beschreibt sie die Angst davor, und das Gefühl des Triumphs, es getan zu haben.

Ein Ehepaar, das nicht namentlich genannt werden will „um niemanden zu gefährden“, berichtet von einem jungen Mann aus Kamerun, der den Mut hat, seinen Träumen zu folgen und fest an ihre Verwirklichung glaubt. Es sind keine großen Visionen, eher die Sehnsucht nach einem ganz normalen Leben, doch in seiner Situation erfordert auch das Träumen eine gehörige Portion Mut und Zuversicht.

Dass es auch den beiden Erzählenden ein Quäntchen Courage abverlangt, für Geflüchtete einzustehen und ihnen zu helfen – auch gegen die Kritik und Anfeindungen von Bekannten und Nachbarn – finden sie nicht der Rede wert. „Wir sind ja zu zweit, wir haben uns immer gegenseitig unterstützt“, erklären sie bestimmt.

Mut im Großen wie im Kleinen ist nicht nur für eine freie demokratische Gesellschaft sehr wichtig, er kann auch für ein geglücktes Leben entscheidend sein. Davon handelt die Mut-Geschichte von Palmira Angelucci: Im zarten Alter von sieben Jahren kam sie in den 1960er-Jahren mit ihren Eltern und Geschwistern aus Italien nach Deutschland – in einem klapprigen VW und ohne ein Wort Deutsch sprechen zu können. „Ich habe mich durchgeschlagen, wollte etwas erreichen. Damals war klar: Jeder Ausländer arbeitet in der Fabrik. Aber ich wollte ins Büro“, betont sie. Von ihren Eltern konnte sie keine Unterstützung erwarten: Als sie 13 war, sagte ihre Mutter: „Du fängst in der Strumpffabrik an!“ Palmira Angelucci lehnte jedoch ab – und begann in Abendkursen, Schreibmaschine zu lernen. „Eine Nachbarin hat mir dafür Geld geliehen“, sagt sie. Ein Jahr später setzte sie alles auf eine Karte: Ohne einen Termin zu haben oder jemanden zu kennen, fuhr sie nach Sindelfingen zum Daimler-Werk und stieg an Tor 1 aus. „Der Wachmann wollte mich nicht reinlassen, doch dann habe ich ihm von meinem Traum erzählt.“

Er brachte sie zur Personalabteilung, wo ein „großer, strenger Herr“ ihr Können auf der Schreibmaschine prüfte. Sie bekam die Stelle und brach in Freudentränen aus. Sie habe ihn gefragt: „Warum haben Sie mich genommen?“ Und er hat geantwortet: „Wenn Sie es in ihrem Alter ohne Hilfe schaffen, bis zu mir vorzudringen, dann schaffen Sie auch alles andere.“    

Für sie steht daher fest: „Man muss selber etwas tun und darf nicht auf andere warten. Wenn du den Anfang machst, dann öffnet sich die Tür. Mir hat es gezeigt: Mit Mut kann man alles erreichen im Leben!“


Internet: www.mutgeschichten-herrenberg.de