Christliche Themen für jede Altersgruppe

„Nach meiner Kenntnis … sofort“

Am 3. Oktober jährte sich die Deutsche Einheit zum 30. Mal. Mit auf den Weg gebracht hatte sie Politbüromitglied Günter Schabowski, als er am 9. November 1989 mit einer beiläufigen Bemerkung die Mauer öffnete. 

Günter Schabowski im Jahr 2000 in Berlin. (Foto: epd-bild)

Es war nicht schwer, vor zwölf Jahren mit Günter Schabowski einen Termin zu bekommen. Er redete gern mit Journalisten, kokettierte mit seiner Nähe zu ihnen, weil er ja selbst einmal Chefredakteur des „Neuen Deutschland“ war. Im November 2008 jedoch war das schon lange Vergangenheit. Da stand er kurz vor seinem 80. Geburtstag, hatte einen Gefängnisaufenthalt und einige Krankheiten hinter sich und war damit beschäftigt, seine Rolle in der DDR öffentlich zu erörtern. Schabowski gehörte zu den wenigen DDR-Größen, die Reue zeigten. Die den Unrechtscharakter des Regimes und des Schießbefehls an der Mauer zugaben. Als die Volksseele kochte, war er das einzige Politbüromitglied, das sich der aufgebrachten Menge stellte, und wurde ausgebuht.

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All das reflektierte er kritisch, was ihm Respekt einbrachte. Und doch hatte seine pausenlose Art, sich zu erklären, auch etwas von der Beflissenheit Albert Speers, Hitlers Architekt und Rüstungsminister. Beide kaschierten sie damit ein Stück weit persönliche Schuld und die Tatsache, dass sie während des Regimes durchaus auch zu den Vertretern einer harten Linie gehörten.

Sein Hang zum Plaudern war womöglich auch mitverantwortlich, dass er am 9. November 1989 aus Versehen Geschichte schrieb. Der Staatsratsvorsitzende Egon Krenz hatte ihm einen Zettel in die Hand gedrückt, auf dem die Reisefreiheit für DDR-Bürger vermerkt war. Damit würde Schabowski, der neue Informationsbeauftragte der Regierung, die Pressekonferenz beschließen, ein Zugeständnis an die Bürger und die Medien, die zeigen sollte, dass sich in der DDR etwas bewegte. Günter Schabowski hatte keine Ahnung, dass es einen Sperrvermerk gab. Erst am nächsten Tag sollte die Regelung in Kraft treten, am Abend des 9. November war keiner von den Grenztruppen informiert. Doch der Informationsminister machte sich darüber offenbar keine Gedanken. Als ein Journalist danach fragte, ab wann das denn gelte, sagte Günter Schabowski den folgenschweren Satz: „Nach meiner Kenntnis … ist das sofort.“ Danach gab es kein Halten mehr. Um Mitternacht war die Mauer gefallen, hatten Tausende friedlich die Grenzen überschritten. Wie heikel das alles war, hat Schabowski später durchaus erkannt. „Es ist ein Wunder, dass damals kein Blut geflossen ist“, betonte er auch bei jenem Interview 2008 noch einmal ausdrücklich. Es fand im Westteil Berlins statt, dorthin war Schabowski umgezogen. Bei einem Anzeigenblatt im hessischen Fulda hatte er in den 90er-Jahren lange noch als Redakteur gearbeitet.

Von der Reisefreiheit, die er verkündet hatte, profierte er übrigens am wenigsten: Schon aus finanziellen Gründen konnte er sich keine Auslandsaufenthalte mehr leisten. Die Prozesskosten nach der Wende, die gestrichene Pension: „Einmal Frankreich und Dänemark, das war’s“, sagte er. Dafür stand ihm zu DDR-Zeiten die halbe Welt offen: Als Politbüromitglied führte er ein privilegiertes Leben, reiste nach Russland und Afrika, besuchte als Staatsgast Indien, Nordkorea und China.

Günter Schabowski starb 86-jährig am 1. November 2015 in Berlin. Die Mauer wäre vermutlich auch ohne ihn gefallen, nur eben nicht am 9. November 1989. Der Zeitpunkt und die Umstände jener seltsamen Pressekonferenz werden für immer mit seinem Namen verbunden bleiben. □

 

 

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