Christliche Themen für jede Altersgruppe

Narben, die lange schmerzen - Beziehungsabbruch, geraubte Zukunft

„Ich geh, ihr seht mich nie wieder!“. Die Wohnzimmertür knallt zu. Dann die Haustür. Geschockt bleibt Familie K. zurück. Eben noch hat sie den 70. Geburtstag des Vaters gefeiert. Jetzt fehlt der Sohn am Familientisch – und er wird Jahre nicht zurückkehren. Kein Einzelfall: Jährlich brechen Tausende erwachsener Kinder den Kontakt zu ihren Eltern ab.

Gebrochenes Herz. Zerbrochene Beziehung. Foto: Kelly Sikkema, Unsplash. Gebrochenes Herz. Zerbrochene Beziehung. Foto: Kelly Sikkema, Unsplash.

Auch wenn die Zahlen nur geschätzt sind: Selbsthilfegruppen gehen davon aus, dass jährlich mehrere tausend erwachsene Kinder ihre Mütter, ihre Väter, ihre Familien verlassen. Für diese kommt das meist aus heiterem Himmel, sie können nicht nachvollziehen, wie es dazu kommen konnte. „Für Eltern, vor allem für Mütter ist es eine absolute Katastrophe“, sagt Claudia Haarmann. Verlassene Eltern hätten nur noch sich. Kinder seien die Zukunft. Wenn sie gingen, nähmen Kinder ihren Eltern die Zukunft, sagt die Psychotherapeutin mit eigener Praxis, Autorin, Journalistin und Heilpraktikerin.

Auf der Basis ihrer Erfahrungen hat Claudia Haarmann ein Buch zum Thema Kontaktabbruch geschrieben. Jede zehnte Familie in Deutschland sei von einer solchen Funkstille betroffen, schätzt sie, doch in der Gesellschaft bleibt das Thema ein Tabu. Wer sich im Internet durch Foren liest, in Selbsthilfegruppen umhört, dem fällt eine Grundmelodie auf, die von verlassenen Eltern unisono angestimmt wird: „Wir haben doch alles getan, warum tut meine Tochter, unser Sohn uns das an?“ „Subjektiv gesehen, haben diese Eltern tatsächlich ihr Bestes gegeben, sie lieben ihre Kinder, objektiv hatten sie aber oft ihr eigenes Wohl im Auge“, sagt Claudia Haarmann.

Beziehungsabbruch - Keine Zeit für echte Gespräche

Das eigene Wohl, das sei das Dilemma in einer Gesellschaft, die sich am Materiellen orientiere. Haarmanns Analyse: Kinder, die den Kontakt zu ihren Eltern abbrechen, sind zwischen 30 und 40 Jahre alt. Ihre Eltern richteten ihre ganze Energie nach Außen, in eine erfolgreiche Berufstätigkeit, das Eigenheim, das Funktionieren des Familiengefüges. „Da blieb wenig Energie für die Atmosphäre in der Familie übrig, es mangelte an körperlicher Nähe, an Zeit für echte Gespräche“, sagt Haarmann. Bindung brauche Akzeptanz, die die Freiheit des anderen ermögliche.

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Oft geben die Mütter den Anlass für einen Kontaktabbruch. In der großen Nähe der Mutter-Kind-Beziehung liegt ein Risiko: Das Kind zu lange und zu intensiv an sich zu binden. Eigene Wünsche zu denen des Kindes zu machen, ist nicht untypisch. Mütter wollen „die beste Freundin der Tochter“ sein, Söhne sollen die stärkende Position anstelle des labilen Ehemannes einnehmen. Wenn Kinder sich aus dieser Enge nicht schrittweise zu lösen vermögen, kommt es – für die Eltern unerwartet – zum Eklat.

„Kontaktabbruch ist ein brisantes und schmerzhaftes Thema für die Betroffenen und ein Tabu, über das die Menschen nicht gern sprechen“, sagt Martina Rudolph-Zeller, Leiterin der Telefonseelsorge Stuttgart. Kontaktabbruch sei „hoch schambesetzt“. Bei 20 Prozent aller Hilfesuchenden gehe es in den Gesprächen mit den Mitarbeitern um Probleme in den Familien, um Beziehungsbrüche, um eingeschränkte und immer wieder gestörte Kontakte. Gefühle wie Kränkung, Verlassenheit, Einsamkeit, aber auch Trotz und vor allem das Nichtverstehen würden von den Verlassenen genannt.

Eine Mutter formuliert es so: „Ich verstehe nicht, warum die Tochter nicht mehr anruft. Ich weiß, sie hat genug zu tun mit den Kindern. Aber sich so gar nicht um mich zu kümmern, ist nicht gut. Ich habe sie doch großgezogen. Wenn sie jetzt ankommt, dann melde ich mich nicht zurück. Soll sie sehen!“

Beziehungsabbrüche - Kirche sollte mehr Hilfe anbieten und Klarheit geben

„Eltern müssen ihren Blick weiten und die Situation des Kindes wahrnehmen“, sagt Rudolph-Zeller. Ein Satz wie „Ich habe doch alles für dich getan“ verstärke die Barrieren. In Krisen- und Trennungssituationen von Eltern fiele die Perspektive des Kindes oft unter den Tisch und hinterlasse Narben, die lange bis ins Erwachsensein schmerzen und nachwirken, sagt die Leiterin der Telefonseelsorge Stuttgart.

In den Seelsorgegesprächen dürfen die Hilfesuchenden sich zunächst aussprechen. „Wir hören von den schmerzenden Gefühlen und versuchen dann, eine andere Perspektive aufzumachen, um die Toleranz für die eigenen Schwächen zu vergrößern“, sagt Martina Rudolph-Zeller. Fragen wie „Können sie sich vorstellen, dass es bei ihrem Kind Vorfälle aus der Kindheit gibt, unter denen es immer noch leidet?“ Oder „Können sie sich vorstellen, dass sie noch einmal mit ihrem Kind über die Kindheit reden wollen?“ könnten einen Weg zu möglicher Annäherung und Verständigung zeigen.

„Ehre deinen Vater und deine Mutter“: Generationen sind mit dem vierten der zehn Gebote groß geworden. Immer wieder wurde das Gebot als Drohgebärde erlebt. Denn wenn du Vater und Mutter nicht ehrst, kann es dir ja nur schlecht ergehen. „Ich glaube, dass es eine Aufgabe der Kirchen wäre, hier mehr Hilfe anzubieten und Klarheit zu geben“, sagt Claudia Haarmann.

Claudia Haarmann. Foto: PressebildClaudia Haarmann. Foto: Pressebild

Einen „Weckruf“ nennt Claudia Haarmann, wenn Kinder ihre Eltern verlassen. „Wenn Eltern empathisch sind, gibt es eine Chance, dass sich die Generationen wieder annähern“, sagt die Psychotherapeutin. Kinder fordern Respekt, sie wollen nicht sein, wie Eltern sie sich wünschen. „Es ist das normale Gefühl der Autonomie, wenn es Kindern zu eng wird, zu nah, zu kontrolliert.“

Formulierte Sätze von Eltern wie „Uns trennt kein Blatt“, „Wir denken immer gleich“ seien nichts anderes als die eigene Sehnsucht der Eltern nach mehr Tiefe in der Beziehung – „eine vollkommene Illusion“, so formuliert es Haarmann. Vor allem im Kontext Mutter-Tochter spüre die Tochter genau, dass die Mutter die Liebe ihrer Tochter brauche, um die eigene Fragilität zu stabilisieren. „Das aber ist nicht die Aufgabe von Kindern“, stellt die Autorin klar. Die Generation heute stände selbst vor immensen Problemen: Die Zerstörungen der Umwelt, die Anforderungen im Beruf, die Vereinbarkeit von Beruf und Familie. „Bei einer Funkstille muss es die ältere Generation sein, die den ersten Schritt zur Annäherung geht“, sagt Claudia Haarmann. Keiner sei irgendwie „schuldig“ geworden, aus ihrer Sicht haben Eltern oft alles richtig gemacht. Aber das Beste, was eine Mutter geben möchte, sei nicht immer das Richtige für ein Kind. Gefühle und Bedürfnisse von Kindern würden oft nicht wahrgenommen.

Foto: Daiga Ellaby, UnsplashFoto: Daiga Ellaby, Unsplash

Respekt und Achtung vor den Wünschen des anderen

Eine familiäre Krise fordert immer auch die Beschäftigung mit der eigenen Vergangenheit, mit der Kindheit. Wenn es sein muss, mit professioneller Hilfe. „In 99 Prozent der verlassenen Mütter war schon das Verhältnis zur eigenen Mutter getrübt“, hat die Heilpraktikerin erfahren.

Doch wie könnte ein erster Schritt aussehen? „Behutsamkeit ist wichtig“, sagt Jörg Eikmann. Das Aussprechen von Appellen („Warum tust du uns das an?“) oder das Ansprechen der Schuldfrage erzeugten Druck, die Situation werde noch emotionaler und damit unberechenbarer, sagt der Diplom-Psychologe und Autor. Appelle an das kindliche Gewissen machen seiner Ansicht nach viel kaputt, ehrliche Einsicht in die eigene Unvollkommenheit weckt Hoffnungen. „Respekt und Achtung vor den Wünschen des anderen Menschen sind angebracht“, sagt Eikmann. Wer andere als übergriffig und damit zu stark erlebe, provoziere weitere und noch härtere Abgrenzungsbemühungen. 

Buch-Tipp

Claudia Haarmann
Kontaktabbruch in Familien: Wenn ein gemeinsames Leben nicht mehr möglich scheint. Kösel-Verlag 2019, 288 Seiten, gebunden, 22 Euro.

Jörg Eikmann
Eltern – das war’s! Warum Kinder plötzlich gehen. Books On Demand 2012, 156 Seiten, 13,90 Euro.

 

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