Christliche Themen für jede Altersgruppe

Neue Lehre, viele Kirchen

Die Reformation erschütterte die katholische Kirche und die gesamte damalige Welt. Der Mönch Martin Luther hatte sie in Gang gebracht und auch in Baden und Württemberg seine Anhänger gefunden. Wir zeigen in der folgenden Serie die wichtigsten Orte der Reformation im Südwesten. 


Das Lutherdenkmal in Eisenach. (Foto: epd-bild)


Zu den Studenten gehörten Personen, die für die Reformation in Baden und Württemberg wichtig werden sollten: Der damals 19-jährige Johannes Brenz war dabei, der der geistige Vater der Württembergischen Landeskirche werden sollte, und der 27-jährige Martin Bucer, der in Straßburg reformatorische Maßstäbe setzte und wie Brenz auch die badischen Gebiete beeinflusste. Beide sogen in sich auf, was ihnen der Mönch aus Wittenberg erzählte und nahmen seine Gedanken mit zu ihren Wirkungsstätten.

Es dauerte ein wenig, bis sich in Baden und Württemberg die Reformation durchsetzte. Dabei darf man sich kein geschlossenes Territorium wie in der heutigen Zeit vorstellen. Die mittelalterliche Welt des 16. Jahrhunderts war in viele kleine Herrschaftsgebiete zersplittert, deren Besitzungen zum Teil verstreut im ganzen Land lagen. So gab es zwar ein Herzogtum Württemberg, aber es war viel kleiner als das spätere Königreich. Auch die Markgrafschaft Baden war nicht zu vergleichen mit dem Großherzogtum des 19. Jahrhunderts und überdies geteilt in eine Durlacher und Baden-Badener Linie.

Vor allem aber ragte in den Norden des heutigen Badens ein anderes Territorium hinein, das in der Reformation ganz eigene Wege gehen sollte: die Kurpfalz. Zu ihr gehörte auch das von Luther besuchte Heidelberg, und es sollte zu den vielen Ironien der Geschichte gehören, dass der einzige Ort im heutigen Baden-Württemberg, den der Wittenberger Reformator nach 1517 je persönlich besucht hat, vom lutherischen Glauben abfiel: Jahrhundertelang dominierte dort die reformierte Richtung nach Schweizer Vorbild. Der bekannte Heidelberger Katechismus, der 1563 veröffentlicht wurde, er stand für den Sonderweg der Kurpfalz unter Kurfürst Friedrich dem Frommen.

Es hatte in der Tat nicht lange gedauert, bis es im Lager der Reformation zu Richtungskämpfen gekommen war. Vielen ging Luther mit seinen Reformen nicht weit genug. Vor allem der Züricher Reformator Huldrych Zwingli wurde zu seinem Gegenspieler und versuchte, mit allen katholischen Traditionen zu brechen.

Radikal wurde aus Schweizer und Kurpfälzer Gotteshäusern alles entfernt, was an katholische Heiligenbilder erinnerte. Noch heute sucht man in reformierten Kirchen vergeblich einen Altar und viele Pfarrer tragen dort keinen Talar, sondern Straßenkleidung. Luther aber hielt prinzipiell am Ablauf der feierlichen katholischen Messe fest, füllte sie aber mit evangelischen und deutschsprachigen Inhalten.

Dass man die lutherische Messe in Baden und Württemberg nicht so gut kennt, liegt an der besonderen Geschichte, die die Territorien im Südwesten haben. So bestanden im Herzogtum Württemberg jahrzehntelang lutherische und reformierte Traditionen nebeneinander: Während der Norden des heutigen Württembergs von den Reformen Luthers beeinflusst war, sympathisierten die oberdeutschen Städte wie Biberach oder Ravensburg mit der Schweiz. Der Richtungsstreit im Herzogtum wurde schließlich zugunsten der Lutheraner entschieden, freilich mit der Besonderheit, dass der Ablauf des Gottesdienstes in seiner Schlichtheit an die Schweizer Reform erinnert. Der oberdeutsche Predigtgottesdienst war ein Kompromiss, mit dem alle leben konnten.

Erst 1534 hatte Herzog Ulrich in Württemberg die Reformation eingeführt. Die freien Reichsstädte waren Vorreiter gewesen, in Reutlingen, Ulm, Esslingen und Schwäbisch Hall konnte man schon früh Pfarrer nach der neuen Lehre predigen hören. Aus Schwäbisch Hall kam auch der Mann, der mit Geschick und Diplomatie die Fäden im Herzogtum spann: Der Lutheraner Johannes Brenz wurde zum Vater der württembergischen Landeskirche, sein Katechismus und seine Kirchenordnung sollten das Land auf Jahrhunderte hinaus prägen.

Fast 40 Jahre hatte es gedauert, bis der Protestantismus im Kaiserreich endlich akzeptiert war. Mit dem Augsburger Religionsfrieden 1555 konnte jeder Landesherr nun frei entscheiden, welcher Glaubensrichtung er und seine Untertanen nun folgen wollten. Zuletzt hatten die evangelischen Fürsten im Schmalkaldischen Krieg eine empfindliche Niederlage einstecken müssen. Auf dem Reichstag zu Speyer 1529 hatten sie förmlich gegen das Verbot der lutherischen Lehre protestiert – und hießen fortan Protestanten.

Die Markgrafschaft Baden bekannte sich erst 1556 zur Reformation. Nur im Kraichgau und in Wertheim hatte es zuvor schon evangelische Gemeinden in größerem Umfang gegeben. Doch mit dem Augsburger Religionsfrieden ging auch hier alles seinen Gang. Endlich konnten neue Kirchenordnungen geschrieben werden: Sie stellten den Landesherren an die Spitze der jeweiligen evangelischen Kirche. Bis 1918 war er zugleich weltliches und geistliches Oberhaupt, ehe nach dem Ersten Weltkrieg das landesherrliche Kirchenregiment abgeschafft wurde.

Bereits die Napoleonischen Kriege hatten Anfang des 19. Jahrhunderts für die Kirchen im Südwesten erhebliche Neuerungen mit sich gebracht: So lebten im neu formierten Königreich Württemberg nun erstmals auch katholische Untertanen, und Baden sah sich auf evangelischer Seite plötzlich zwei Landeskirchen gegenüber: Durch die Aufhebung der Kurpfalz mussten reformierte Heidelberger und lutherische Karlsruher unter dem Dach des Großherzogtums zusammenleben.

Das hielt nicht lange an: 1821 kam es zur Vereinigung der beiden unterschiedlichen Richtungen. Es entstand die Vereinigte Evangelisch-Protestantische Kirche von Baden, eine der drei so genannten unierten Kirchen in Deutschland, in denen ehemals lutherische und reformierte Christen ihre Gegensätze für beendet erklärten.

Die Vielfalt ist kennzeichnend für die evangelische Glaubenswelt. Die Freiheit des Christenmenschen ohne eine Zentralgewalt des Papstes, sie gilt für alle reformatorischen Kirchen. So gibt es eine katholische, aber unzählige protestantische Kirchen. Sind sie nicht Bestandteil einer Landeskirche, werden sie Freikirchen genannt.

Das Priestertum aller Getauften ist ihnen allen gemeinsam. Zwischen Gott und dem Menschen darf keiner stehen, kein Heiliger und kein Papst. Als Luther dies 1521 in Worms widerrufen sollte, weigerte er sich mit den Worten, die später auf die griffige Kurzformel gebracht wurde: „Hier stehe ich, ich kann nicht anders, Gott helfe mir, Amen!“



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