Christliche Themen für jede Altersgruppe

Neustart mit 87

Der Entschluss fiel weder der Mutter noch den Töchtern leicht. Doch sie haben das Haus geräumt, das 53 Jahre lang der Familiensitz in Ravensburg war. Die Mutter lebt mittlerweile in Stuttgart und ihre Tochter, die Journalistin Ursula Ott, hat ein Buch über den Umgang mit den Dingen und den Neustart geschrieben. Im ­Gespräch mit Dorothee Schöpfer erzählt sie, dass auch ein alter Baum wieder austreiben kann. 

Die Journalistin Ursula Ott. (Foto: Pressebild/Lena Uphoff)

In der Regel wird ein Haus entrümpelt, wenn es leer steht. Sie haben das mit Ihrer Mutter gemeinsam getan. War das einfacher?

Ursula Ott: Ich hätte es meiner Mutter gerne erspart, erleben zu müssen, dass am Ende eben doch einige ihrer Möbel zertrümmert wurden, weil sie keiner haben wollte. Aber insgesamt war das Räumen für uns gemeinsam leichter, weil wir auf so viele Gegenstände gestoßen sind, die eine Geschichte erzählen wollten. Es ist wunderbar, wenn man dann ins Gespräch eintauchen kann. Für mich war es ein großes Geschenk, meiner Kindheit wieder zu begegnen und mit meiner Mutter bestimmte Phasen meines Lebens noch einmal durchzugehen.


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Aber man muss doch auch weiterkommen beim Räumen ...

Ursula Ott: Darüber musste ich mir nie Sorgen machen. Meine Mutter ist eine patente schwäbische Trümmerfrau, die die Ärmel hochkrempelt und loslegt. Es war immer meine Mutter, die irgendwann gesagt hat: „So. Jetzt aber“, wenn wir innegehalten haben und ins Reden gekommen sind. Sie wollte, dass es vorangeht. Aber sie hat sich gefreut, dass wir manches besprochen haben. Unsere Elterngeneration hat etwas zu erzählen.


Wenn man die Chance nutzen will, beim Räumen ins Gespräch zu kommen, dauert das aber länger als drei Wochenenden.

Ursula Ott: Es hat ein Jahr gedauert. Das klingt nach Luxus – manchmal braucht man ja das Geld des Hausverkaufs, um damit die neue Bleibe zu finanzieren. Aber uns hat dieses Jahr sehr gutgetan. Es klappt ja nicht immer gleich mit dem Reden oder mit der Entscheidung, was man behalten und was man weggeben will. Mit der Zeit geht das alles besser.


Wovon konnten Sie sich am schwersten trennen?

Ursula Ott: Von den Dingen, die Herzenswärme ausstrahlen. Zum Beispiel die Modell-Oldtimer, die die Monteure meines Vaters als Geschenk gebastelt haben. Es ist mir schwergefallen, die Zinnbechersammlung bei der Metallverwertung abzugeben, mich von Dingen zu trennen, die meinen Eltern etwas wert waren, für die sie lange gespart haben. Ein Pelzmantel zum Beispiel. Den will heute niemand mehr haben, selbst geschenkt nicht. Doch immer wenn wir jemanden gefunden haben, der den Gegenständen neues Leben ermöglicht, der etwa einen Sessel übernommen hat, dann war der Abschied nicht schwer. Das waren die besten Tage.


Und wie ging es Ihrer Mutter?

Ursula Ott: Sie war enttäuscht, was wir Töchter alles nicht wollten, weder das Silberbesteck noch das Teeservice. Aber wir haben eben beide eingerichtete Haushalte und das Porzellan entspricht auch nicht unserem Geschmack. Auch dass die Enkel nicht mehr an ihre Studienorte mitgenommen haben, hat sie traurig gemacht. Aber selbst wenn ihr die Trennung von manchen Dingen schwergefallen ist, hat sie gesagt: „Ich habe schon einmal alles verloren, dieses Mal werde ich wenigstens gefragt.“ Sie ist mit 14 ausgebombt worden. Beim Ausräumen hat sie noch einmal sehr viel über ihre Kriegserlebnisse geredet. Das hat auch mir geholfen: Man sagt ja, dass die Kinder die Traumata ihrer Eltern erben. Durch die Erzählungen meiner Mutter habe ich auch manche Verhaltensweisen bei mir selbst besser verstanden.


Zum Beispiel?

Ursula Ott: Ich bin überpünktlich und kann schlecht warten, das hat schon viele Freundschaften verstört. Beim Ausräumen haben wir absurd viele Uhren gefunden – und ich habe gemerkt, dass Pünktlichkeit bei meinen Eltern ein übersteigerter Wert war. Möglicherweise typisch für die Kriegsgeneration, weil sie immer Angst hatte, etwas zu verpassen. Jetzt weiß ich es besser einzuordnen, warum ich so überpünktlich bin, und kann in Zukunft vielleicht auch mal eine Viertelstunde warten.


Einen alten Baum verpflanzt man nicht.

Ursula Ott: Ich hasse diesen Spruch. Er wurde mir immer wieder entgegengeschleudert wie ein Giftpfeil. Ich habe ihn von den alten Nachbarinnen gehört, aber auch von einer Freundin in meinem Alter, nachdem der Umzug schon vorüber war. Das fand ich so entmutigend und deshalb so mies.

Wir haben diesen Satz widerlegt mit dem Ausgang unserer Geschichte. Meine Mutter hat sich eingelebt in Stuttgart, neue Wurzeln geschlagen und neu ausgetrieben. Sie ist um Jahre verjüngt, seit sie umgezogen ist. Dieser Spruch tut so, als ob man im Alter nichts mehr verändern darf. Doch das Gehirn bleibt bis zum Schluss elastisch, wenn man immer wieder neue Wege geht, das weiß man aus der Forschung. Dieser Spruch ist im Grunde altersfeindlich.


Wer hat die Entscheidung getroffen, dass es das Beste für Ihre schon lange verwitwete Mutter ist, das Haus aufzugeben und umzuziehen?

Ursula Ott: Meine Mutter alleine hätte es nicht gemacht, es war eine gemeinsame Entscheidung. Die Initiative kam von uns Töchtern, weil wir besorgt  waren, dass sie vereinsamt, wenn sie nicht mehr Auto fahren kann. Und auch für uns wurden die weiten Fahrten immer mühsamer. Meine Schwester lebt in Stuttgart, ich arbeite in Frankfurt und wohne in Köln.


Wo trifft sich die Familie heute, nachdem das Elternhaus aufgelöst ist?

Ursula Ott: Das war eine Frage, die meine Mutter lange vom Umzug abgehalten hat. Genauso wie die Tatsache, dass das Grab meines Vaters auf dem Friedhof in Ravensburg ist. „Dann ist die Heimat weg“, hat sie gesagt. Wir Schwestern und meine Mutter waren in den vergangenen zwei Jahren übrigens dreimal wieder gemeinsam in Ravensburg. Meine Mutter hat bei einer früheren Nachbarin übernachtet und auch im Hotel – was ihr gut gefallen hat.


Und wo haben Sie das erste Weihnachten nach dem Umzug gefeiert?

Ursula Ott: Bei ihr in der Zwei-Zimmer-Wohnung im Betreuten Wohnen.  Wir haben dort auch übernachtet: Der Enkel auf einer Matratze auf dem Boden, ich in ihrem Bett, sie hat auf dem Sofa geschlafen.


Eigentlich müsste diese Frage Ihre Mutter beantworten: Was braucht es, damit man den Mut für einen solchen Neustart fassen kann?

Ursula Ott: Gottvertrauen, dass es gut geht. Meine Mutter ist eine fromme Frau. Der Pfarrer in Ravensburg hat diesen schweren Schritt, den sie gegangen ist, seelsorgerlich begleitet. Kirche ist dazu da, Übergänge zu gestalten. In Stuttgart geht sie jetzt in den Lesekreis, in die Gymnastik, zum Spieleabend, alles Angebote der Gemeinde. Und sie macht Hausaufgabenbetreuung bei einem türkischen Jungen. Die Kirche hat ihr den Neustart sehr erleichtert. Die Lieder im Gottesdienst in Sillenbuch sind die gleichen wie in Ravensburg – Kirche ist für meine Mutter ein Stück Heimat in der Fremde.   


Buch-Tipp

Ursula Ott: Das Haus meiner Eltern hat viele Räume.
Vom Loslassen, Ausräumen und Bewahren.
btb Verlag Random House 2019, 189 Seiten.

ISBN 978-3-442-75824-1.


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