Christliche Themen für jede Altersgruppe

Nicht immer gleich verkaufen

Wenn die Mitgliederzahlen sinken, liegt der Schluss nahe, Kirchen oder Gemeindehäuser zu verkaufen. Davon hält Timmo Hertneck, Dekan in Waiblingen, nichts. Er plädiert eher für Umnutzungen und Kooperationen. Im Gespräch mit Nicole Marten erklärt er, warum und wie das gelingen kann.





Auch wenn die Mitgliederzahlen sinken: Christen sind das Salz, das den Teig durchsäuert und in die Gesellschaft hinein wirkt, findet Dekan Timmo Hertneck. (Foto: privat)

Weshalb sind Sie dagegen, dass Gemeinden ihre Gebäude verkaufen?

Timmo Hertneck:  Gebäude haben eine theologische Bedeutung. Um mit 2. Korinther, 4,7 zu sprechen, haben wir einen Schatz in irdenen Gefäßen. Die irdenen Gefäße, die Gebäude, sind vergänglich. Aber ohne die Stein gewordene Kirche können wir unseren Schatz, den Glauben, nicht leben.

In 1. Petrus 4,10 heißt es: „Dient einander, ein jeder mit der Gabe, die er empfangen hat, als die guten Haushalter der mancherlei Gnade Gottes.“ Im Griechischen steht für Haushalter Oekonomei, also Ökonomen. Wir haben als Kirchenpfleger, Handwerker, Mesner oder Leitungsgremium Verantwortung auch für die Steine.

Im Gleichnis von den anvertrauten Talenten bekommt der Knecht, der seinen Reichtum vergräbt, am Ende den vergrabenen Reichtum weggenommen. Kirchliche Gebäude sind solche Reichtümer. Wenn wir sie verkaufen und den Erlös für laufende Kosten ausgeben, haben wir später  nichts mehr davon. Doch es ist wichtig, Gebäude vorzuhalten für künftige Generationen.

Sie glauben also, dass Gemeinden auch wieder wachsen können?

Timmo Hertneck:  Ja sicher. Unsere Gemeinden sind doch keine an die Wand gefahrenen Wirtschaftsbetriebe. Unsere Gebäudekrise kommt aus einer Finanzkrise heraus, die aus einer Mitgliedschaftskrise entstand. Und deren Ursache ist eine  Glaubenskrise. Doch auch, wenn wir kleiner werden, sind wir dennoch das Salz, das den Teig durchsäuert: Wir haben eine Botschaft, die prickelnd ist und tröstend. Und die wichtig ist für die Gesellschaft. Das sehen wir  häufig nicht mehr. Wir verhalten uns wie der ängstliche Knecht im Gleichnis und vergraben, was wir haben. Stattdessen sollten wir etwas Gutes daraus machen für unsere Enkel. Wenn unsere Gebäude einen Ertrag erwirtschaften, ist das viel besser für die Zukunft als ein Einmal-Ertrag durch Verkauf. Verkaufen können wir übrigens auch noch in 50 Jahren.

Welche Lösung gibt es außer dem Verkauf?

Timmo Hertneck: Ich bin sehr für Umnutzungen und Kooperationen. In Stuttgart-Feuerbach ist die Förichkirche an die Russisch-orthodoxe Gemeinde vermietet, die evangelische Gemeinde feiert donnerstags dort einen Taizé-Gottesdienst. Große Teile der Lutherkirche im Burgenlandzentrum wurden vom bhz Stuttgart, einer Einrichtung der Behindertenhilfe, angemietet. Die Gemeinde nutzt die Räume aber auch. Seit 2010 haben die Gebäude eine Wertsteigerung um 30 Prozent erfahren. Es wäre also nicht klug gewesen, sie damals zu verkaufen. Jedes Gebäude ist in der Lage, die Substanzerhaltungsrücklage und die Bewirtschaftungskosten zu erwirtschaften, vielleicht sogar einen kleinen Gewinn.

Warum hängen Menschen so stark an Gebäuden?


Timmo Hertneck: Schon die Erzväter hatten Orte des Glaubens. Dort, wo Jakob die Himmelsleiter gesehen hat, hat er einen Stein abgelegt, später das Heiligtum Bet-El gegründet. Auch bei Abraham gab es solche Orte. Wenn ein Christ in einer Kirche Gottesdienste gefeiert hat, getraut wurde oder  die Seinen betrauert hat, hat der Ort auf ihn eine bleibende biographische Wirkung.


Das Gottesvolk wird in der Bibel als ein wanderndes Volk beschrieben.

Timmo Hertneck: Es gibt beides: Den Tempel und das Zelt. Und wir haben einen Herrn, der kein Dach über dem Kopf hatte. Dennoch ist es schwer, die Heimat zu verlassen. Wenn man ein Kirchengebäude oder ein Gemeindehaus anders nutzt als früher, hat das Trauer, Abschiedsschmerz und Heimatverlust zur Folge. Dafür habe ich volles Verständnis. Mein Verständnis hört dort auf, wo Prozesse verschleppt werden. Ich bin für entschiedene Lösungen. Mein Ziel dabei ist es, gute Räume für die Kirche zu haben, in denen Kinder aufwachsen können und Begegnungen stattfinden. Die außerdem mit moderner Technik ausgestattet sind.

Pfarrer und Dekane, die solche Prozesse vorantreiben, werden oft angefeindet. Wie gehen Sie damit um?

Timmo Hertneck: Anfeindungen, die unter die Gürtellinie zielen, weise ich zurück. Auf der Sachebene versuche ich zu klären, wo die Interessen liegen, wo sie verschieden sind – und natürlich zu erklären, warum der Gemeinderat so entschieden hat. Es ist ja eine Mehrheitsentscheidung. Ich versuche auch deutlich zu machen, welcher Vorschlag weshalb den Zuschlag bekommen hat und welcher nicht.

Wie lässt sich ein solcher Prozess gut steuern?


Timmo Hertneck: Transparenz ist wichtig. Die Menschen müssen wissen, wie das Projekt abläuft, was der Kirchengemeinderat will. Und dann muss eine Projektkonzeption erstellt werden, die die Hintergründe, Ziele und Dauer des Projektes definiert. Die Vorarbeit ist zu klären, die Projektgruppe und die Kosten. Das alles muss kommuniziert werden.