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Nie vor dem Tod resigniert - Körperspende

Waltraud Leucht hat sich entschieden: Sie möchte ihren Körper nach dem Tod der Anatomie spenden. Für die 71-Jährige die logische Entscheidung für das Ende ihres Lebens, in dem äußere Ereignisse und innere Ängste sie immer wieder zwangen, sich mit dem Tod ausein-anderzusetzen.

Der Tübinger Bergfriedhof aus der Luft. Hier werden die Körperspender bestattet.
© Foto: pd

Ihre letzte Ruhestätte hat Waltraud Leucht noch nicht besucht. Aber sie hat es fest eingeplant. Den Tübinger Bergfriedhof, hochgelegen, mit Blick auf die Südstadt. Der Ort, an dem ein Urnengräber-Feld speziell für diejenigen vorgesehen ist, die ihren Körper dem Anatomischen Institut der Universität Tübingen spenden.

Waltraud Leucht besitzt einen Körperspende-Ausweis. Die 71-jährige Journalistin hat sich dazu entschieden, sich nach dem Tod der medizinischen Lehre und Forschung zur Verfügung zu stellen. Den Organspende-Ausweis, den sie seit vielen Jahren immer dabei hatte, hat sie „zerrissen“. Denn Körperspender können nur Menschen werden, deren Körper nach dem Tod unversehrt sind.

Viele Verluste in kurzer Zeit - der Tod macht vor keinem Halt

Waltraud Leucht möchte den Weg der Körperspende, den „Weg der Anonymität“ gehen, wie sie es nennt. Einen langen Weg, der viel mit der Rolle zu tun hat, die der Tod in ihrem Leben gespielt hat. „Ich habe in den vergangenen Jahren alle Menschen verloren, die ich liebe“, sagt sie. Ihren Lebensgefährten fand sie 2002 tot in der Wohnung. Ihre Mutter, von der sie sich besonders gut verstanden fühlte, starb im Jahr 2006. Auch ihre beste Freundin ist seitdem verstorben und ihr bester Freund, ein Künstler. Ihn hatte sie während ihrer journalistischen Ausbildung bei der „Stuttgarter Zeitung“ kennengelernt, wo er als Grafiker arbeitete. Sie waren eine Weile ein Paar, später weiterhin gute Freunde.

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Zärtlich erzählt Waltraud Leucht von ihren letzten gemeinsamen Jahren. Der schwerkranke Freund sei auch unter großen Schmerzen zu ihr gefahren. „Nur, damit wir uns sehen.“ Gemeinsam haben sie noch mehrmals Urlaub auf Mallorca gemacht, in den besten Hotels übernachtet. „Ich habe dort mein ganzes Geld mit ihm auf den Kopf gehauen.“ 2014 verstarb der Freund. Waltraud Leucht erbte seine Bilder, die sie im Gedenken an ihn ausstellt.

Der Tod hat Waltraud Leucht auch innerlich lange beschäftigt. Über Jahrzehnte litt sie an Panikattacken und Todesängsten, glaubte, bald sterben zu müssen. Im Beruf hielt sie dies geheim. „Nie hat jemand etwas bemerkt“, sagt sie heute. Trotz der ständigen Belastung hat sie Karriere gemacht. Waltraud Leucht begann 1967 als Sekretärin bei der „Abendschau“ im Süddeutschen Rundfunk (SDR). Später war sie Redakteurin bei Printmedien und ging in den 80er-Jahren wieder zum SDR. „Ich habe zu denen gehört, die 1984 den Video-Text aufgebaut haben“, erzählt sie nicht ohne Stolz.
Waltraud Leucht © Foto: Privat

Körperspende - nach dem Tod der Wissenschaft dienen

Ihre Todesängste hat Waltraud Leucht mit Therapien in den Griff bekommen. Daran, nach ihrem eigenen Tod ihren Körper zu spenden, hatte sie aber lange nicht gedacht. Im Gegenteil: ihre Beerdigung hatte sie bereits detailliert geplant. Verbrannt wollte sie werden, die Urne wäre im Familiengrab in Bad Cannstatt beigesetzt worden. Sie hatte Lieder für die Trauerfeier ausgesucht und sogar selbst eine Trauerrede geschrieben, die sie ihrer Nichte für die Feier als Testament hinterlassen hätte. Alles war vorbereitet.

Dann starb die beste Freundin ihrer Mutter. Waltraud Leucht wollte zur Trauerfeier gehen. Aus Dankbarkeit dafür, dass die Freundin sich so liebevoll um die Mutter gekümmert hatte. Sie erfuhr, dass die Freundin ihren Körper der Anatomie gespendet habe, die Trauerfeier erst in zwei Jahren stattfinden würde. So wurde sie auf das Thema Körperspende aufmerksam.

Waltraud Leucht ging im Frühjahr 2017 zur Aussegnungsfeier nach Tübingen – und staunte. Die Stiftskirche war „knallvoll“ und das Programm, das die Studierenden gestalteten, beeindruckte sie. „Es war so wunderbar dort, dass ich meine Grabrede, meine ausgesuchte Beerdigungsmusik, all die detaillierte Planung vergessen habe.“

Waltraud Leucht überlegte erstmals selbst, ihren Körper nach dem Tod zu spenden. Sie ließ sich beraten, wägte ab und beschloss schließlich: „Ja, ich will das machen.“ Seit Dezember 2018 ist sie registriert und trägt den Körperspender-Ausweis im Geldbeutel.

Bewegt von der Aussegnungsfeier für die toten Körperspender

Gründe für ihre Entscheidung gab es letztlich mehrere. Ein kleiner sei gewesen, dass die Universität die Bestattungskosten übernimmt: „Damit nehme ich eine Last von den Schultern meiner Angehörigen.“ Aber es habe sie auch beeindruckt, wie dankbar die Studierenden sich auf der Aussegnungsfeier gegenüber den Körperspendern zeigten: „Die meinen es ernst wenn sie sagen, dass sie viel dadurch lernen. Gäbe es keine Körperspenden mehr, würde etwas ganz Wichtiges in der medizinischen Ausbildung fehlen.“

Aussegnungsfeier für Körperspender der Uni TübingenFür den „Schwarzwälder Boten“ besuchte Waltraud Leucht die Aussegnungsfeier im Frühjahr 2019 – den eigenen Körperspende-Ausweis bereits in der Tasche. Sie erlebte die Feier im ständigen Wechsel zwischen der professionellen Distanz der beobachtenden Journalistin und der unmittelbaren Berührtheit der künftig Betroffenen. „Wer wird dort einmal für mich sitzen?“, fragte sie sich. Ihre engste Verwandte, ihre Schwester, ist neun Jahre älter. Sie wird aller Voraussicht nach vor ihr sterben. Vermutlich, sagt Waltraud Leucht, wird es ihre Nichte sein, die dann auf einer Bank in der Stiftskirche Platz nehmen wird.

Bei aller Entschlossenheit: An einer Sache merkt Waltraud Leucht, dass die Entscheidung zur Körperspende ihre Sicht der Welt verändert hat. „Ich bin begeisterte Leserin von skandinavischen Krimis und schaue mir auch gerne die Verfilmungen dazu an. Wenn jetzt aber in so einem Film die Pathologen anfangen, an Leichen die Todesursache herauszufinden, dann schüttelt es mich.“

An ein Leben nach dem Tod glaubt Waltraud Leucht nicht. Sie genießt das Leben, das sie auf der Erde hat. Und ihr Rückblick fällt trotz allem positiv aus: „Bei all den schlechten Dingen in meinem Leben bin ich immer meinen Weg gegangen und habe nie meinen Humor verloren.“

Tübinger Stiftskirche © Pressebild

Waltraud Leucht malt Bilder, stellt Collagen aus, gibt Lesungen. Beharrlich hat sie über Jahre das Schicksal ihrer behinderten Tante Klara erforscht, die 1941 verschwand und ermordet wurde. Für die Tante wurde hinter dem Stuttgarter Stadtpalais der erste akustische Stolperstein errichtet. Und vor kurzem erst hat Waltraud Leucht mit einem Gedicht über ihren verstorbenen besten Freund einen Preis gewonnen. Sie sagt: „Mein Leben ist bunt und bewegt und ich habe nicht resigniert. Das habe ich nie gemacht.“

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