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Niemals aufgeben - Armut in der Stadt, die Herausforderung.

Dieter Saltuari war Boxer, überwachte als Verkehrsmeister Bus- und Bahnverkehr. Als er 15 war, starb sein Vater, Jahre später der Sohn. Seine Frau gab ihm den Laufpass. Jetzt ist er 75, das Leben ist auch jetzt kein Zuckerschlecken. Warum er trotzdem nicht aufgibt.

Geld gegen Essen.Foto: Stevepb, pixabayFoto: Stevepb, pixabay

Eigentlich hätte alles so schön kommen können im Leben von Dieter Saltuari. Der heute 75-jährige Wahlstuttgarter war nahe dran, einen Vertrag zu bekommen beim VfB Stuttgart. Doch der Trainer meinte, er sei noch zu jung. Saltuari ging in den Profi-Boxsport – aus Trotz, wie er rückblickend sagt. Dort hat er es immerhin bis zur Teilnahme an der Europameisterschaft im Halbschwergewicht gebracht. Doch irgendwann stand er vor der Frage, ob er es so machen würde wie seine Kollegen. Die nämlich hätten sich hinreißen lassen zum Medikamentenmissbrauch, erzählt er.

Dieter Saltuari wollte da nicht mitspielen. Und so hörte er auf. Ging zur Straßenbahn, arbeitete sich dort bis zum Verkehrsmeister hoch. Lernte eine Frau kennen, die er dann auch heiratete. Bekam einen Sohn. Zog mit der Familie in eine Eigentumswohnung in Stuttgart.

Dann kam ein Satz wie ein Paukenschlag, der die Erde zum Zittern brachte. Denn kaum waren sie umgezogen, sagte Saltuaris Frau zu ihm, dass er ihr als Partner zu alt sei. Und das nach 15 Jahren Ehe und einem „schönen Familienleben“, wie er sagt.

Dieter Saltuari ist Stammgast bei der Stadtmission in Stuttgart. Foto: Nicole MartenDieter Saltuari ist Stammgast bei der Stadtmission in Stuttgart. Foto: Nicole Marten

Dieter Saltuari ging. Machte weiter, kaufte sich eine andere Wohnung. Bat seinen Sohn Stefan darum, sich zwischen ihm und seiner Exfrau zu entscheiden. Stefan blieb beim Vater, wurde Testfahrer bei Daimler, heiratete, bekam zwei Kinder.

Die Zahl 39 ist eine ganz besondere

Es hätte also alles irgendwie doch noch schön werden können. Bis zu jenem Tag vor elf Jahren: Als Stefan eine Testfahrt machte in der Nähe von Sindelfingen. Ein Lkw kam ihm auf seiner Spur entgegen, Stefan wich aus, der Anhänger, der voll beladen war mit Eisenteilen, kippte um. Direkt auf das Testfahrzeug. 75 Tonnen Gewicht. Stefan war sofort tot. Dieter Saltuari wollte zur Unfallstelle. Wollte den Ort sehen, wo das Unglück geschah. Scheute sich nicht, das anzuschauen, was vom Sohn noch übrig war. „Er war nur noch sieben Zentimeter hoch.“ Dieter Saltuari sagt es ruhig. Gefasst. Blickt seinem Gegenüber direkt in die Augen. Doch so richtig fassen kann er es immer noch nicht. Zweimal im Monat pilgert er zur Unfallstelle, will sich erinnern.

Stefan wurde nur 39 Jahre alt. 39. Diese Zahl ist für Dieter Saltuari eine besondere. Denn nicht nur sein Sohn, auch Saltuaris Vater starb mit 39. Der Vater war Ausbilder bei der Straßenbahn. Eines Tages, bei einer Fahrt mit einem Schüler, passierte es. Keiner wusste von der Baustelle im Tunnel beim Löwentor. Mit 25 Stundenkilometern fuhren sie ein, die Bahn entgleiste und prallte auf einen Stützpfeiler. Drei Tage lebte der Vater noch, dann starb er an den Verletzungen. Dieter Saltuari war damals 15, seine Mutter überfordert mit der Situation. Also kam Dieter ins Heim. Der Sportplatz war seine Rettung. Dorthin war er auch schon früher immer und immer wieder gegangen. „Während die anderen spielten, bin ich zum Sport“, sagt Dieter Saltuari.

Heute geht er regelmäßig wandern. Zusammen mit einem Freund, der in seinem Leben ebenfalls Schweres erlebt hat. Klaus Schuhmacher heißt er. Kennengelernt haben sich die beiden bei der Stadtmission in Stuttgart. Dort gibt es von Montag bis Freitag ein Mittagessen für 2,50 Euro, und nachmittags ist die Wärmestube geöffnet. Dort liest man Zeitung, unterhält sich, spielt miteinander Gesellschaftsspiele. Die meisten, die hierherkommen, haben wenig Geld. Andere leben auf der Straße. Dieter Saltuari weiß, dass es ihm vergleichsweise gut geht. Immerhin hat er eine Wohnung, die ihm gehört. Aber die Rente ist dennoch knapp. Und wo könnte er Menschen finden, denen das Leben so stark zugesetzt hat, wenn nicht hier? „Ich habe hier ein Schlupfloch gefunden“, sagt er.

Das Schlupfloch und die Gemeinschaft dort tragen Saltuari. Doch wie kann einer mit solchen Erlebnissen weitermachen, ohne zu zerbrechen? Das weiß Dieter Saltuari auch nicht so genau. Aus dem Boxsport nimmt er sein Lebensmotto. „Wenn du unten bist, musst du nach oben schauen. Du darfst nie aufgeben. Musst alles versuchen.“ Das tut er. Tag für Tag.

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