Christliche Themen für jede Altersgruppe

Nur zwei blieben im Westen

Geplant waren bis zu 5000 Christen aus der DDR, die Anfang Juni 1989 zum evangelischen Kirchentag nach West-Berlin reisen sollten.Letztlich kamen genau 374 Ostdeutsche zu dem Christentreffen. Nur zwei kehrten nicht zurück.


Vor 25 Jahren durften zum Kirchentag auch DDR-Bürger nach Westberlin reisen. Ein paar Monate später fiel die Mauer. (Foto: epd)

„Es war ein schwieriges Vorhaben im Mai vor 25 Jahren“, sagt der damalige Konsistorialpräsident der Evangelischen Kirche Berlin-Brandenburg (Ostregion), Manfred Stolpe, der später Brandenburgs Ministerpräsident und 2002 Bundesminister wurde. Dass Christen aus der DDR zum Kirchentag nach West-Berlin reisen durften, ist einem Brief des damals bereits pensionierten Landesbischofs Albrecht Schönherr an den Staatsratsvorsitzenden und SED-Generalsekretär Erich Honecker zu verdanken.

Stolpe lacht, wenn er sich daran erinnert. In der zweiten Maiwoche 1989 hatte er ein vertrauliches Gespräch mit zwei westdeutschen Journalisten. Die eine habe gefragt, wie viele Kirchenvertreter aus der DDR zum Kirchentag im Juni nach West-Berlin fahren dürften. „Genau so viel wie zum Kirchentag in Frankfurt am Main vor zwei Jahren“, habe er geantwortet und wohl auch die Zahl 120 genannt. Da habe der andere eingeworfen: „Finden Sie nicht, dass es für West-Berlin mehr Leute sein müssten? Die DDR behauptet doch stets, West-Berlin liege auf ihrem Territorium!“

Da kam Stolpe eine Idee: Die DDR gab Tagesvisa für Ost-Berlin aus, die nur Westdeutsche erhielten. „Könnte man nicht versuchen, Tagesvisa für Ostdeutsche zum Besuch von West-Berlin auszugeben?“ Die beiden Journalisten fanden das gut.

„Für die Verhandlungen kommt nur der Altbischof in Frage!“ sagte er den Journalisten und forderte sie auf, die Idee bei einem wichtigen Politiker im Westen „abzusichern“. Vielleicht müsse der noch nachhelfen. Stolpe dachte an den Regierenden Bürgermeister Walter Momper.

Stolpe überzeugte Albrecht Schönherr, Honecker zu schreiben. Allerdings habe Schönherr, als Stolpe von 1000 oder 2000 Plätzen sprach, dies „eine abenteuerliche Vorstellung“ genannt. Seine Bitte vom 16. Mai galt für 300 Leute. Honecker stimmte zu. Die prompte Antwort zeigte Stolpe, dass zu wenig gefordert worden sei. Er bat den Journalisten, bei Momper nachzufragen, ob er noch einen Weg wisse. Er wusste einen. Am 25. Mai wollte sich der SPD-Vorsitzende Hans Jochen Vogel mit Honecker auf Schloss Hubertusstock am Werbellinsee treffen. Momper rief Vogel noch am Abend an.

Vogel konnte die Zahl der West-Berlin-Reisenden erhöhen. „Ich habe es auf 374 gebracht. Fragen Sie mich nicht, warum gerade 374. Ich weiß es nicht“, sagte er am Nachmittag jenes 25. Mai vor Journalisten in der Ständigen Vertretung in Ost-Berlin, der offiziellen Mission der Bundesrepublik in der DDR. Die 374 Plätze wurden auf die damals acht Landeskirchen verteilt. Dabei sollten die Verwaltungen möglichst Menschen auswählen, die noch nie im Westen waren. Stolpe erinnert sich: „Wir wollten dem Staat die Angst nehmen, dass Leute nicht wiederkommen. Das hat die Aktion bewiesen. Nur zwei kamen nicht zurück. Und 374 Christen aus der DDR haben sich am 10. Juni 1989 riesig über ihre erste Westreise gefreut.“

Stolpe ist überzeugt, dass der Vorgang ein Meilenstein auf dem Wege zur Maueröffnung war. Es beeindruckte den SED-Führungszirkel, wenn nicht Honecker, so doch Nachfolger Egon Krenz und Politbüromitglied Günter Schabowski. Krenz bat einen Tag nach Honeckers Ablösung die Kirche zum Gespräch und deutete an, unter seiner Führung könnten noch vor Weihnachten alle DDR-Bürger ungehindert und ohne Antrag reisen – Grund genug für Stolpe, ein Gespräch zwischen Schabowski und Momper zu organisieren. Der Regierende Bürgermeister sollte aus berufenem Mund rechtzeitig erfahren, was auf West-Berlin zukommt. Das Gespräch fand am 29. Oktober statt. Schabowski wiederholte die Worte von Krenz zehn Tage zuvor. Das genaue Datum blieb offen. Elf Tage später fiel die Mauer.epd