Christliche Themen für jede Altersgruppe

Öffentliche Segnung ja, aber ...

Die Tagesordnung der Landessynode war vollgepackt: Nachtragshaushalt, Bauvorhaben, Bericht des ­Landesbischofs und vieles mehr. Eine Frage aber war die mit der meisten Aufmerksamkeit: Dürfen Paare gleichen Geschlechts künftig in öffentlichen Gottesdiensten gesegnet werden oder nicht? Die Antwort fiel nach langem Ringen: Ja, sie dürfen. 

Die Landessynode hat sich ihre Entscheidung nicht leicht gemacht. (Foto: EMH/Gottfried Stoppel)


Am Ende ging es dann doch schnell: Weniger als eine halbe Stunde. In der hat die Landessynode mit der erforderlichen Zweidrittel-Mehrheit ein Gesetz beschlossen, das die Segnung von gleichgeschlechtlichen Paaren in öffentlichen Gottesdiensten erlaubt. Das ist an strikte Vorgaben geknüpft: So müssen Kirchengemeinderäte mit einer Dreiviertel-Mehrheit beschließen, solche Segnungsgottesdienste einzuführen und dafür ihre örtliche Gottesdienstordnung ändern. Außerdem sieht das Gesetz vor, dass nicht mehr als ein Viertel aller Kirchengemeinden in Württemberg das tun kann. Wenn dieses Viertel erreicht ist, muss sich die Landessynode erneut mit der Frage befassen, ob sie generell die Segnung gleichgeschlechtlicher Paare erlauben will – und ob sie dafür eine verbindliche Agende erlässt, also einen Gottesdienst einführt, der vom Ablauf her in allen Gemeinden in Württemberg gleich ist.

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Dass das Gesetz durchgeht, war nicht unbedingt von vornherein klar gewesen. Am Freitagnachmittag stand die erste Abstimmung auf der Tagesordnung, Beratungsbeginn 15 Uhr. Doch schon nach etwa 20 Minuten wurde die Sitzung unterbrochen – für mehr als eine Stunde, damit sich verschiedene Ausschüsse nochmals zur Beratung zusammensetzen konnten. Obwohl manche Synodale in dieser Pause zuversichtlich waren, dass das Gesetz am Ende durchgeht, gab es auch viele, die sich dessen dann doch nicht so sicher waren. Denn es ist ein Kompromiss, mit dem sowohl Konservative als auch Progressive schwer zu kämpfen haben. Die einen, weil ihnen das Gesetz in seiner jetzigen Fassung zu weit geht und sie eine Segnung gleichgeschlechtlicher Paare generell für unbiblisch halten. Die anderen, weil sie nur ein Ziel haben: Die Trauung für Menschen gleichen Geschlechts.

Und so brachten Angehörige des Gesprächskreises Offene Kirche einen Änderungsantrag ein, der genau dies forderte: Das Wort „Gottesdienst“ durch „Traugottesdienst“ zu ersetzen. Doch das ging nicht durch. Auch ein anderer Antrag hatte schlechte Karten: Mitglieder der Offenen Kirche wollten die geforderte Dreiviertel-Mehrheit senken auf Zweidrittel. Die Antragssteller fürchten, dass bei einer Dreiviertel-Mehrheit häufig der Pfarrer oder die Pfarrerin das letzte Wort haben könnte, als „Zünglein an der Waage“ sozusagen. Doch auch dieser Antrag wurde rundweg abgelehnt. Aber bevor es zu diesen Ablehnungen kam, wurde die Sitzung erneut unterbrochen für weitere 20 Minuten; diesmal für Sitzungen der Gesprächskreise.

Lautstark begleitet wurde die Eröffnung der Debatte über die Segnung gleichgeschlechtlicher Paare von einer kleinen Protestdemonstration am Eingang des Hospitalhofes. Dazu eingeladen hatte Julius Kost, Schülersprecher des evangelischen Seminars in Maulbronn. Rund 20 junge Männer und Frauen waren dem Aufruf gefolgt. Sie forderten eine Trauung und nicht nur eine Segnung gleichgeschlechtlicher Paare und stimmten das beliebte Kinderkirchenlied „Immer und überall“ an.

Auch wenn ihre umfassenden Forderungen nicht erfüllt werden konnten, werteten sie die Entscheidung der Synode als Fortschritt. „Jeder Regen fängt mit einem Tropfen an“, meinte etwa die 19-jährige Miriam Kupfer aus Esslingen. Die Maulbronner Seminarschülerin spielt mit dem Gedanken, evangelische Theologie zu studieren, ihre Entscheidung hängt allerdings auch von der weiteren Entwicklung in dieser Streitfrage ab.

Auch „Bunt fürs Leben“, eine Initiative von Theologiestudierenden, gehörte zu den Demonstranten vor der Tür des Hospitalhofs. Für den homosexuellen Theologiestudenten Marcel Brenner ist der Kompromiss mit zu vielen ­Hindernissen behaftet, „aber dennoch ein kleiner Fortschritt“. Die Befür­worter hoffen nun, dass möglichst bald 25 Prozent aller württem­bergischen Gemeinden den Weg der gleichgeschlechtlichen Segnungen ­gehen und die Synode dann neu entscheiden muss.

Auf der Besuchertribüne der Synode fanden sich allerdings auch andere Stimmen, denen der jetzige Kompromiss bereits zu weit geht. Irmgard Dummler zum Beispiel ließ keinen Zweifel daran, „dass ich da eine ganz andere Meinung habe“. Ihre Richtschnur und ihr Maßstab sei die Bibel und die ist für sie in dieser Frage eindeutig. Gegen eine Segnung homosexueller Paare ist auch Kirchengemeinderätin Birgit Schüle aus Böblingen-Dagersheim. „Aus meinem biblischen Verständnis heraus“, sagt sie.

Nachdem im Herbst 2017 das Vorhaben knapp gescheitert war, die öffentliche Segnung von Paaren gleichen Geschlechts generell in der Landeskirche einzuführen, hatte Landesbischof Frank Otfried July einen erneuten Gesetzesvorschlag mit auf den Weg gebracht, einen Minimalkompromiss. Im neuen Gesetz wird in der Präambel, dem Vorwort, festgestellt, dass es in der Landeskirche keine einheitliche Meinung gibt zu dieser Frage, es ist sogar von „Streit“ die Rede. Allerdings einer, der nicht die Einheit der Kirche in Christus in Frage stelle. Unterschiedliche Auslegungstraditionen und geteilte Meinungen darüber, wie die Bibel zu verstehen ist, werden benannt. „Das unterschiedliche Schriftverständnis quält uns“, bekannte der Vorsitzende des Rechtsausschusses, Christian Heckel. Die Präambel lege diesen Zwist offen, betone aber gleichzeitig, „dass wir verbunden bleiben wollen“.

Christian Heckel warnte auch vor den Folgen, wenn das Gesetz nicht verabschiedet würde: „Was passiert mit Pfarrerinnen und Pfarrern, die einen solchen Gottesdienst halten ohne gesetzliche Grundlage? Bekommen sie ein Disziplinarverfahren, gar ein Lehrzuchtverfahren? Greift das kirchliche Aufsichtsrecht?“ Wenn der Entwurf aber die erforderliche Zweidrittel-Mehrheit fände, würde keine Gemeinde, keine Pfarrerin und kein Pfarrer dazu gezwungen, einen Segnungsgottesdienst für Menschen gleichen Geschlechts durchzuführen. „Wer nicht will, muss nicht.“

Der Unordnung wehren und sie durch Übersichtlichkeit in kirchlichem Handeln ersetzen – das sei Absicht des Gesetzes, sagte Jürgen Kampmann, der als Vertreter der Evangelisch-Theologischen Fakultät der Universität Tübingen in der Synode sitzt. Er spielte darauf an, dass es in der Vergangenheit schon häufiger öffentliche Segnungsgottesdienste gegeben hat für gleichgeschlechtliche Paare, obwohl das Kirchenrecht dies bislang gar nicht vorgesehen hat.

Für Siegfried Jahn von der Lebendigen Gemeinde ist das neue Gesetz sogar ein Fortschritt gegenüber dem früheren Entwurf: „Viele Fragen sind jetzt geklärt, die damals noch offen waren.“ Für ihn ist entscheidend, dass die Gewissensfreiheit von Pfarrerinnen und Pfarrern gewahrt bleibt – sie also nicht gegen ihren Willen segnen müssen. Auch findet er gut, dass eine deutliche Mehrheit im Kirchengemeinderat zustimmen muss und dass es keine flächendeckende Segnung gibt. Eine Ehe gibt es für Jahn nur zwischen Mann und Frau.

Sigrid Erbes-Bürkle vom Gesprächskreis Evangelium und Kirche warb ­dafür, das Gesetz als heutige Lösung zu akzeptieren, wie es ist. Damit könne die Synode für Ruhe sorgen. Sie hofft darauf, dass eine spätere Synode auch eine Trauung für alle auf den Weg bringt.

Marina Walz-Hildenbrand vom Gesprächskreis Offene Kirche sprach sich gegen das Gesetz aus; ihr sind die Hürden für die Kirchengemeinden viel zu hoch. Die Hürden findet ihr Gesprächskreiskollege Karl Hardecker ebenfalls sehr hoch. Doch für eine Weiterentwicklung von Bibelverständnis und Verständnis der Schriften der Reformation brauche es eben einfach noch mindestens vier, fünf Jahre.

Für Matthias Böhler vom Gesprächskreis Kirche für Morgen ist das Gesetz ein Ausdruck dessen, worauf sich sein Gesprächskreis bereits 2011 geeinigt habe. Kirche für Morgen sei häufig dafür kritisiert worden, dass in der Frage der Segnung für alle kein eindeutiges Statement aus ihren Reihen zu bekommen ist. „Wir haben im Kleinen den Prozess durchlebt, den die Synode jetzt im Großen erlebt hat.“ Für ihn war die Entscheidung über das Gesetz die Wahl zwischen Diskriminierung – bislang durften gleichgeschlechtliche Paare nur in der Seelsorge nichtöffentlich gesegnet werden – und weniger Diskriminierung durch einen öffentlichen Segnungsgottesdienst.

Begonnen hatte die Aussprache letztlich um 17.30 Uhr, abgestimmt wurde geheim, nach 20 Uhr. Die Mehrheit war knapp dafür. Doch damit war erst die erste Hürde überwunden, die das Gesetz zu nehmen hatte. Über jedes Gesetz wird zwei Mal abgestimmt, und weil bei der so genannten zweiten Lesung, also der zweiten Abstimmung in diesem Falle eine Zweidrittel-Mehrheit erreicht werden musste, wurde es am folgenden Tag noch einmal spannend. Vor eineinhalb Jahren war der damalige Entwurf genau an dieser Zweidrittel-Mehrheit gescheitert.

Landesbischof July ergriff deshalb vor dieser zweiten Abstimmung das Wort. „Wir haben keine einheitliche Antwort gefunden. Aber wir haben uns bemüht, die Verschiedenheit in dieser Frage so zu ordnen, dass in unserer Landeskirche im Nebeneinander gelebt werden kann, ohne das Miteinander unter dem Kreuz infrage zu stellen.“ Das Gesetz lasse die Freiheit, einen Segnungsgottesdienst einzuführen oder eben auch nicht. Es gewähre Gewissensschutz für die Pfarrerinnen und Pfarrer. Und „der Streit um rechtliche Grauzonen und den Umgang mit Rechtsbrüchen hätte sofort ein Ende“. 65 Synodale stimmten für den Entwurf, fünf mehr als die erforderliche Zweidrittel-Mehrheit.

Mit dem Gesetz kann Birgit Schüle, die Zuschauerin, leben, weil es den Kirchengemeinden selbst die Entscheidung überlässt, „und nicht von oben herunter verordnet wird“. Für sie war es der erste Besuch einer Synode ­überhaupt. Ein paar mehr Zuschauer hätte sie bei diesem brisanten Thema erwartet, denn in der Tat waren die Ränge oben nur etwa zur Hälfte gefüllt. Die, die da waren, verfolgten die Diskussion jedoch mit großer Spannung. Sie waren überwiegend froh, dass am Ende eine Mehrheit für ein Gesetz gefunden werden konnte, das Raum lässt für unterschiedliche Überzeugungen und Lösungen im Alltag der Gemeinden.

 

 

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