Christliche Themen für jede Altersgruppe

Orte gegen das Vergessen - Jüdische Spuren in Stuttgart

STUTTGART – Auch in der Landeshauptstadt haben die Nationalsozialisten zwischen 1933 und 1945 jüdische Menschen ermordet oder vertrieben. Auf einer Rundfahrt des Stadtjugendrings erinnerten jüngst zwei Historiker an die Stationen des einstigen jüdischen Lebens.

Mahnmal am Nordbahnhof in Stuttgart. Foto: Katharina HirrlingerDas Mahnmal am Nordbahnhof in Stuttgart. Foto: Katharina Hirrlinger

In der Serie „Jüdische Spuren“ geht es um vergangenes und gegenwärtiges jüdisches Leben in Württemberg. Teil 34: Stuttgart I. - Stuttgart - Im Mittelalter gab es hier bereits jüdische Gemeinden, die aber Ende des 15. Jahrhunderts ausgewiesen wurden.

Sigrid Brüggemann und Roland Maier kennen sich gut aus mit den Spuren jüdischen Lebens in der Stuttgarter Innenstadt. Sie bieten immer wieder Führungen dazu an, erzählen von jüdischen Rechtsanwälten, Industriellen, Ärzten und Kaufhausbesitzern, die nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten ermordet oder aus Stuttgart vertrieben wurden. So auch bei einer Rundfahrt des Stadtjugendrings als Teil des Programms des Katholikentags in Stuttgart.

Noch 1933 machten Menschen jüdischen Glaubens etwa ein Prozent der Stuttgarter Bevölkerung aus – sie waren eine kleine, aber erfolgreiche Minderheit, die häufig auch in sogenannten Mischehen von Christen und Juden lebten.

Vom jüdischen Leben in Stuttgart vor der Zeit der Nationalsozialisten zeugt heute noch der israelitische Teil des Hoppenlaufriedhofs in der Rosenbergstraße. Er war bei seiner Erbauung 1834 der erste seiner Art in Württemberg, der direkt an einen christlichen Friedhof angrenzte. Umgeben von einer niedrigen Mauer, ist er von außen nicht als ein jüdischer Friedhof zu erkennen. Da im jüdischen Glauben Friedhöfe „Häuser der Ewigkeit“ sind, dürfen Gräber nicht wiederbelegt werden. Der Friedhof ist deshalb voll belegt und musste bereits 1882 wieder geschlossen werden. Da der Friedhof während der NS-Zeit weitestgehend vor Schändungen verschont geblieben ist, sind noch heute alle Grabsteine erhalten.

Der israelitische Teil des Hoppenlaufriedhofs. Foto: Katharina HirrlingerDer israelitische Teil des Hoppenlaufriedhofs. Foto: Katharina Hirrlinger

Wie im gesamten Hoppenlaufriedhof befinden sich auch im jüdischen Teil Gräber von bekannten Persönlichkeiten. Einer von ihnen ist Dr. Joseph von Maier. „Er war Chef des Rabbinats Stuttgart und setzte sich für eine Reformation des Judentums ein“, erklärt Historikerin Sigrid Brüggemann. Maier habe unter anderem gefordert, Gottesdienste in Synagogen auf Deutsch zu halten. Außerdem wollte er Orgeln in Synagogen einbauen lassen und er setzte sich mit dem Christentum auseinander.

Auch die Bankiersfamilie Kaulla ist im israelitischen Teil des Hoppenlaufriedhofs beerdigt. Sie gründete 1802 die Württembergische Hofbank. „Einige Familienmitglieder wurden geadelt, worauf sie sehr stolz waren“, sagt Sigrid Brüggemann.

Einsatz für jüdische Reformation

Durch die Ausgrenzung der Menschen jüdischen Glaubens seit der Machtergreifung Hitlers wurde das jüdische Gemeindeleben zuerst stärker. Als die Stadt Stuttgart jedoch 1936 Regelungen erließ, wie mit jüdischen Bürgerinnen und Bürgern umgegangen werden soll, emigrierten viele von ihnen ins Ausland. Beispielsweise war verordnet worden, dass in Krankenhäusern jüdische von nicht-jüdischen Menschen getrennt behandelt werden sollten. Auch jüdische Läden sollten boykottiert werden.

Wie so viele jüdische Einrichtungen, wurde die 1861 von Rabbiner Joseph von Maier eingeweihte Synagoge in der Reichspogromnacht 1938 vollkommen zerstört. „Der ranghöchste Feuerwehrmann Stuttgarts hat die Zerstörer einfach gewähren lassen“, erzählt Historiker Roland Maier. „Zum Löschen sind sie nur angerückt, um zu verhindern, dass das Feuer auf die umliegenden Gebäude übergreift.“ 14 Juden aus einem Konzentrationslager mussten damals die Abbrucharbeiten leisten. Die alten Gesetzestafeln konnten aus den Trümmern geborgen werden. Sie sind heute in der neuen Synagoge zu sehen, die seit 1952 an genau derselben Stelle steht wie die zerstörte Synagoge.

In der Seestraße 39, wenige Gehminuten vom Hoppenlaufriedhof entfernt, erinnert eine Tafel an die systematische Ausgrenzung der jüdischen Bürgerinnen und Bürger Stuttgarts. Nur noch hier, im sogenannten „Judenladen“, durften Jüdinnen und Juden in Stuttgart ab 1939 ihre Lebensmittel einkaufen. „Für viele alte und gebrechliche Menschen war der Weg viel zu weit“, erklärt Sigrid Brüggemann. Denn den Weg zum Laden in der Seestraße mussten die jüdischen Bürgerinnen und Bürger zu Fuß zurücklegen. Sie durften keine öffentlichen Verkehrsmittel mehr nutzen und ihre Autos und Fahrräder hatten die Nationalsozialisten konfisziert.

Nur noch in einem Laden einkaufen

Der Inhaber des „Judenladens“, Emil Maier, schikanierte seine Kunden noch zusätzlich: „Da seine Kundschaft durch die Deportationen sank, wollte er seine Verluste von der jüdischen Gemeinde ausgeglichen bekommen. Er forderte 3000 Reichsmark dafür“, sagt Sigrid Brüggemann.

Im Stuttgarter Norden erinnern vier Gleise und eine Gedenktafel an die etwa 2600 Menschen jüdischen Glaubens, sowie die Sinti, die von dort aus zwischen 1941 und 1945 in Konzentrationslager deportiert wurden. Die Gleise, von denen die Züge abfuhren, sind noch im Original vorhanden in der 2006 eröffneten Gedenkstätte „Zeichen der Erinnerung“ am Nordbahnhof. „Begonnen hat die Vernichtung am 1. Dezember 1941. Da wurden etwa 1000 Menschen bei einer sogenannten Umsiedlungsaktion nach Riga deportiert“, erklärt Roland Maier. „Damals durften Juden noch ihre Wertsachen mitnehmen. Später nicht mehr. Da ging das gesamte Vermögen an die Nazis.“ Die angebliche Umsiedlung führte in das Konzentrationslager Jungfernhof in der Nähe der Stadt Riga. Damals sei es noch möglich gewesen, die eigene Deportation zurückzustellen – allerdings musste dafür „Ersatz“ von der israelitischen Gemeinde gestellt werden, sagt Roland Maier.

Die Namen der Deportierten sind an der Außenwand der Gedenkstätte eingemeißelt. Unter ihnen auch der Name von Inge Auerbacher. Die 1934 geborene und in Göppingen aufgewachsene Amerikanerin, die im Januar zum Holocaust-Gedenktag im Bundestag gesprochen hat, ist eine der letzten Überlebenden des Holocausts.

◼ In der kommenden Woche widmen wir uns den früheren jüdischen Kaufhäusern in Stuttgart.

Diesen Artikel jetzt im EVG-ePaper lesen

Die nächsten Führungen zu „Spuren jüdischen Lebens“ finden am 6. und 13. November statt, Beginn ist um 13 Uhr, die Stadtrundfahrt dauert vier Stunden und kostet 10 Euro, ermäßigt 5 Euro.

Anmeldungen beim Stadtjugendring Stuttgart, Telefon 0711-2372631, E-Mail marc.fischer@sjr-stuttgart.de