Christliche Themen für jede Altersgruppe

Persönlich gemeint

Neu sehen lernen

Vor einigen Jahren war ich mit einer Kollegin im Dunkelrestaurant. Solche Restaurants gibt es mittlerweile nicht nur in Stuttgart, sondern auch in anderen Städten. In dem Restaurant ist es stockdunkel, Blinde oder sehbehinderte Menschen kellnern. Die - zumeist sehenden - Gäste wollen erfahren, wie man sich in einer Welt zurechtfindet, in der man nichts sieht. Das wollten wir wissen.

Unser Kellner führte uns in einer Polonaise im Dunkeln zu unserem Tisch. Dann sollten wir stehen bleiben, damit er jeden zu seinem Platz geleiten konnte. Als ich dran war, ließ mich der Kellner den Stuhl fühlen. Dann den Essplatz: Tisch, Gedeck, Besteck, Gläser. Danach durfte ich mich setzen.

Wir waren fasziniert. Wir tapsten mit den Händen auf dem Tisch herum. Es gab ja so viel zu fühlen! Geredet haben wir wenig. Es gab ja so viel zu hören! Jeder Kellner hatte eine andere Art, auf sich aufmerksam zu machen. Einer redete wie ein Wasserfall, der nächste schnippte mit den Fingern. Noch ein anderer pfiff leise vor sich hin. Die Suppe zu essen, war kein Problem. Viel schwieriger war es, das Fleisch und das Gemüse zu schneiden. Mal hatten wir ein klitzekleines Stück auf der Gabel, mal ein richtig großes. Nicht ganz einfach, aber lösbar war es, Wasser aus der Flasche ins Glas zu gießen. Denn wie sieht man, dass das Glas voll ist, wenn man nichts sieht? Wir mussten lernen, mit den Fingern zu sehen. Eine ganz neue Erfahrung! Neue Einblicke wünscht Ihnen Ihre


Nicole Marten
nicole.marten(at)evanggemeindeblatt.de