Christliche Themen für jede Altersgruppe

Persönlicher Begleiter

Seit sieben Jahren zieht Wolfgang Krüger aus Oferdingen bei Reutlingen seine persönliche Jahreslosung in seiner Gemeinde. Er hat sie alle aufgehoben, denn jeder der Verse steht auch symbolisch für das jeweilige Jahr, in dem er das Kärtchen mit dem Spruch gezogen hat. 


Ist glücklich über Gottes Führung: Wolfgang Krüger. (Foto: Klaus Franke)

Um zu verstehen, was Wolfgang Krüger die persönlichen Jahreslosungen und der Glaube an Jesus Christus bedeuten, muss man etwas weiter ausholen. Er sei ganz normal aufgewachsen, wurde evangelisch getauft und später konfirmiert, sagt er. „Doch wer Christus ist, das habe ich nicht gelernt“, fährt Krüger fort. Er habe erst 50 Jahre alt werden müssen, um das zu begreifen.

Diesen Artikel jetzt im EVG-ePaper lesen

Sein Denkspruch zur Konfirmation aus 1. Mose 32,27 „Ich lasse Dich nicht, Du segnest mich denn“ hatte für ihn damals eine ganz andere Bedeutung als heute: „Ich lasse dich, Gott, nicht an mich ran. Du segnest mich ja eh.“ Das Täfelchen mit dem Konfirmandenspruch hat sämtliche Umzüge überlebt. Genauso wie die Bibel, die ihm ein entfernter Verwandter aus der damaligen DDR zur Konfirmation zugeschickt hat. Die verstaubte allerdings lange Zeit ungenutzt im Regal.

Zwar interessierte Krüger sich dafür, wie die Welt entstand und er wollte auch den Sinn des Lebens verstehen. Viele wissenschaftliche Theorien hat er dazu durchgearbeitet. Am Ende stand für ihn die Erkenntnis: Evolution ja, aber dahinter steht eine höhere Macht. Ob die jetzt Gott, Manitu oder Allah heißt, das war für ihn nicht relevant. Erst, als er mit seiner Frau von Bekannten zum Alpha-Kurs, einem Glaubenskurs mit Abendessen, in die Api-Gemeinschaftsgemeinde Silberburg eingeladen wurde, änderte sich etwas. Eines Abends wurde gefragt „Wann haben Sie das letzte Mal in der Bibel gelesen?“ „Ich hatte nur noch ein Bild im Kopf: Die DDR-Bibel im Regal. Und ich wusste sofort, was ich falsch gemacht habe“, erinnert sich Krüger. Wieder zuhause, las er das Matthäus-evangelium, es war schon zehn, halb elf, als er damit anfing. In dieser Nacht verstand Wolfgang Krüger, wonach er sein ganzes Leben lang gesucht hatte. Er vertraute sein Leben Jesus an. Als er fertig war mit Lesen und Beten, wurde es fast schon hell.

Seine Frau hatte während des Kurses ähnliche Erfahrungen gemacht, wurde bekennende Christin. Deshalb suchte das Ehepaar nach dem Kurs auch Anschluss in der Gemeinde. Alle 14 Tage war Gottesdienst. Krügers nahmen teil. Später gingen sie auch in die „Stond“, dem regelmäßigen Treffen mit Andacht. Dort wurden sie freundlich und fröhlich aufgenommen.

Das Paar fühlte sich wohl und begann, sich in der Gemeinde zu engagieren. Ein dreiviertel Jahr später, 2012, in der ersten „Stond“ des neuen Jahres, zog Wolfgang Krüger seine erste persönliche Losung. Er lacht als er die Stelle nennt: 1. Samuel 16,7: „Ein Mensch sieht, was vor Augen ist, der Herr aber sieht das Herz an.“ Bedeutungsvoll war das, denn so etwas Ähnliches hatten sich die Krügers Jahre vorher als Trauspruch herausgesucht: „Man sieht nur mit dem Herzen gut“, aus dem „Kleinen Prinzen“ von Antoine de Saint-Exupéry. Eine Bestätigung für die Krügers, mit dem Glauben und in der Gemeinde richtig zu liegen.

Das Kärtchen mit Vers wanderte in einen Kartenständer auf dem Schreibtisch von Wolfgang Krüger. Anfang 2013 kam das nächste obendrauf, er hat alle Kärtchen in dem Ständer gesammelt. „Herr, weise mir deinen Weg und leite mich auf ebener Bahn um meiner Feinde willen.“ (Psalm 27, 11), hieß der Vers 2013. Das passte. Denn „jetzt war ich im Glauben etwas gewachsen – und stellte mir die Frage, ob ich im Beruf bei Siemens noch am richtigen Platz war“, sagt Krüger. Der gelernte Fernmelde- und Funktechiker, der noch einen Nachrichtentechnik-Ingenieur draufgesetzt hatte, war bei dem Konzern in einem Bereich eingestellt, der sich um die Kommunikationssysteme von Automobilkonzernen kümmerte. „Wenn ein Autohaus in Tokio keine Faxe mehr übertragen konnte, waren mein Bereich und ich gefordert“. Er fragte sich schon länger, ob das noch sein Weg ist. „All die Jahre war die Antwort ja.“ Obwohl Siemens 2009 beschlossen hatte, diesen Bereich aufzugeben. Innerhalb von zehn Jahren sollten 80?000 Mitarbeiter abgebaut werden. Als Führungskraft hatte Krüger rund 120 Mitarbeiter, acht Abteilungsleiter berichteten direkt an ihn.

In diese Gemengelage der Gefühle passte die persönliche Jahreslosung für das Jahr 2014 auf den ersten Blick so gar nicht: „Die den Herrn lieben, sind wie die Sonne“ (Richter 5,31). Einige Monate später wertete er den Vers als eine Zusage: „Ich habe den Herrn lieb, und werde deshalb wie die Sonne sein. Was gibt es für einen besseren Zuspruch?“

2015 hatte sein Unternehmensbereich die Mitarbeiterzahl von 3000 unterschritten. „Was mache ich hier? Wie lange geht das noch gut?“, waren Krügers Gedanken. Und die persönliche Losung? Aus dem Stapel mit den Kärtchen zieht Krüger die entsprechende heraus. „Sein Rat ist wunderbar und er führt es herrlich hinaus“, lautete der Spruch (Jesaja 28,29). Viele seiner bisherigen Mitarbeiter waren in der Zwischenzeit in anderen Firmen untergekommen. Die letzten rund 3000 Mitarbeiter sollten von einer anderen Firma übernommen werden. Für Wolfgang Krüger war klar: Er würde nicht mitgehen. Mittlerweile war schon 2016 angebrochen mit dem Leitvers „Ich will Hilfe schaffen“, aus Psalm 12,6. Wolfgang Krüger spürte eine „Riesen-Entlastung“, durch seine Entscheidung. Doch wohin sollte sein Weg nun gehen? Ein Jahr und sieben Monate waren gesichert, denn im Rahmen des Personal-Abbau-Programms stand ihm der Übergang in eine Auffanggesellschaft mit Coach zu.

Zusammen mit seiner Frau überlegte Wolfgang Krüger, ob sie denn gemeinsam ein christliches Gästehaus übernehmen sollten. Doch mehrere Optionen zerschlugen sich wieder. Eine christliche Organisation fragte an, ob er es sich vorstellen könnte, ihr kaufmännischer Leiter zu werden, auch das wurde nichts. Die persönliche Jahreslosung 2017 lautete: „Allein sein Tun ist Wahrheit und seine Wege sind recht“ aus Daniel 4,34. Und wieder gab es Hoffnung. Zwei freie evangelische Schulen bekamen seine Bewerbungen als Geschäftsführer, doch auch das wurde nichts. Der Termin, zu dem das Programm mit der Übergangsfirma auslief, Februar 2018, rückte immer näher. Aber es gab noch immer keine „richtige“ Perspektive. Und jetzt? „Das Warten der Gerechten wird Freude werden“ (Sprüche 10,28). Ja schön und gut, doch wie sollte es denn Anfang 2018 weitergehen?

Wolfgang Krüger wagte den Sprung ins Ungewisse. Er wollte sich nicht irgendwo bewerben müssen. Deshalb meldete er sich beim Arbeitsamt wieder ab, obwohl er einen Anspruch auf Arbeitslosengeld gehabt hätte. Er habe 38 Jahre lang sehr gut in der IT-Branche verdient, sagt er. Und mit jetzt 57 Jahren wollte er in der verbleibenden Zeit bis zur Rente „noch etwas Gescheites“ machen, etwas, das Gott ihm aufträgt.

Inzwischen ist er bei den Apis angestellt. Dort wird er Geschäftsführer eines neuen Bildungs- und Sozialwerks. Seine persönliche Jahreslosung 2019? Die war bei Redaktionsschluss noch nicht bekannt.