Christliche Themen für jede Altersgruppe

Pfarrerin werden ist nicht mehr möglich

Lettlands Hauptstadt Riga zeigt sich modern und aufgeschlossen. Doch die Evangelisch-Lutherische Kirche Lettlands widerspricht diesem Bild: bei der Frage, ob Frauen Pfarrerinnen sein dürfen.  

Sonntagmorgen, kurz vor elf Uhr, in einer Evangelisch-Lutherischen Kirche in Renda. Das Dorf liegt im Westen Lettlands, etwa drei Autostunden von der Hauptstadt Riga entfernt. Eine Gemeinde feiert ihren Gottesdienst. Das Geschehen leitet eine Frau in weißer Albe. Sie betet, singt, spricht. Dann bereitet sie das Abendmahl vor, spricht ein Dankgebet, leitet zum Vaterunser über und spricht schließlich die Einsetzungsworte: „In der Nacht, in der er verraten ward.“

Doch das Zeichen des Kreuzes malt ihre Hand nicht über Brot und Wein. Das ist bereits geschehen. Brot und Wein sind zuvor bereits von einem dazu beauftragten Pfarrer konsekriert worden, das heißt: Sie wurden aus ihrem alltäglichen Gebrauch durch Worte und Zeichen zum Heiligen bestimmt. Nur so können sie heilsam wirken für den, der sie im Glauben annimmt.

Agrita Staško ist vor dem Gottesdienst „mal kurz bei einem Pastor vorbeigefahren“, wie sie später berichtet. Sie leitet den Gottesdienst und ist für ihre Gemeinde verantwortlich. Die ausgebildete Theologin hat auch für die Diakonie gearbeitet, doch sie ist keine Pastorin. Staško ist „Evangelistin“, sie wurde nicht ordiniert. Damit ist sie innerhalb ihrer Kirche auch nicht befähigt, das Abendmahl einzusetzen.

Frauen ist die Ordination in der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Lettland seit Anfang der 90er Jahre verwehrt. Darum ist die Theologin zugleich als Pädagogin tätig und leitet ihre Gemeinde für eine geringe Vergütung. Ihre Kirche hat ihr diese Aufgaben, wie anderen Theologinnen auch, unter der Voraussetzung erteilt, dass kein ordinierter Pfarrer verfügbar ist. „Anfangs sind die Menschen etwas verwundert, wenn sie mich im Gottesdienst erleben“, erzählt sie, „aber dann merken sie, dass alles ganz normal ist.“ Etwas beweisen müsse sie ihrer Kirche nicht. „Ich fühle mich berufen, das zu tun“, sagt die Frau selbstbewusst.

Im Gespräch mit Mitgliedern aus ihrer Gemeinde schaut ein Mann mittleren Alters die Evangelistin stolz an. Er nimmt zusammen mit seiner Familie regelmäßig eine Anreise von 30 Kilometern in Kauf, um zur Gemeinde zu gelangen. Nun nickt er lächelnd, als Agrita Staško fortfährt. „Unsere Kirche war schon immer von menschlichen Entscheidungen geprägt, und die sind mal so, mal so.“

Drei Bischöfe sind im Präsidium der Synode der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Lettland: Erzbischof Janis Vanags, Einars Alpe und Pavils Bruvers. Janis Vanags knüpfte 1993 seine Wahl durch die Synode an die Bedingung, Frauen künftig nicht mehr zu ordinieren, berichtet Bischof Einars Alpe. „Die Synode hat das gewusst, und sie haben ihn gewählt.“ Die erste Frau wurde 1974 in Lettland ordiniert. „Es gab viele Pastorinnen in den 70er und 80er Jahren in Lettland“, sagt Alpe. „Aber das waren keine starken Persönlichkeiten.“

1995 gründete sich der Theologinnenverband in Lettland. Frauen, die nur begrenzt in ihrer Kirche wirken dürfen, organisieren sich hier. Einige von ihnen sind auch ordiniert – und zwar von der Evangelisch-Lutherischen Kirche Lettlands im Ausland. Sie wurde nach dem Zweiten Weltkrieg von lettischen Flüchtlingen gegründet, die nach Esslingen am Neckar gelangten und von dort aus teilweise weiterzogen, etwa nach Skandinavien. In diesen „Exilgemeinden“ steht die Frage, ob eine Frau zum Pfarramt fähig ist, gar nicht zur Debatte. Aber das genügt den Theologinnen nicht. „Die lettische Kirche nennt die Ordination von Frauen im selben Atemzug wie Homosexualität und verachtet beides als neue Werte der westlichen Welt“, klagt Dace Balode, die an der Theologischen Fakultät lehrt. „Es herrscht eine große Angst vor uns Frauen. Es scheint wohl keine Sehnsucht nach uns in den Gemeinden zu geben.“

Der Theologinnenverband wendet sich immer wieder an die Evangelisch-Lutherische Kirche und versucht, in den Medien auf sich aufmerksam zu machen. Doch die Entwicklung der Evangelisch-Lutherischen Kirche seit dem Ende der Sowjetunion besorgt sie zunehmend. „Es gibt einen großen Einfluss der katholischen Kirche, etwa bei den Kleidern und der Liturgie“, sagt Balode. Vom Erzbischof sei zu hören, er möchte seine Kirche wieder zurück auf den richtigen Weg führen.

Die Evangelisch-Lutherische Kirche Lettlands im Ausland ist mittlerweile zurückgekehrt in die alte Heimat. Sie bekommt Zuwachs, auch von Studierenden der Theologie. Und seit diesem Jahr haben sie eine neue Pastorin, Ieva Purina. Sie wurde im Februar in Riga ordiniert. Die Ordination von Purina in einer lutherischen Kirche in Lettland wurde der Auslandskirche untersagt. Aber die Methodisten von Riga ließen sie gern in ihr Gotteshaus.