Christliche Themen für jede Altersgruppe

Pioniere aus Schwaben

Sie sind Musterbeispiele für den schwäbischen Dualismus von Weltinteresse und Heimatverbundenheit: die Missionare der Basler Mission aus Württemberg.  Mehr als 1000 junge Leute sind im 19. Jahrhundert nach Asien oder Afrika gereist und oft ein Leben lang geblieben. Eine Ausstellung in Stuttgart zum 200-jährigen Bestehen der Basler Mission erinnert an sie. 


Die Nähschule von Martha Hecklinger in Bonaberi/Kamerun, 1902. Oft kamen die Missionarsfrauen den Menschen näher als ihre Männer. (Foto: Archiv Basler Mission)

„Was hilft’s, wenn wir beim warmen Ofen und einer Pfeife Tabak die Notstände der Zeit bejammern? Hand anlegen müssen wir und sei es auch nur im ganz Kleinen“, schrieb Christian Friedrich Spittler aus Wimsheim, später Stadtschreiber in Schorndorf und erster Sekretär der Christentumsgesellschaft in Basel.

Er war neben vielen anderen daran beteiligt, dass 1815 in Basel eine Missionsgesellschaft gegründet wurde, die Basler Mission. Zu ihrem Gründungsjahrestag zeigt jetzt die Ausstellung „Unterwegs zu den Anderen – 200 Jahre Basler Mission und Württemberg“ Szenen aus Geschichte und Gegenwart. Noch bis zum 28. Juni ist die Schau in Stuttgart zu sehen.

Von Anfang an waren Schwaben maßgeblich an der Entwicklung der Mission beteiligt – auf allen Ebenen. Große schwäbische Namen stehen am Anfang: Blumhardt, Reihlen, Steinkopf, Hoffmann. Später kommen Joseph Josenhans, Otto Schott, Theodor Oehler, Heinrich Dipper und Karl Hartenstein hinzu. Rund 1000 junge Männer und zahlreiche junge Frauen aus Württemberg ließen sich ausbilden und zogen in die Welt.

Das war nicht immer leicht. Am Anfang standen heute nur noch schwer verständliche Bekenntnisfragen zwischen den reformierten Schweizern und den lutherischen Schwaben im Wege. Dann verboten die Nationalsozialisten Organisationen, die vom Ausland aus geführt wurden. Das wiederum führte in Stuttgart dazu, dass eine Basler Mission – Deutscher Zweig gegründet wurde. Bis heute pflegt sie das Erbe der Basler Mission und unterstützt die gegenwärtige Arbeit, die heute von „mission 21“ in Basel fortgeführt wird.

19 Koffer, gefüllt und aufgeklappt, stehen im lichtdurchfluteten Foyer des Diakonie-Klinikums in Stuttgart. Unweit befindet sich das Mutterhaus der Stuttgarter Diakonissen. Charlotte Reihlen, die Mitbegründerin des Mutterhauses, war ab 1843 in der Basler Mission aktiv und die Stuttgarter Diakonisse Amanda Epple gehört zu den Pionierinnen der Krankenhilfe auf der Insel Borneo.

Die Inhalte der Koffer illustrieren Leben und Wirken einiger bemerkenswerter Persönlichkeiten. Es ist keine pure Erfolgsgeschichte, die dort erzählt wird. Nicht immer lagen die Verantwortlichen in Basel und ihre Mitarbeiter in Westafrika, Indien, auf den Inseln des heutigen Indonesien mit ihren Einschätzungen richtig. Und aus heutiger Sicht geradezu befremdlich wirken Geschichten aus dem Basler Missionskinderhaus. Dort lebten jene Kinder, deren Eltern in China, Indien, Westafrika arbeiteten, wo eine höhere schulische Bildung oder berufliche Ausbildung nicht möglich war.

Zweifellos sind – aus heutiger Sicht – auch nicht alle Bemühungen im so genannten „Missionsfeld“ geglückt oder erfolgreich verlaufen. Der ghanaische Pfarrer Nana Opare Kwakye stellt fest: „Die Spuren, die die Basler Mission in der ghanaischen Kultur hinterlassen hat, sind so tief wie die Maserung in einem Stück Holz, die sich nicht wegschleifen lässt. Aber ihr Wirken führte auch zur Erosion einiger großartiger afrikanischer Werte, insbesondere der ethnischen Solidarität.“

Es ist üblich geworden, der christlichen Mission in Afrika, Amerika und Asien eine enge Zusammenarbeit mit kolonialen und imperialistischen Interessen der Herkunftsländer zuzuschreiben. Das freilich zeigt von wenig Sachkenntnis. Denn Kritik am Vorgehen europäischer Händler gab es, wenn überhaupt, gerade von Missionaren. Viele von ihnen hatten im Laufe ihrer Missionstätigkeit tiefe Einblicke in die Kultur der Völker gewonnen, unter denen sie lebten.

Jakob Maisch aus Gerlingen war ein solcher guter Beobachter. Im Basler Missionshaus ausgebildet, wurde er, als die Missionsgesellschaft noch nicht gegründet war, über die englische Church Mission Society in den Osten des indischen Subkontinents geschickt. Maisch ist auch ein Beispiel dafür, mit welchem Enthusiasmus junge Leute zu Beginn des 19. Jahrhunderts ins Ausland gingen. Und er ist ein Beispiel für die vielen jungen Leute, die nicht lange im Zielland lebten: Malaria und andere tropische Krankheiten führten bei vielen zum frühen Tod – oder wie in Liberia zur Aufgabe der missionarischen Bemühungen.

Nicht eben Begeisterung bei seinen Vorgesetzten in Basel ausgelöst hat Johannes Zimmermann. Der Gerlinger Handwerker, Landwirt und Kulturforscher hat geradezu einen Skandal in Basel ausgelöst. Kaum war er 1850 an der Goldküste, dem heutigen Ghana, angekommen, heiratete er die ehemalige Sklavin Catherine Mulgrave, die zwei Kinder mit in die Ehe brachte. Zimmermann verschriftlichte die lokale Ga-Sprache.

Johann Gottlieb Christaller aus Winnenden erforschte die Twi-Sprache und entschlüsselte die Bedeutung des einzigartigen Sprachgesangs. Seine Sprachstudien erstreckten sich auf rund 100 afrikanische Sprachen und Dialekte.

In der südindischen Mega-Stadt Bangalore stehen an der zentralen Hauptgeschäfts- und Verbindungsstraße, der Mahatma-Gandhi-Road, kurz MG-Road genannt, drei Denkmäler. Am westlichen Ende wird der Staatsgründer und Freiheitskämpfer Mahatma Gandhi geehrt. Zwei Kilometer weiter östlich, an der Abzweigung der Residency-Road, steht unter einem Tempelchen die Statue, die an den Ostfriesen und Basler Missionar Ferdinand Kittel erinnert. Er erforscht die lokale Sprache Kannada. Über ihn und seinen Missionarskollegen Hermann Gundert aus Stuttgart, der gut 700 Kilometer weiter südlich in Kerala die Sprache Malajalam in Schrift, Grammatik und Übersetzung festhielt, sagt der heutige protestantische Bischof der Region Bangalore: „Mehr als 130 Missionarinnen und Missionare wie Hermann Mögling, Hermann Gundert oder Ferdinand Kittel haben sich für die Entwicklung unserer Region und für das Wohlergehen der Menschen, ihre Sprache und ihre Kultur eingesetzt. Was wir heute sind, haben wir wesentlich der Basler Mission zu verdanken.“

Künstler wie der Kameruner Martin Loh Nyonka stehen in der Ausstellung für die gelungene Verbindung einheimischer Kunstfertigkeit mit dem, was einst die Missionare und heute die einheimischen Kirchen vermitteln. Das auffälligste und auch prächtigste Stück in der Ausstellung ist ein Holzrelief von Martin Loh Nyonka, in das er hineingeschnitzt hat, was er sich vorstellt, wenn das Reich Gottes nach Kamerun kommt.

Aber es geht nicht nur um Kunst. Die Ausstellung erzählt auch von afrikanischem Kakao und südindischem Currypulver, das in kirchlichen Einrichtungen produziert wird und zu den Vorläufern dessen gehört, was man heute fairen Handel nennt. Die Ausstellung will nicht nur in die Vergangenheit führen. Geradewegs in die Gegenwart zeigt die Verbindung, die mit Jugendlichen zum Kirchentag Anfang Juni stattfinden soll.

Heute in den Verbund der „Evangelischen Mission in Solidarität“ (ems) – früher Evangelisches Missionswerk in Südwestdeutschland – eingebunden, werden im Zuge einer internationalen Partnerschaft die jugendlichen Gewinner eines Wettbewerbs aus Kamerun, Nigeria und Ghana nach Deutschland eingeladen.

Ältere Württemberger kennen sie noch: die Halbbatzenkollekte. Ein fremdes Wort für eine ursprünglich geniale Idee. Wirksamer als alle modernen sozialen Medien schuf diese Form des Spendensammelns nicht nur einen guten Teil der finanziellen Grundlagen für die Basler Mission im Ausland, sondern zugleich ein breites Wissen, Verständnis und Solidarität im Inland.

Einer Spende von einem halben Batzen in Schweizer Währung entsprachen zwei Kreuzer in Württemberg. Auch nach heutigem Verständnis ist das eine geringe Summe. So gewann man auch die wenig vermögenden Leute. Sie bekamen von der Geldsammlerin oder dem Sammler fortan regelmäßig Besuch. Damit kamen die kleinen Hefte und Zeitschriften in die Häuser, in denen von den Erlebnissen der Missionare und ihren Familien erzählt wurden, – frühe Vorläufer moderner Reportagen aus fremden Regionen. Die Basler Mission hatte ihre Missionare auch schon früh mit Fotoapparaten ausgerüstet. Heute sind die 30?000 erhaltenen Fotos ein ungeheurer Schatz für Ethnologen und Kulturwissenschaftler.

Nicht nur die Zahl der Christen hat sich in den letzten 200 Jahren vervielfacht. Auch Kirchen sind entstanden und entstehen. Viele leiten sich aus der Mission der europäischen Missonare ab, sind aber längst unabhängig und nicht mehr an historisch gewachsenen, konfessionellen Linien entlang organisiert. Auch darin folgen sie einer frühen Intention der Basler Mistion: Sie hat sich von Anfang an als überkonfessionell verstanden.

Heiligs Ländle
Alexander Schweda (Hg.)
Edition Gemeindepresse
14,95 €

 

 

 

 

Worte sind schön, aber Hühner legen Eier - Coverbild

Harald Willms, Sabine Eigel
Worte sind schön, aber Hühner legen Eier
Erlanger Verlag für Mission und Ökumene
9,90 €

 

 

 

 

 

Weitere Buchempfehlungen aus dem Ländle