Christliche Themen für jede Altersgruppe

Prediger vom Schloss Bellevue

Von Theodor Heuss bis Joachim Gauck: Bundespräsidenten sind überparteilich. Sie sollen grundsätzliche Werte vermitteln. Schon die Reden der ersten Präsidenten weisen daher Ähnlichkeiten zu Predigten auf. Und bei den letzten sechs Präsidenten wird dies noch deutlicher. Ein Überblick.

 Joachim Gauck, Christian Wulff und Horst Köhler. Johannes Rau, Roman Herzog und Richard von Weizsäcker. (Fotos: epd-Bild)

Die Aufgabe war ihm nicht neu. Zu Besinnung und Nächstenliebe am Weihnachtsfest aufrufen – das dürfte Joachim Gauck in seiner Zeit als Pfarrer oft getan haben. Doch seine Rolle im Dezember 2012 war eine andere. Keine anwesende Gemeinde, nur ein Kamerateam. Keine festlich geschmückte Kirche, nur ein Zimmer im Schloss Bellevue, seinem Amtssitz, mit einer brennenden Kerze. Und keine große Liturgie, nur eine kurze Rede von rund fünf Minuten. Joachim Gauck hielt seine erste Weihnachtsansprache als Bundespräsident.

Fast eine Predigt

In dieser Ansprache finden sich Sätze wie der folgende: „Der Stern aus der Weihnachtsgeschichte führte Menschen einst von fernher zu einem ganz besonderen Ziel – zu einem Menschenkind. Einen solchen Stern wünsche ich jedem in unserem Land. Einen Stern, der ihn zum Mitmenschen, der uns zueinander führt.“ Der Tonfall, die Wortwahl, die Aussagen – sie sind nah an einer Weihnachtspredigt.

Gauck ist gelernter Pfarrer. Es verwundert nicht, dass seine Rede an eine Predigt erinnert. Doch wer seine Amtsvorgänger unter die Lupe nimmt, erkennt auch dort eine rednerische Nähe zur Predigt. In Stil und Aussage. Und nicht nur in den Weihnachtsansprachen.

Reden sind das wichtigste politische Mittel für einen Bundespräsidenten. Schon die Reden der ersten Präsidenten weisen Ähnlichkeit zur Predigt auf, vor allem stilistisch. Der Politologe Dolf Sternberger nannte sie „weltliche Predigten“.

Religiöses erst vermieden

Alle frühen Präsidenten waren Christen, Gustav Heinemann gehörte sogar in der Zeit des Nationalsozialismus der Bekennenden Kirche an. Wie seine Vorgänger wollte aber auch er religiöse Sprache aus der Politik heraushalten. Laut dem Theologen Rolf Schieder versuchten die Präsidenten damals, alle religiösen Anspielungen „peinlich zu vermeiden“. Grund sei die religiös aufgeladene Symbolik des Nationalsozialismus, der die Nachkriegspräsidenten eine nüchterne, unpathetische Sprache entgegensetzen wollten.

Erst ungefähr seit der Wiedervereinigung ist religiöse Sprache in präsidialen Reden verbreiteter. Die fünf Vorgänger Gaucks haben sich ihr jeder auf seine eigene Weise bedient.

Bei Christian Wulff, nach Heinrich Lübke erst der zweite Katholik im Amt des Bundespräsidenten, finden sich nur wenige religiöse Bezüge und kein Predigtstil. Eine seiner wenigen rednerischen Neuerungen war die Veränderung der Weihnachtsansprache. Als erster Präsident hielt er sie nicht allein vor der Fernsehkamera, sondern sprach im Schloss Bellevue vor 200 ehrenamtlich Engagierten, also vor einer Art „Gemeinde“. Gemeinschaft war Wulffs zentrales Thema während seiner kurzen Präsidentschaft. Sein Format der Weihnachtsansprache übernahm Joachim Gauck nicht.

Frieden und Versöhnung

Horst Köhler erklärte in seiner Antrittsrede: „Mein persönlicher Kompass ist mein christliches Menschenbild.“ Dass Köhler sich auf die Kunst des Predigens verstand, wird bei einem Auszug aus seiner Rede bei der Wiedereröffnung der Dresdner Frauenkirche 2005 deutlich: „Frieden ist ein Geschenk, für das man immer wieder arbeiten muss, und manchmal grenzt das, was Versöhnung bewirken kann, an ein Wunder. Die Dresdner Frauenkirche kann uns Kraft geben, uns gemeinsam und grenzenlos noch stärker für Frieden und Versöhnung einzusetzen.“ Bei diesem Anlass sprach Köhler ziemlich pastoral. Normalerweise hatten seine Reden einen anderen Klang. Seine Antrittsrede als Bundespräsident war noch sehr energisch, später wurden seine rednerischen Beiträge eher zurückhaltend.

Bruder Johannes

Predigtsprache und religiöse Färbung wurden bei Johannes Rau besonders deutlich. Als Sohn eines Laienpredigers war er fest in seinem Glauben verwurzelt. In der SPD fühlte Rau immer ein Unbehagen an der Bezeichnung „Genosse“ – und bekam so bald den Namen „Bruder Johannes“ verliehen. Rau war regelmäßiger Gast auf Kirchentagen und hat auch selbst gepredigt. In seinen Reden als Präsident, etwa in seiner „Berliner Rede“ 2004, machte sich das deutlich bemerkbar: „Jeder Mensch braucht ein positives Bild von sich selber und strebt danach es zu haben. Gewiss: Jeder Mensch hat in seinem Leben Gutes und Schlechtes erlebt. Aber er kann nicht auf Dauer mit sich selber im Reinen sein, wenn er allein das Schlechte über sein Selbstbild bestimmen lässt.“ Getreu seinem Lebensmotto „Versöhnen statt Spalten“, wollte Johannes Rau immer möglichst alle Menschen mit seinen Reden ansprechen.

Ins Gewissen reden

Raus Vorgänger Roman Herzog war von anderer Art. Der Verfassungsrechtler pflegte einen kräftigen, energischen Redestil, gewürzt mit vielen ironischen und humorvollen Wendungen. Auch Herzog war kirchlich engagiert. Von 1973 bis 1991 gehörte er der Synode der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) an. In seinen Reden machte sich aber weniger seine religiöse Überzeugung, als vielmehr sein Beruf bemerkbar. Predigtstil findet sich bei ihm kaum. Dafür verfügte Herzog über ein besonderes Talent dazu, Leuten ins Gewissen zu reden. Seine Rede, in der er forderte, durch Deutschland müsse „ein Ruck gehen“, ist ein gutes Beispiel dafür.

Orientierung geben


Richard von Weizsäcker gilt als der beste Redner unter den bisherigen Bundespräsidenten. Für den gebürtigen Stuttgarter war der christliche Glaube immer von großer Bedeutung. Mehrmals war Weizsäcker Präsident des Kirchentags, auch dem Rat und der Synode der EKD gehörte er an. Und die letzte Minute seiner Antrittsrede als Bundespräsident 1984 verwendete er darauf, den anwesenden Parlamentariern die Bedeutung des Gottesbezugs im Grundgesetz zu verdeutlichen und zu zeigen, was dieser für die Politik bedeutet. „Wir begegnen der Erfahrung, dass der Mensch nicht das Maß aller Dinge ist, dass er nicht alles deuten, nicht allem und nicht sich selbst den letzten Sinn geben kann. Was folgt für uns darauf? Ganz gewiß kein politischer Auftrag zu religiöser Verkündigung. Aber es geht uns alle an, was die Wirklichkeit der Religion in der Gesellschaft bedeutet.“ Weizsäcker formulierte hier eine Frage, über die die Präsidenten immer wieder nachgedacht haben.

Die Frage jedenfalls, was Religion für den Bundespräsidenten selbst bedeutet, lässt sich mit einem Satz Johannes Raus beschreiben: „Jeder soll wissen, dass ich Zuversicht und Kraft aus dem christlichen Glauben schöpfe und dass ich Respekt vor allen habe, die ihr Leben auf andere Fundamente gründen.“ Die Präsidenten versuchen ihrer „Gemeinde“, dem deutschen Volk, in ihren Reden Orientierung und Kraft mit auf den Weg zu geben. Das haben sie mit Predigern gemeinsam.