Christliche Themen für jede Altersgruppe

Probieren statt entsorgen - Klimafasten - Teil 3: Ernährung

Noch sind sie nicht in der Mehrheit. Doch die Zahl von jungen Menschen wächst, die ihre Ernährung am Klimaschutz ausrichten. Sie verzichten auf tierische Produkte und setzen sich für die Verwendung von überschüssigen Lebensmitteln ein, die sonst weggeworfen werden.

Im Foodsharing-Café wird Essen umsonst weitergegeben. Lewin Kneisel ist überzeugter Veganer. Fotos: Julia LutzeyerIm Foodsharing-Café wird Essen umsonst weitergegeben. Lewin Kneisel ist überzeugter Veganer. Fotos: Julia Lutzeyer

Es gibt sie schon noch: Kinder und Jugendliche, die bei Gemüse auf dem Teller die Nase rümpfen. Doch gerade in der jüngeren Generation wächst die Zahl derer, für die Fleischund Milchprodukte das neue Bäh sind. Auf den Tisch kommt Tofu statt Schnitzel, in den Cappuccino Hafer statt Kuhmilch.

„Vegane Ernährung ist die beste und effektivste Weise, das Klima zu schützen“, sagt Lewin Kneisel. Sechs Jahre ist es her, dass der 19-Jährige das letzte Mal Fleisch gegessen hat. Irgendwann wollte der Berliner, der an der Musikhochschule in Stuttgart Klarinette studiert, sein schlechtes Gewissen gegenüber Tieren nicht länger ignorieren. „Mein Anstoß, Vegetarier zu werden, waren ethische Bedenken. Doch je mehr ich mich mit Ernährung beschäftigte, desto mehr Gründe fand ich für eine Lebensweise ohne tierische Produkte.“

Veganer wurde Lewin Kneisel während einer Konzertreise nach Japan Ende 2017. Seine Eltern waren von dem Entschluss alles andere als begeistert. Groß war die Sorge, ob der Sohn ohne Milchprodukte genügend Nährstoffe bekommt. Dass ihm etwas fehlen könnte, glaubt Lewin nicht. „Ich koche abwechslungsreich mit viel Gemüse, Kräutern, Hülsenfrüchten und Nüssen. Und für die nötige Menge an Vitamin B12 verwende ich eine angereicherte Zahnpasta.“

Lewin Kneisel, Veganer und Musikstudent. Foto: PrivatWenn Lewin Kneisel die Vorteile einer veganen Ernährung aufzählt, sprudelt es nur so aus ihm heraus: „Der Pro-Kopf-Verbrauch an CO2 beträgt bei einem Allesesser 566 Kilogramm pro Jahr, bei einem Vegetarier 289 und bei einem Veganer 75 Kilogramm.“ Und wer nun gegenhält, dass für Sojabohnenkulturen südamerikanische Wälder gerodet werden, wird von ihm aufgeklärt: „80 Prozent der Sojaproduktion wird für Futter benötigt.“ Was sich Lewin Kneisel von der Gesellschaft wünscht: dass sich alle über Herkunft und Produktion von Lebensmitteln informieren. „Jeder kann etwas zum Schutz der Umwelt, des Klimas und des Tierwohls beitragen. Man sollte nicht auf die Politik warten, damit sich etwas ändert.“

Weniger tierische Lebensmittel essen, bevorzugt saisonale und regionale Produkte kaufen, sofern sie auf freiem Feld oder in unbeheizten Treibhäusern wachsen, und öfter Bio-Lebensmittel verzehren: Geht es um eine klimagerechte Ernährung ist das der gemeinsame Nenner. Die Verbraucherzentrale listet die zentralen Faktoren einer nachhaltigen Ernährung in dem Flyer „Klimaschutz schmeckt“ auf, inklusive der Lebensmittelverschwendung. Allein in Deutschland landen jährlich 80 Kilogramm Nahrungsmittel pro Kopf im Müll.

Auch dieser Missstand bringt die junge Generation auf die Barrikaden. Als Essensretter engagieren sie sich gegen die Arglosigkeit, zum Beispiel im Café „Raupe Immerstatt“ im Stuttgarter Westen, Deutschlands erstem „Foodsharing-Café“, wo man Lebensmittel weitergeben kann.

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Dort reicht eine junge Mutter mit Kinderwagen eine halb gefüllte Stofftasche über die Theke. „Das haben unsere Nachbarn für uns eingekauft, essen wir aber nicht. Darf ich das teilen?“ Schon hat Katrin Scherer aus dem Leitungsteam der Raupe Immersatt die Waren entgegengenommen. Als gemeinnütziger Verein 2017 von fünf jungen Aktivisten gegen Lebensmittelverschwendung gegründet, finanziert sich das Café über die Getränke, für die eine Spende erwartet wird. Das vor der voreiligen Entsorgung bewahrte Essen, gespendet von kooperierenden Bäckereien oder Bio-Märkten, darf umsonst verzehrt oder mitgenommen werden.

„Unsere Kundschaft ist extrem vielfältig, darunter sind Studenten, junge Familien, ältere Leute, tatsächlich arme, aber auch kaufkräftige Menschen“, sagt Katrin Scherer. Das Konzept umfasst mehr als Theken- oder Kioskbetrieb. „Wir wollen unser Wissen durch Vorträge und Workshops für Schulklassen auch außerhalb der Foodsharing-Szene verankern.“ Bei solchen Veranstaltungen wird mit geretteten Zutaten gekocht, zum Beispiel Semmelbratlinge. „Dass man aus altem Brot, Zwiebeln, Kräutern und Gemüsebrühe etwas so Leckeres zubereiten kann, ist für Kinder jedes Mal ein Aha-Erlebnis“, erzählt Katrin Scherer.

Eine vegane „Bowl“ , das ist eine bunte Mischung aus Obst, Gemüse und Hülsenfrüchten, die satt macht und im Trend liegt. Foto: Julia LutzeyerEine vegane „Bowl“ , das ist eine bunte Mischung aus Obst, Gemüse und Hülsenfrüchten, die satt macht und im Trend liegt. Foto: Julia Lutzeyer

War die Verwertung von Resten für die Kriegs- und Nachkriegsgeneration selbstverständlich, muss, wer im Überfluss aufgewachsen ist, diese Achtsamkeit erst wieder lernen. Auch deswegen ist eine der drei Forderungen des bundesweiten Bündnisses „Lebensmittelrettung“, den Umgang mit Essen in den Bildungsplan aufzunehmen.

Damit das in Deutschland illegale Containern, wie das Retten von Lebensmitteln aus den Müllcontainern der Supermärkte genannt wird, überflüssig wird, soll der Handel dazu verpflichtet werden, überschüssige Nahrungsmittel an soziale Einrichtungen zu spenden. In Frankreich ist so ein Wegwerfstopp schon Gesetz. Die dritte Forderung betrifft das Mindesthaltbarkeitsdatum, das von den Herstellern bisher uneinheitlich und willkürlich festgelegt wird. Dafür sollen Regeln erarbeitet werden, die sich an der tatsächlichen Haltbarkeit der Lebensmittel orientieren. Der erste Schritt hin zu einer klimagerechten Ernährung kann also sein, den abgelaufenen Joghurt zu probieren und nicht ungeprüft wegzuwerfen.