Christliche Themen für jede Altersgruppe

Protestanten an der Spitze - Deutschlands Staatsoberhäupter

Zehn der bisherigen zwölf Bundespräsidenten waren evangelisch. Als Staatsoberhäupter waren sie natürlich der ganzen Gesellschaft verpflichtet. Ihre religiöse Prägung haben sie aber nicht versteckt. Denn gerade dieses Amt verlangt nach einem festen moralischen Kompass.

Villa Hammerschmidt, Dienstsitz des Bundespräsidenten. Foto Sir James. Quelle: WikipediaVilla Hammerschmidt (Zweiter Dienstsitz des Deutschen Bundespräsidenten) in Bonn, Sicht von Seiten der Adenauerallee. Foto: Sir James, Quelle Wikipedia

Theodor Heuss war evangelisch. Und FDP-Vorsitzender. Deshalb wurde er Bundespräsident. Diese kurze Beschreibung vereinfacht die Sachlage im Jahre 1949, trifft aber im Kern zu. Denn Heuss erfüllte so zwei Kriterien, die für den CDU-Vorsitzenden Konrad Adenauer entscheidend waren. Die FDP brauchte er als Koalitionspartner. Und wenn ein Protestant das Präsidentenamt besetzte, so Adenauers Kalkül, wäre der Weg für einen Katholiken ins faktisch mächtigere Kanzleramt frei. Für den Katholiken Konrad Adenauer.

So übermitteln es Berichte über eine informelle Besprechung der führenden CDU/CSU-Politiker nach der Bundestagswahl 1949. Demnach soll Adenauer den Einwand eines CSU-Vertreters, Heuss sei „nicht gerade sehr kirchenfreundlich“, so gekontert haben: „Aber er hat eine sehr fromme Frau, das genügt.“

So begann eine Tradition. Die der evangelischen Bundespräsidenten. Nur zwei Katholiken, Heinrich Lübke und Christian Wulff, gab es im höchsten Staatsamt, aber zehn Protestanten. Und während für Heuss noch die Frömmigkeit seiner Frau Elly Heuss-Knapp ins Feld geführt werden musste, gab es an der kirchlichen Verbundenheit seiner evangelischen Nachfolger nie Zweifel. Abgesehen vielleicht von Walter Scheel, der aber ebenfalls evangelisch geprägt war, waren alle für ihre enge kirchliche Bindung bekannt. Gustav Heinemann war Mitglied der Bekennenden Kirche während der NS-Zeit, Unterzeichner der Stuttgarter Schulderklärung und ab 1949 Präses der ersten EKD-Synode. Karl Carstens wirkte ehrenamtlich an der Bremer Domkirche St. Petri. Richard von Weizsäcker amtierte mehrfach als Kirchentagspräsident und saß in Synode und Rat der EKD. Roman Herzog engagierte sich als Vorsitzender der Kammer für Öffentliche Verantwortung der EKD und des Evangelischen Arbeitskreises der CDU/ CSU. Johannes Rau, wegen seiner Frömmigkeit „Bruder Johannes“ genannt, wirkte im Kirchentagspräsidium. Horst Köhler hatte kein kirchliches Amt, bezeichnete aber die Evangelische Kirche als seine „geistige und geistliche Heimat“. Schließlich amtierten in den vergangenen Jahren der Pastor Joachim Gauck und der reformierte Christ Frank-Walter Steinmeier, der für 2019 als Kirchentagspräsident vorgesehen war, 2017 aber dann ins staatliche Präsidentenamt gewählt wurde.

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Eine beeindruckende und keineswegs erschöpfende Liste. Die Verknüpfung des evangelischen Glaubens mit dem Präsidentenamt ist bis heute vorhanden. Trotz der nachlassenden Kirchenbindung im Land.

Woran liegt das? Vielleicht am Amt selbst, meint der Journalist Heribert Prantl. „Das Amt des deutschen Bundespräsidenten hat nicht Pompöses, sondern eher etwas Protestantisches“, schrieb er 2017 in der „Süddeutschen“. Die Ausstattung des Präsidententamts mit politischer Macht sei „so bescheiden und so zurückhaltend wie der Schmuck in einer evangelischen Kirche“, wo nichts von dem ablenken solle, was wirklich wichtig ist. Im Falle des Bundespräsidenten wie in der Kirche vor allem: das Wort.

Tatsächlich sind die Reden der Bundespräsidenten ihr wichtigstes Instrument. Inhalt und Form ähneln dabei oft protestantischen Predigten. Eine präsidiale Rede sei „eine Art weltlicher Predigt“, schrieb der Politologe Dolf Sternberger 1979. Diese Nähe zeigt sich etwa in den Weihnachtsansprachen der Bundespräsidenten, die verbinden und aufbauen sollen. Sie zeigt sich aber auch da, wo ein Bundespräsident mahnt und den Menschen ins Gewissen redet, wie bei Roman Herzogs „Ruck-Rede“ 1997. Kraft und Orientierung geben, beides gehört zu den Aufgaben eines Predigers wie eines Präsidenten.

Betonung des eigenen Glaubens

Natürlich ist ein Bundespräsident nicht einer Religion oder Konfession verpflichtet, sondern der ganzen Gesellschaft. Dennoch haben die bisherigen Amtsinhaber ihren Glauben nicht versteckt. Beispielhaft dafür ein Satz aus der Antrittsrede von Johannes Rau: „Jeder soll wissen, dass ich Zuversicht und Kraft aus dem christlichen Glauben schöpfe und dass ich Respekt vor allen habe, die ihr Leben auf andere Fundamente gründen.“

Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier (Vordergrund) mit dem griechischen Präsidetnen Prokopis Pavlopoulos bei der Eröffnung der Documenta 14 (2017). Foto: Viet-Hoang NguyenBundespräsident Frank-Walter Steinmeier (Vordergrund) mit dem griechischen Präsidetnen Prokopis Pavlopoulos bei der Eröffnung der Documenta 14 (2017). Foto: Viet-Hoang Nguyen

Und Frank-Walter Steinmeier sagte, noch als Außenminister, 2015 in einer Rede vor muslimischen Studenten in Tunis: „Natürlich hat mein Christsein mit meinem Handeln in der Gesellschaft zu tun: Meine Religion gebe ich nicht an der Garderobe ab, wenn ich morgens ins Büro gehe.“

Vielleicht liegt in diesen Gedanken der Hauptgrund dafür, dass die Parteien so oft bekennende Christen für das Präsidentenamt aufgestellt haben: Wer einen festen moralischen Kompass und gleichzeitig Respekt vor Andersdenkenden hat, wird auch als geeignet angesehen, ein Gemeinwesen zusammenzuhalten. Im Falle der bisherigen Bundespräsidenten war dieser Kompass meist ihr evangelischer Glaube. Worauf auch immer ihre Nachfolger bauen werden – allein schon durch das Amt werden sie damit an eine protestantische Tradition anknüpfen.

Die Bundespräsidenten

Theodor Heuss
(1949 – 1959), FDP, evangelisch

Heinrich Lübke
(1959 – 1969), CDU, katholisch

Gustav Heinemann
(1969 – 1974), SPD, evangelisch

Walter Scheel
(1974 – 1979), FDP, evangelisch

Karl Carstens
(1979 – 1984), CDU, evangelisch

Richard von Weizsäcker
(1984 – 1994), CDU, evangelisch

Roman Herzog
(1994 – 1999), CDU, evangelisch

Johannes Rau
(1999 – 2004), SPD, evangelisch

Horst Köhler
(2004 – 2010), CDU, evangelisch

Christian Wulff
(2010 – 2012), CDU, katholisch

Joachim Gauck
(2012 – 2017), parteilos, evangelisch

Frank-Walter Steinmeier
(seit 2017), SPD, evangelisch