Christliche Themen für jede Altersgruppe

Protokoll eines Trinkers

Der Terminkalender von Wieland John ist voll. Er ist nicht nur Mesner an der Stadtkirche in Göppingen. Er engagiert sich auch in der Suchtberatung und informiert auf politischer Ebene über das Thema Sucht. Denn er kann aus eigener Erfahrung erzählen. Inzwischen ist er abstinent.

Das Thema Sucht beschäftigt Wieland John immer noch. Aber nicht mehr als Betroffener. (Foto: Brigtte Scheiffele)

Wie wird einer zum Trinker? Dafür gibt es viele Gründe. Wieland John ist heute ein gefragter Experte in seiner Heimatgemeinde Göppingen, wenn es um Suchtprobleme geht. Er war lange Jahre Alkoholiker, heute ist er trocken. Über seine Sucht und seine Abstürze redet er er erstaunlich offen.

Ursprünglich wollte Wieland John Pfarrer werden. Dann aber macht er nach dem Abitur eine Lehre als Einzelhandelskaufmann. Der Vater will, dass er das Dachdeckergeschäft übernimmt. Doch das ist bis zum Ende seiner Ausbildung verkauft, er arbeitet als Filialleiter in einem Lebensmittelladen.

Wieland John heiratet, bildet sich weiter, wird Lehrer an der Kaufmännischen Berufsschule, später Ausbilder bei der Kreissparkasse. Er macht nebenbei eine Bankkaufmannslehre und spezialisiert sich auf Kundenberatung mit dem Schwerpunkt „Problemfälle“: Sozialhilfeempfänger, Alkoholiker, Drogenabhängige.

1990 wird sein Sohn geboren, 1991 baut er mit viel Eigenleistung ein Haus. Er fragt sich, ob er sich damit nicht überfordert. Will er das überhaupt oder hat er sich dazu überreden lassen? Ein Kind zeugen, einen Baum pflanzen, ein Haus bauen, war es das jetzt? Nach zwei bis drei Bieren entspannt er sich, dann fühlen sich die Sorgen nicht mehr so schwer an. Beim Glas mit der Ehefrau verheimlicht er zuvor die getrunkenen Flaschen. Es werden immer mehr.

John steigt auf Cognac um, die Flaschenentsorgung ist einfacher. Er bastelt gerne im Keller, kann dabei unbemerkt trinken. Er trinkt jetzt geruchslosen Wodka. In zwei Tagen ist eine Flasche leer.

Seine Frau verlässt ihn und zieht mit dem Sohn aus. Er verkauft das Haus. Noch ist er nicht bereit, seinen Zustand als Krankheit zu akzeptieren und sich helfen zu lassen. Kontinuierlich konsumiert er jeden Abend eine Flasche Wodka. Tagsüber trinkt er nicht. Aber am Wochenende schließt er sich ein und säuft, säuft, säuft. Ihm ist alles egal, er weiß nur: „Ich muss am Montag wieder nüchtern ins Geschäft.“

Sorgen, immer wiederkehrende Gedanken, tauchen wie ein Ohrwurm in seinem Kopf auf. Der Rausch lässt die Sorgen schwinden. „Man will alles verdrängen, aber immer wieder tauchen die Gedanken auf, übernehmen die Herrschaft im Gehirn. Der Stoff, so glaubt man, gibt Geborgenheit, Liebe, Nähe. Das hat der Körper gelernt und will es immer wieder. Er hat es gelernt wie Schreiben und Lesen“, sagt Wieland John. „Los – hol es Dir – trink – trink – die Liebe wartet.“

Wenn er den ersten Schluck runterzieht, fühlt sich das an wie ein ausgebrochener Vulkan, der den Schlund herunterläuft. „Ich fühlte mich dann wie ein Mensch, der aus der eisigen Kälte kommt und an einem warmen Kamin Platz gefunden hat. Diese Wärme, die Geborgenheit. Mir kakonnte keiner mehr irgendwas tun. Meine Sorgen waren weit weg. Wenn ich aufgewacht bin, drehte sich das Karussell der Sucht wieder von vorne“, erzählt Wieland John, von Freunden Willi genannt.

„Ich war völlig damals fremdbestimmt von der Sucht und konnte mich selbst in keiner Weise mehr steuern. Der Prozess war schleichend. Entzugserscheinungen wie Zittern, Schweißausbrüche und Übelkeit machen sich bemerkbar, wenn Willi nüchtern ist. Der Körper muss wieder funktionstüchtig gemacht werden. Deswegen entsteht das Verlangen nach dem Stoff: damit der Körper ruhig wird und der Abhängige überhaupt im Stande ist, sich zu waschen und anzuziehen.

Irgendwann klappt es nicht mehr mit Arbeit: Kontrollverlust und Krankmeldungen sowie eine Abmahnung folgen. Schon morgens trinkt er eine halbe Flasche Wodka, um die Zipperlein los zu bekommen. Bei der zweiten Abmahnung sagt sein Chef: „Entweder du tust was oder du fliegst.“

John tut was, geht in die Langzeittherapie, behält seinen Arbeitsplatz, findet ein neues Zuhause in einer Pforzheimer Patchwork-Familie. Täglich fährt er nach Göppingen. Nach einer längeren Abstinenzzeit kommt er wieder in Versuchung. Er trinkt ein einziges Bier: „Ich habe nichts gemerkt. Wäre ich besoffen gewesen, hätte ich vielleicht noch die Bremse gezogen.“ Nach einer Woche hat er schon wieder den ersten Wodka daheim. Das Spiel geht von vorne los.

John verliert den Führerschein, zieht deswegen wieder nach Göppingen. 1998 lernt er seine zweite Frau kennen, heiratet sie kurz darauf und noch im gleichen Jahr kommt eine Tochter zur Welt. 1999 ist alles wieder kaputt. „Zu schnell, zu kurz, kompletter Zusammenbruch“, resümiert er. John hat keine Perspektive mehr, er säuft den ganzen Tag. Wieder folgt eine Entgiftung. In der Kreissparkasse ist er mittlerweile in eine andere Abteilung versetzt worden. Er wird beobachtet, übersteht nur mit sehr viel Kraft den Tag ohne Alkohol, nimmt nach Verlassen der Arbeitsstelle aber sofort einen Schluck aus der Wodkaflasche. Weil die Flaschen so auffällig sind, kommt er auf eine Idee: „Ich habe Baldrian Tinktur aus dem Glas pur gesoffen. Das sind 80 Prozent Alkohol und es wirkt schneller.“

Doch wie kommt man an soviel Baldrian? „Zwei Mal dieselbe Apotheke aufsuchen und behaupten, es sei für die Familie. Dann die Apotheke wechseln. In Göppingen gibt es mindestens 12 an der Zahl. Später dann Internet und zum Schluss bekannte Taxifahrer anrufen, die an der Nachtapotheke das Zeug gegen Bares besorgen.“

Seine Kollegen denken, er sei auf dem Kräuter-Gesundheitstrip, bis ihn die Putzfrau schlafend im Büro findet. Ein anderes Mal schläft er dort schon am Nachmittag und vergisst Termine.

„Suchtkranke sind perfekte Schauspieler und beste Organisatoren. Ich habe in meiner anfänglichen Sucht die tollsten Verstecke gefunden: In den Hohlboden des Reserverades im Auto passt immer eine Flasche Schnaps. Oder in Kabelkisten unter der Modelleisenbahn. Schlimm ist nur die Entsorgung: Ich habe gewartet bis ein Nachbar, der auch baute, einen Abfallcontainer bestellte und schmuggelte meine Flaschen mitten in der Nacht da hinein, ohne damit zu klappern. Irgendwann habe ich sie sogar in Kleiderspendentüten meiner Frau eingebaut.“

2003 erhält Wieland John die letzte Chance von seinem Chef. Er geht wieder zur Entgiftung, doch dann wird sein Vater zum Pflegefall. Er fühlt sich mit allem emotional überfordert, kriegt nichts mehr auf die Reihe. beschließt, sich tot zu saufen,2005 startet John zum großen Finale. Er geht nicht mehr aus dem Haus, kauft im Bademantel den Wodka im Supermarkt, isst nichts mehr, vermüllt. Noch einmal will er eine Tante in Berlin besuchen, weiß aber bis heute nicht, wie er hin und wieder zurück kam. Auf dem Stuttgarter Bahnhof greift ihn die Polizei auf. „Ich muss ausgesehen und gestunken haben wie der schlimmste Clochard“, sagt er heute.

Seine letzte Entgiftung wird die härteste. Er spuckt Blut, bekommt einen Kreislaufkollaps, Herzrasen und Halluzinationen. Ein Arzt sagt ihm: „Noch ein einziger Rückfall und ihr Körper macht nicht mehr mit.“ Nach der Entgiftung trifft er den damaligen Pfarrer bei einem Besuch in der Stadtkirche. „Er hat mit mir eine Stunde über das Leben gesprochen“, erinnert sich John. „Es war kein Zufall, es sollte so sein.“

Während der Entgiftung und Kurzzeittherapie lernt er seine heutige Lebenspartnerin kennen, die ebenfalls suchtkrank ist. Beide entscheiden sich für ein Leben ohne Alkohol und Drogen. Zwei Bypässe hat er bisher bekommen, ein Stück Speiseröhre musste entfernt werden. Folgeschäden des Alkoholmissbrauchs.

Die letzte Entgiftung verbindet ihn mit den Freundeskreisen für Suchtkrankenhilfe, für die er mittlerweile als Mitarbeiter und stellvertretender Regionalvertreter tätig ist. Ehrenamtlich beginnt er sein Engagement in der Suchtberatung. Er kocht und putzt, danach folgt die 1,50 Euro-Variante. Schließlich kommt es zur Festanstellung und Vollbeschäftigung. John wird Kontaktmann für viele Suchtkranke. Er setzt sich als Vorsitzender eines Vereins für sozial Schwache ein, die an kulturellen und sozialen Projekten beteiligt werden sollen. Dieses Ziel verfolgt er bis heute. Die Freundeskreise werden ein Teil seines Lebens bleiben: „Wir vergessen zu schnell. Das führt zum Leichtsinn. Darum ist es wichtig, einmal pro Woche an unsere Krankheit erinnert zu werden. In welcher Form auch immer."

Zur Person

Wieland John arbeitet heute auf zwei Stellen: Zu 80 Prozent in der Kirchenpflege in Göppingen und zu 20 Prozent in der „Kontakt- und Anlaufstelle für Drogengebraucher“, einer Einrichtung der Suchtberatung des Diakonisches Werkes Göppingen. Zudem ist er Vorsitzender der Sozialen Einrichtung „Mauch`sche Villa“ und hat auch das Konzept für diese Einrichtung konzipiert. Sie ist mittlerweile Anlaufstelle für 26 soziale Gruppierungen geworden.

John ist im Vorstand des Hauses der Jugend Göppingen, er besucht den Gemeindeausschuss, holt sich politischen Rückhalt beim Gemeinderat, hält Kontakt zu Landtagsabgeordneten, setzt sich als Mitarbeiter bei den Freundeskreisen für Suchtkrankenhilfe ein und arbeitet in der Fußgängerzone präventiv gegen jede Form von Sucht. Geht es in Göppingen also um soziale- oder Suchtprobleme, weiß man dort die Expertise von Wieland John zu schätzen. Als ehemaliger Suchtkranker weiß er, wovon er spricht. Seit 2005 lebt er mit seiner Lebenspartnerin zufrieden abstinent.

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