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Rahab hilft Prostituierten - Zwischen Milieu und Gesellschaft

NÜRTINGEN/ESSLINGEN – Das Elend der Prostituierten soll „Rahab“ lindern. So heißt ein Projekt des Kreisdiakonieverbands Esslingen, das im Sommer 2020 startete. Bevor die Sozialarbeiterinnen helfen können, müssen sie das Vertrauen der Frauen gewinnen.

Wem können sich Prostituierte (hier ein Symbolbild) anvertrauen? Rahab ist für die Frauen da. (Pressebild)Wem können sich Prostituierte (hier ein Symbolbild) anvertrauen? Rahab ist für die Frauen da. (Pressebild)

Rahab hat Menschen gerettet. Sie versteckte zwei von Josua gesandte israelitische Kundschafter in ihrem Haus. Daraufhin überlebte sie mit ihrer Familie die Zerstörung der Stadt. So berichtet es der Prophet Josua im Alten Testament.

Menschen retten ist eine große Aufgabe, die im Kleinen beginnt. Darum geht es auch den Mitarbeiterinnen des Projekts „Rahab“. Eberhard Haußmann, Geschäftsführer des Kreisdiakonieverbands Esslingen, hat Rahab ins Leben gerufen, um das Elend der Frauen zu lindern. „Es geht bei Prostitution knallhart ums Geld“, sagt Haußmann beim Gespräch in der Diakonischen Bezirksstelle in Nürtingen. „Die Not ist groß. Die Lust der Männer ist die Qual der Frauen.“

Maria Neuscheler leitet das Projekt, die Sozialarbeiterinnen Rebekka Gärtner und Nora Triantafiludis gehen zu den Frauen. „Aufsuchende Arbeit“ heißt das. Sie machen auf das Angebot aufmerksam, verteilen Flugblätter in mehreren Sprachen, setzen auf Mund-zu-Mund-Propaganda, gehen in die Bordelle. Sie treffen sich mit den Frauen zu vertraulichen Gesprächen in einem Café, beim Spaziergang oder in einem Raum der Diakonie. „Wir wollen eine Brücke bauen von der Gesellschaft in das Milieu“, sagt Rebekka Gärtner.

Die Prostituierten haben oft Missbrauch, Ausbeutung und Gewalt erfahren, das macht sie misstrauisch und vorsichtig. Die Beraterinnen müssen geduldig sein. Zur gesundheitlichen und finanziellen Not der Frauen kommen oft Sucht, Trauma, fehlende Krankenversicherung und mangelnde Sprachkenntnisse hinzu.

An all diesen Punkten setzen die Sozialarbeiterinnen mit ihrer Beratung und ihrer Hilfe an. Sie orientieren sich daran, was die Frauen konkret benötigen: Eine Wohnung, eine Krankenversicherung, Beratung bei rechtlichen Fragen. Einen sicheren Ort. Eine Perspektive. Da das Projekt nicht alles selbst leisten kann, vernetzt es sich mit anderen, ähnlichen Projekten im Land.

Rebekka Gärtner erzählt von einer 25-jährigen Rumänin, die sich via Internet in einen jungen Mann in England verliebt hat. Er lockte sie in die Prostitution, wo sie fünf Jahre lang ausgebeutet wurde. „Dann gelang es ihr über eine Freundin, nach Deutschland zu kommen.“ Hier schaffte sie weiter an, wurde schwanger und wandte sich dann hilfesuchend an Rahab. Die Sozialarbeiterinnen sprachen mit ihr über die Schwangerschaft und halfen bei Amtsgängen. Nun lebt sie vom Arbeitslosengeld II, hat eine kleine Tochter und versucht, ihr Leben zu ordnen.

Foto: ninocare, pixabayFoto: ninocare, pixabay

Wie viele Frauen prostituieren sich? Das weiß man nicht, denn viele melden sich nicht bei den Gesundheitsämtern. Rahab kennt 16 Bordelle und Wohnungen im Landkreis. Viele Frauen arbeiten auch in privaten Wohnungen, der Gewalt der Freier schutzlos ausgesetzt. Das Elend der Zwangsprostituierten, die mit falschen Versprechungen nach Deutschland geholt und dann ausgenutzt werden, lässt sich nur erahnen.

Die Finanzierung des Projekts steht erst einmal bis Ende 2022. Das Geld kommt von der Deutschen Fernsehlotterie. 3000 Euro hat der Nothilfeverein gespendet. Eine Regelfinanzierung wäre wünschenswert. Derzeit entsteht ein Förderkreis, der Rahab unterstützt.

Gäbe es keine Männer, die sexuelle Dienstleistung kaufen, dann gäbe es keine Prostitution. Was wünscht sich das Team von Rahab? Die Liberalisierung der Prostitution habe zu mehr Gewalt und Kriminaltität geführt, sagt Eberhard Haußmann. Er wünscht sich mehr Regeln, um die Frauen besser zu schützen. □

◼ Mehr zu Rahab auf www.kreisdiakonie-esslingen.de