Christliche Themen für jede Altersgruppe

Raus aus dem eigenen Milieu

Die Herbstsynode 2017 hat Spuren hinterlassen. Dass zur Segnung gleichgeschlechtlicher Paare keine Zweidrittel-Mehrheit zustande kam, hat Gräben in der Landessynode aufgerissen und vertieft. Das wurde aus den Äußerungen der Synodalen zum Bischofsbericht deutlich. Dieser versuchte daher auch, eine ­Perspektive aufzuzeigen, um sich wieder gemeinsam auf den Weg zu machen. 


 (Foto: epd-bild)

Schon in der Wahrnehmung des Bischofsberichtes unter dem Titel „Da wurden ihre Augen geöffnet“ wurde deutlich, mit welch unterschiedlichen Augen die Worte von Landesbischof Frank Otfried July gelesen und mit welch unterschiedlichen Ohren sie gehört wurden. Während die Lebendige Gemeinde mit Tobias Geiger dem Bischof für den Hinweis dankte, dass das Ergebnis vom Herbst zu akzeptieren sei und nun andere Themen dran seien, glaubte Jutta Henrich von der Offenen Kirche zu erkennen, dass der Bericht das „Ringen des Bischofs“ zeige.

Sie betonte, dass die Gräben vertieft worden seien und das der „Zusammenschluss einer Gruppe“ ihren Einfluss kompromisslos und „ohne Rücksicht auf Verluste“ genutzt habe. Sie verwies darauf, dass es in der 2000-jährigen Geschichte des Christentums immer Verteidigung der Lehre gegeben habe, aber eben auch Fortentwicklung. Den Landesbischof forderte Jutta Henrich auf, Schluss zu machen mit Formulierungen wie „angemessener Begleitung“ Gleichgeschlechtlicher und dafür einzutreten, diese Menschen zu trauen.

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Auch Ernst-Wilhelm Gohl von Evangelium und Kirche beklagte, dass die Lebendige Gemeinde nur auf sich schaue. Somit sei man vom „synodalen Weg meilenweit entfernt“. Er forderte die Lebendige Gemeinde auf, sich zu überlegen, ob ein öffentlicher Gottesdienst für Gleichgeschlechtliche überhaupt denkbar ist. „Wenn nicht, brauchen wir uns keine weiteren Gedanken machen“, sagte er. Dass gleichgeschlechtliche Paare im Wohnzimmer gesegnet werden dürfen, in der Kirche aber nicht, „das verletzt tief“, betonte der Ulmer Dekan.

Als Resümee hielt Matthias Böhler von Kirche für morgen fest, dass das Vertrauen in der Synode zerbrochen sei und das „gemeinsame Unterwegs-Sein“ in Frage stehe. Und er fügte hinzu: „Wer Vielfalt will, muss bereit sein, seine verengte Sicht zu überwinden, in der Synode und auch im Oberkirchenrat.“

Genau für diese Vielfalt hatte zuvor Landesbischof Frank Otfried July plädiert und dazu aufgerufen, den anderen anzunehmen und auch das Fremde im anderen anzunehmen oder zumindest auszuhalten. Er beklagte, dass seit der Synode im Herbst „viel Sprachlosigkeit im Raum“ stehe, Vertrauensrisse zu beobachten seien und „verweigerter Blick-Kontakt“ festzustellen sei. Er frage sich daher, ob „wir alte Konfrontativ-Schablonen in die Hand genommen“ haben und sie einander vorhalten „verknüpft mit dem ganzen Vorrat eingeübter kirchenpolitischer Fertigmodule und Statements“.

July betonte dabei, dass er für eine Diskussion und für Auseinandersetzungen in wichtigen Fragen eintrete. Aber er forderte auf, sich dabei nicht mit einer „auf das eigene Milieu und Klientel verengten Sichtweise zufrieden zu geben“. Denn kein einzelner Mensch und keine Gruppe „verfügt über die Fülle der Erkenntnis“. Die Bereitschaft voneinander zu lernen und sich auszuhalten sei in vielen Beiträgen, Zuschriften und Veröffentlichungen aber nicht mehr zu spüren gewesen, beklagte der Landesbischof.
July warnte in diesem Zusammenhang vor Isolation und der „Filterblase Gleichdenkender“, die die Kirche als „Beziehungsraum der Gnade“ überwinden müsse. Gleichzeitig buchstabierte er dieses Anliegen auch in weiteren Themenfeldern durch, die die Kirche gerade beschäftigen: bei der Digitalisierung, beim Thema Familie, beim Pfarrplan und dem eher politischen Thema Europa.
Was die Digitalisierung betrifft, die auch in der Landeskirche vorangetrieben wird, betonte July, dass sie das Bild der Kirche verändern werde, dass sie aber immer dem Menschen dienen müsse und niemanden ausgrenzen dürfe. Ziel sei es, Kommunikation zu ermöglichen und Gemeinschaft zu schaffen.

Um Familien in all ihren Lebenslagen zu stärken sei es wichtig, Arme, Kranke, Gewaltopfer und Ausgegrenzte als „Teil der Kirche, nicht Objekt unserer Barmherzigkeit“ zu sehen, forderte July. In der Frage der Flüchtlinge betonte er, dass es nicht um Familiennachzug, sondern um Familienzusammenführung gehe. „Wer könnte hier dagegen sein?“

Beim Thema Pfarrplan stellte July fest, dass an der Basis manchmal der Eindruck vorherrsche, die Kirchenleitung sehe die Gemeinden nicht. Er betonte aber, dass es darum gehe, den notwendigen Umbau in der Kirche zu gestalten und versicherte, dass Erfahrungen produktiv aufgenommen worden seien und immer „neu geschaut und justiert“ werde. „Der Pfarrplan war und ist eine große Aufgabe, die einer enormen Anstrengung bedarf. Wir sollten das nicht kleinreden“, sagte July und fügte hinzu: „Wir nehmen Abschied von vertrauten Verhältnissen und dieser Abschied tut zunächst einmal weh.“ Er plädierte dafür, den Christen im Nachbarort wahrzunehmen und mit ihm zusammenzuarbeiten. Manchmal könne man sich seit Generationen nicht leiden und kenne den Grund schon gar nicht mehr.
Gerade für protestantische Christen, die Jahrhunderte dem landeskirchlichen Kirchenregiment zugeordnet waren, sei auch Europa nun eine Chance, so July, die grenzüberschreitende ökumenische Christenheit in den Blick zu nehmen und nationale Ideen hinter sich zu lassen. Eine Anregung dazu sei die Idee einer Europäischen Synodalversammlung.