Christliche Themen für jede Altersgruppe

Raus aus der „Psycho-Ecke“

Einmal im Monat trifft sich im Reutlinger Haus der Familie eine Gruppe von Männern und Frauen, die nach einer Infektion mit dem Coronavirus nicht mehr dieselben sind. Sie hören einander zu und stärken sich gegenseitig – manchmal auch mit Galgenhumor.

Sie haben das Lächeln nicht verlernt: Die Mitglieder der Long-Covid-Gruppe mit Moderatorin Hildegard Renovanz- Grützmacher (Dritte von links). Foto: Wolfgang Albers



Hühnerfilet an Orangensoße hätte es geben sollen. Das hätte sicher gut geschmeckt. Zumindest hätte man sich daran üben können, etwas zu schmecken. Aber dann war Götz, der Koch, am Abend vorher mit seinem Fahrrad umgefallen. Aus dem Stand raus, urplötzlich, wie es ihm schon fast zehn Mal passiert ist.

Nichts ist eben mehr normal. Dass man schmecken kann. Dass man Herr seines Körpers ist. Wenn einen Covid erwischt hat – und einen lange nach der sogenannten Genesung immer noch nicht aus den Krallen lässt.

Ursula spürt das noch jeden Tag. Vor ihrer Infektion war sie eine fitte Wanderin, jetzt fällt ihr jeder Schritt schwer: „Jeden Tag fühle ich eine wahnsinnige Müdigkeit, jeden Tag ist mir schwindlig im Kopf.“ Ihr Hausarzt sagte ihr: „Ja, das hört man immer wieder.“ Aber helfen könne er ihr auch nicht. Und die Sprechstundenhilfe gab ihr mit auf den Weg: „Jetzt müssen Sie über sich hinauswachsen und sich eben anstrengen.“

Da hat sich Ursula lieber nach anderer Hilfe umgeschaut. Und sitzt so eines Abends im Reutlinger Haus der Familie, einer Einrichtung der Evangelischen Bildung. Dort hat sich der frühere Leiter Frieder Leube kurz vor seinem Abschied in seinem Netzwerk umgeschaut und Hildegard Renovanz-Grützmacher angesprochen, die Klinikseelsorgerin in Ludwigsburg und Reutlingen war: Ob sie nicht eine Gruppe anbieten könne für Long-Covid-Betroffene? Für eben die, die nach einer Akut-Infektion gar nicht mehr den Weg ins frühere aktive Leben finden?

Da gibt es etliche. Kaum hatte Hildegard Renovanz-Grützmacher Ende des letzten Jahres den Treff angeboten, kamen auch schon einige. Die schon unter der Covid-Infektion heftig zu leiden hatten, wie Götz. Das Virus hatte sich auf seine Herzklappen gesetzt, am Ende, so sein Arzt, habe sein Leben an einem seidenen Faden gehangen.

Er hat überlebt – aber mit massiven Verlusten: „Ich war ein leidenschaftlicher Schwimmer, bin jeden Mittag 1000 bis 1500 Meter geschwommen. Nach Corona konnte ich nicht mehr schwimmen.“ Auch Hubertus kann-te sich nach der Infektion nicht mehr wieder: Ihm fielen einfachste Namen nicht mehr ein, ständig setzte ihm Müdigkeit zu und jede Konzentration war weg. „Ich war teilweise überfordert, eine dreizeilige Mail zu schreiben.“ Der einst so erfolgreiche Verkäufer war schließlich berufsunfähig.

So unterschiedlich teils die Infekt-Verläufe waren und die Folgen danach – eines eint alle: Das Gefühl, nirgendwo Hilfe zu finden. „Du wirst in die ‚Psycho-Ecke‘ gestellt“, hat Hubertus erfahren, „oder die Ärzte sagen: Beiß dich durch.“

Da kann die Gruppe helfen. Jeder kennt dieses Gefühl, vergebens Hilfe zu suchen. Und das Gefühl, sich selber helfen zu müssen. Wie es Bettina schon in der Infektion gemacht hat. Unglaubliche Schmerzen hatte sie da auf der Brust: „Ich hab mich auf den Bauch gelegt, das hat geholfen.“

Ursula hat gemerkt, dass ihr Wassertreten im Kneipp-Becken gut tut. Götz hat Schwimm-Unterricht genommen: „Wenn ich jetzt ins Wasser geworfen werde, gehe ich wenigstens nicht unter.“ Bettina bringt sich selbst wieder das Riechen bei, hält eine Blume an die Nase und sagt: „Das ist eine Rose.“

Und Hubertus kann Ines ein wenig helfen. Die ehemalige Kosmetikerin, die durch Covid ihren Job verloren hat, hat schreckliche Angst um ihre Tochter. Die hat nach einer Impfung Herzprobleme und viele Symptome, die für Long Covid typisch sind. In Deutschland gibt es gerade mal zwei Ambulanzen, an die man sich wenden kann. Von Marburg bekam Ines eine automatische Mail-Antwort: Man bekomme täglich an die 500 Anfragen. Welche man berücksichtigen könne – da gelte es abzuwarten.

Immerhin kann Hubertus einen Tipp geben: Er war bei der Tübinger Long-Covid-Ambulanz, habe dort das erste Mal in seinem Leben einen Arzt erlebt, der sich eineinhalb Stunden Zeit genommen habe und wird dort jetzt für etliche Wochen stationär aufgenommen. Das könnte doch für Ines und ihre Tochter eine Adresse sein. „Wir nehmen jeden Strohhalm“, sagt Ines.

So läuft das in der Gruppe – ganz im Sinne der eher zurückhaltend moderierenden Hildegard Renovanz-Grützmacher: „Das Entscheidende ist, das Menschen sich gegenseitig stützen.“ Und es tut der Gruppe sichtlich gut. Trotz des bedrückenden Themas ist die Stimmung nicht gedrückt – gerade wenn Götz seinen trockenen Humor einfließen lässt, selbst als er von seinem Schlaganfall erzählt, einer Komplikation seiner Infektion: „Man gönnt sich ja sonst nichts.“

Die Gruppe, das erkennt auch der flüchtige Besucher, stabilisiert sich gegenseitig. Aber die Probleme bleiben ja – vor allem die Frage, warum finden Menschen mit Long Covid so wenig Unterstützung? Was der Gruppe fast schon eine neue Aufgabe weist: Vielleicht muss man diese Unterstützung von der Gesellschaft vehementer einfordern.

Am Ende soll jeder einen Satz sagen. „Die Lage ist ernst, aber nicht hoffnungslos“, kommt als Reaktion. Oder: „Unkraut vergeht nicht.“ Und: „Danke fürs Zuhören, das tut gut.“


Covid-Gruppe

Die nächste Zusammenkunft der Gruppe ist am 19. Juli von 17 bis 19 Uhr im Haus der Familie in Reutlingen, Pestalozzistraße 54, Raum 23. Man kann zwar spontan kommen, aber eine Anmeldung wäre dennoch hilfreich: info.bildung@
kirche-reutlingen.de

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