Christliche Themen für jede Altersgruppe

Raus aus der Routine

Je älter man wird, umso schneller scheint die Zeit zu verfliegen. Warum das sich so anfühlt, dafür gibt es ganz unterschiedliche Gründe. So wird zum Beispiel im Alter alles Erlebte immer mehr zur Gewohnheit – und Routine verkürzt die Zeit. Denn dadurch werden Momente als weniger intensiv erlebt. Doch es gibt ganz einfache Tricks, wie man dagegen ansteuern kann. 


Den Horizont erweitern: Es lohnt sich, auch noch im Alter Neues zu wagen. (Foto: pixelio)


Ein faszinierendes Phänomen, das sich der Mensch zunutze machen kann. Denn wer bereit ist, auch im höheren Alter eingefahrene Bahnen zu verlassen und ungewohnte Erfahrungen zu sammeln, erlebt die Zeit als intensiver. Und hat im Nachhinein das Gefühl, sie ist langsamer vergangen.
Doch wie gelingt das? Der Sozialwissenschaftlicher Eckart Hammer, der an der Evangelischen Hochschule in Ludwigsburg Gerontologie lehrt, empfiehlt, im Alter „sich in Ruhe einigen Fragen neu zu stellen“. Etwa, wie es möglich ist, in seiner gewonnen Zeit Platz für Spielerisches, Ungeplantes, Nutzloses oder gar Verrücktes zu schaffen: Ist es wirklich nötig, sich rigide immer an einen festen Tagesablauf zu klammern, immer den gleichen Ritualen zu folgen? Oder ist es nicht jetzt an der Zeit, sich von äußeren Zwängen und Oberflächlichkeiten zu verabschieden, um das eigene Leben mehr zu vertiefen?

Doch bislang lieb gewonnen Gewohnheiten zu unterbrechen ist nicht einfach. Denn Routinen im Alltag sind etwas Wichtiges. Sie geben Halt, lotsen durch den Tag, verleihen dem Dasein eine sichere Struktur, an der entlang der Einzelne sich durch das Leben hangelt.

Das beginnt schon am Morgen, der bei den allermeisten Menschen von einem festen, meist minutiös durchgetakteten Ablauf bestimmt ist: vom Klingeln des Weckers um immer dieselbe Uhrzeit, über die fünf Minuten, die der Tee ziehen soll bis hin zu den 20 Minuten Körperpflege im Bad. Ungewohnte Unterbrechungen, wie etwa die Verspätung der Bahn, die flexible Reaktionen erfordern, werden als anstrengend und lästig empfunden. 

In zunehmendem Alter werden solche alltäglichen Gewohnheiten immer wichtiger, können sogar zwanghaft werden. Viele Menschen klammern sich regelrecht daran, entwickeln eine starre Haltung. Sie werden unflexibel und empfinden jegliche Veränderung im Tagesablauf als Zumutung. Doch kleine Änderungen im täglichen Verhalten können helfen, den Alltag mit neuen Erlebnissen zu füllen. Wer dies tut, umgeht die ständigen Wiederholungen – und nimmt damit auch Einfluss auf das subjektive Zeitempfinden. Möglichkeiten dafür gibt es viele – und sie kosten nicht einmal besonders viel Mut: Den gewohnten Kaffee am Morgen durch Tee ersetzen. Zwischendurch den Weg zum Bäcker zu Fuß zurückzulegen, anstatt mit dem Bus. Einmal ins Kino gehen, anstatt den Abend vor dem Fernseher zu verbringen. Die Schwimmstunde am Mittwochvormittag spontan durch einen längeren Spaziergang in der Frühlingslandschaft ersetzen. Kleine Details nur, doch schon diese unterbrechen den gewohnten Ablauf und geben neue Impulse. 

So etwa auch, wenn man sich im höheren Alter noch mit modernen Technologien beschäftigt. Dank der Hirnforschung weiß man, dass jedes Gehirn fit bleibt, wenn es sich mit neuen Informationen auseinander setzen muss. Auch sonst gibt es genug Möglichkeiten, etwas Neues in seinem Leben anzufangen: Sich in der Nachbarschaftshilfe engagieren, den Seniorentreff der Kirchengemeinde besuchen. Den Kontakt zu alten Freunden wieder aufnehmen. Ein Fernstudium beginnen. Ein altes Hobby wieder aufnehmen. Sich ein Haustier zulegen, einen Hund aus dem Tierheim ausführen, im Kirchenchor mitsingen. Wer die Augen offen hält, entdeckt genügend Angebote.

Der Psychologe Marc Wittmann weist darauf hin, dass man sich an Ereignisse viel stärker erinnert, wenn sie mit Emotionen verbunden sind. Das bedeutet, man erinnert sich an bestimmte Lebensphasen oder Situationen vor allem dann, wenn sie von besonderen Gefühlen geprägt waren. Auch das spricht dafür, sich im höheren Lebensalter mit neuen Erfahrungen und Begegnungen zu konfrontieren, die einen dazu zwingen, die persönliche Komfortzone zu verlassen.

Ein schönes Beispiel dafür sind die Erfahrungen, von der die Journalistin und Weltreisende Meike Winnemuth in ihrem Buch „Das große Los“ erzählt: Nachdem sie 500.000 Euro bei der Sendung „Wer wird Millionär“ mit Günther Jauch gewonnen hatte, beschloss sie, ein Jahr lang auf Weltreise zu gehen. Jeden Monat verbrachte sie in der Zeit in einer anderen Stadt: von Sydney über Buenos Aires bis hin zu Mumbai, Shanghai, Honolulu.

Hals über Kopf stürzte sie sich in das Leben der einzelnen Metropolen. Sie verbrachte den größten Teil ihrer Zeit ungeplant, folgte spontan ihren Eindrücken und Eingebungen. Die Erfahrungen, die sie schildert, sind berührend. Am Ende resümiert sie: „Mein Jahr war wie ein Kinderjahr, so lang. Ein endloser Sommer voller Sensationen. Ich bin sehr gespannt, ob es mir gelingen wird, diesen simplen Trick der Lebensverlängerung – das Vermeiden von Gewohnheiten – auch zuhause anzuwenden.“ 
Fazit: Ein neues Land bereisen, eine neue Sprache lernen oder ein ungewöhnliches Hobby ausprobieren. Wer bereit ist, auch im höheren Alter eingefahrene Bahnen zu verlassen und neue, ungewohnte Erfahrungen zu sammeln, erlebt die Zeit intensiver. Und hat im Nachhinein das Gefühl, sie ist langsamer vergangen. Ein erfülltes, abwechslungsreiches Leben ist auch ein langes Leben.


Buch-Tipp
Franciska Bohl und Andreas Steidel: Alles hat keine Zeit? Wie wir unser Leben sinnvoll nutzen. Verlag der Evangelischen Gesellschaft Stuttgart 2017. Ca. 145 Seiten. 14,95 Euro. ISBN 978-3-945369-38-8.
Erscheint Ende März 2017

Franciska Bohl/ Andreas Steidel

Alles hat keine Zeit?

144 S., Broschur

14.95 €

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