Christliche Themen für jede Altersgruppe

Reden mit den Händen

RAVENSBURG – Die eine Teilnehmerin möchte mit den gehörlosen Schwiegereltern der Tochter kommunizieren, die andere hat sich in einen sprachbehinderten Mann verliebt. Es gibt viele Gründe, die einfache Form der Gebärdensprache zu erlernen. Zu Besuch bei einem Kurs der Zieglerschen.


Hirsch und Sonne - das drücken die Hände der Frauen aus. (Fotos: Martina Kruska)

Langsam füllt sich der Clubraum der Ambulanten Dienste der Zieglerschen in der Charlottenstraße in Ravensburg. 26 Menschen im Alter zwischen 17 und 70, meist Frauen, nehmen im Stuhlkreis Platz. Man kennt sich, man ist vertraut und locker. Schließlich ist das heute der vierte und letzte Kursabend. Alle eint der Wunsch, die Gebärdensprache „Schau doch meine Hände an“ zu erlernen. Sie wird von der Behindertenhilfe der diakonischen Einrichtung „Die Zieglerschen“ allen Interessierten zugänglich gemacht.

Roswitha Österle, seit über 4o Jahren Fachlehrerin für Sonderpädagogik bei den Zieglerschen, führt diesen und auch andere Gebärdenkurse durch. Als Schnupperkurs kostenlos gestartet, werden sie heute als viertägige Intensivkurse gegen Gebühr an verschiedenen Außenstellen angeboten. Neben Fachkräften und Menschen, die beruflich auf nicht sprechende Menschen treffen können, sollen vor allem Freunde, Verwandte und Bezugspersonen aus deren privaten Umfeld angesprochen werden. 

Manuela Geiger arbeitet seit 36 Jahren als Amtsinspektorin beim Amtsgericht Ravensburg, und erzählt: „Heute trat ein syrischer Asylbewerber ohne Deutschkenntnisse als Zeuge auf. Mit meinen Gebärden konnte ich mich ihm verständlich machen.“ Und: „Bei mir landen oft die Problemfälle. Durch die Gebärdensprache konnte ich einen Taubstummen verstehen. Er war so gerührt, dass er weinen musste.“ 

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Dank der Behindertenrechtskonvention der Vereinten Nationen von 2009 hat jeder Mensch mit Beeinträchtigungen das Recht auf ein barrierefreies Leben. Kommunikation ohne Hindernisse ist eine wesentliche Voraussetzung für gelingende Teilhabe an der Gesellschaft.

Neben der Deutschen Gebärdensprache, einer anerkannten Sprache mit eigener Grammatik, hat sich – vor allem für Menschen mit zusätzlicher geistiger Behinderung – die lautsprachunterstützte Gebärdensprache entwickelt. Hier wird das gesprochene Wort unter anderem durch formbeschreibende Gebärden (Haus, Baum, Frau), tätigkeitsnachahmende (singen, schwimmen) oder hinweisende (ich, oben, dort) unterstützt.

Seit den Siebzigerjahren arbeiteten unter anderem Pädagogen der Haslachmühle, einer sonderpädagogischen Einrichtung der Zieglerschen in Horgenzell bei Ravenburg, an einer praktikablen Gebärdensprache als Teil der unterstützten Kommunikation. 2007 wurde bereits die zweite Auflage der Gebärdensammlung „Schau doch meine Hände an!“ vom Bundesverband evangelische Behindertenhilfe in Kooperation mit der Zieglerschen herausgegeben. Im Sinne eines Lexikons werden hier 1300 Begriffe anschaulich in Gebärdensprache übersetzt.

Am heutigen Abend wiederholt Roswitha Österle mit ihrer Gruppe das Fingeralphabet. Außerdem geht es um die Darstellung des eigenen Namens, der Themen „Zeit“ und „Tiere“. Aufmerksam und ernsthaft gebärdet jeder einzelne die von der Leiterin durch Mimik, Gestik, Körperhaltung und einfache Sprache vorgemachten Begriffe. Da wird gelacht und oft auch erstaunt festgesellt: „Hej, klar, das ist super zu verstehen!“ Jeder macht ungeniert mit und freut sich immer wieder an so schönen Gebärden wie der für die „Räuberhöhle“ – so heißt ein bekanntes Ravensburger Lokal.

Die 6o-jährige Sibylle Schwandt versteht ihre Kursteilnahme als nette Geste gegenüber den gehörlosen Schwiegereltern ihrer Tochter. Und sie fügt hinzu: „Ich mache es aber auch wegen der Leute aus der benachbarten Behinderteneinrichtung, denen ich  begegne. Es kann helfen, wenn ich weiß, wie die Verständigung funktioniert.“ Und ob sie es weiß! Nach drei Schnupperkursen und dem Intensivkurs gebärdet sie nahezu perfekt. 

Die 30-jährige Italienerin Andreea Valu besucht den Kurs aus einem ganz anderen Grund: „Ich habe mich in Sebastian verliebt. Er ist sprachbehindert. Ich mache das für ihn!“ Und sie formt ihre Hände erst zu einem Herz, dann legt sie sie auf ihre linke Brust.

Wenn Roswitha Österle, die empathische, temperamentvoll gestikulierende Frau eine Gebärde mal nicht weiß, kann sie digital auf eine Sammlung von 1800 aktuellen Gebärdenbegriffen zugreifen. Das passiert allerdings höchst selten. Ulrike Waizenegger, die wegen ihres nichtsprechenden Sohnes Leonard am Kurs teilgenommen hat, fasst ihre Eindrücke am Ende so zusammen: „Das hier war sensationell. Frau Österle hat das so perfekt und unterhaltsam gemacht.“ Ein dickes Lob für die Leiterin und auch für die Zieglerschen, die mit diesen Kursen eine hilfreiche, kommunikationsfördernde Fortbildung für jedermann anbieten.

Infos zum Gebärdenschnupperkurs in Ravensburg

Am 25. April und am 2. Mai findet in Aulendorf der nächste Gebärdenschnupperkurs statt. Anmeldung bei Roswitha Österle, Telefon 01520-9277456.