Christliche Themen für jede Altersgruppe

Reden, schweigen, horchen

„Was soll man beten?“, fragten die Jünger Jesu. Und er gab ihnen das große und einfache Gebet, das wir Vaterunser nennen. Jesus lässt mit diesem Gebet das eine Bild hervortreten: Gott ist dein Vater, und du bist sein Kind. Verlass dich auf ihn. Du brauchst keinen anderen Schutz.


Das Vaterunser hat Maler dazu inspiriert, Gott als Vater, als einen älteren Mann, darzustellen. Das Gemälde von Michail von Saloniki und Georgi von Bukarest (1761) ist in der Erzengel-Kirche in Arbanassi (Bulgarien).Foto: akg-images

Wenn Jesus vom Gebet spricht, dann fallen uns etliche Anweisungen auf, die sich um das äußere Bild eines betenden Menschen bewegen: „Und wenn ihr betet, so sollt ihr nicht sein wie die Heuchler, die gern in den Synagogen und an den Straßenecken stehen und beten, damit sie von den Leuten gesehen werden. … Wenn du aber betest, so geh in dein Kämmerlein und schließ die Tür zu und bete zu deinem Vater, der im Verborgenen ist … Und wenn ihr betet, sollt ihr nicht viel plappern wie die Heiden; denn sie meinen, sie werden erhört, wenn sie viele Worte machen“ (Matthäus 6,5–8).

Seit Urzeiten haben die Menschen über Gott nachgedacht, den großen, den gefährlichen, den schaffenden, den liebenden, den finsteren, den bedrohlichen, den herrschenden, den richtenden Gott. Bei Jesus wird alles sehr einfach.

Er verweist alle dunklen Aspekte Gottes in den Hintergrund und lässt das eine Bild hervortreten und allein gelten: Gott ist dein Vater. Du bist sein Kind. Seine Tochter. Sein Sohn. Verlass dich auf ihn. Du brauchst keinen anderen Schutz, keine andere Versorgung und vor allem keine Waffe, um dich zu sichern. Was immer dir widerfährt, lass alle Autoritäten, die sich dir auf dieser Erde anbieten, beiseite und vertraue allein ihm. Und glaube nicht, dass du, um ihm nahe zu sein, irgendwelche menschlichen Hilfen brauchst, Stellvertreter oder Gurus oder Heilige.

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Wenn du aber in der Nähe Gottes leben willst, dann suche das Gespräch mit ihm. Rede in der Stille mit ihm und horche, was dir an Antwort gegeben wird. Geh in deine Kammer, schließ die Tür und finde deinen Vater in der Verschwiegenheit. Schließe die Tür deiner Seele und warte auf ihn, sprich einfache Worte des Vertrauens oder schweige.

Jesus gab seinen Jüngern das große, einfache Gebet, das wir das Vaterunser nennen. Wir sagen also: Du, Vater, bist uns nahe, und doch begreifen wir dich nicht. Denn du bist für uns im „Himmel“. Wir nennen dich Gott und wissen dich über uns wie die Wolken, um uns her wie die Luft, unter uns wie die Erde und in uns wie uns selbst. Wir könnten ebenso gut sagen: „Unsere Mutter“, denn wir reden immer nur in Bildern. Auch „Vater“ ist ein Bild, das wir uns machen, um besser zu verstehen, was wir meinen. Er oder sie ist weder männlich noch weiblich.

Es ist Gott. Aber nun ist bei uns mit dem Bild von Gott, dem „Vater“, etwas Schwerwiegendes geschehen. Für Jesus lag in dem Ausdruck „Abba“, den er verwendete, etwas ungemein Zärtliches.
In der hinter uns liegenden bürgerlichen Kultur war der Vater sehr häufig der über der Familie schwebende Tyrann, den die Kinder ehrten und fürchteten und dem die Mutter demütig diente. Heute zeichnet sich ein Wandel ab, der darin besteht, dass die Väter zugleich oft auch „Mütter“ sind, mit dem Kind ebenso eng verbunden wie sie, sodass vielleicht die religiöse Bedeutung des Bildes von Gott, dem Vater, wieder begriffen werden kann oder könnte.

„Dein Name werde geheiligt.“ „Dein Name“ steht für „Du“. Mit dem „Namen“ umschrieb der Jude den Gott, den er nicht nennen durfte, weil er heilig war, unnennbar, unserer Menschenrede entzogen. Wenn der „Name“ heilig war, geschützt war, dann sagte man: Gott ist anders.

Wir können also nicht leichthin von Gott reden, beliebig, unehrfürchtig, schnoddrig, salopp oder auch so, als wäre mit dem, was wir Gott nennen, Gott begriffen. Denn wir Menschen nennen vieles heilig, das es nicht ist: ein Vaterland, eine Liebe, die Rechtsordnung, Kirchengebäude, Tage oder Jahre, aber den, der allein unantastbar sein sollte, machen wir gerne zu einem ohnmächtigen „lieben Gott“.

Wenn wir sagen: Dein Name werde geheiligt, dann bitten wir Gott: Gib unseren Worten über dich Gewicht in unseren Gewissen. Gib Klarheit in unsere Gedanken. Mache dich spürbar wie die Luft, schaubar wie die Farben der Dinge, hörbar wie die Stimme eines Menschen. Aber lass uns dabei nie den ungeheuren Abstand vergessen zwischen dir und uns.  

Serie

Immer wieder hat sich Jörg Zink (1922 – 2016) mit dem Vaterunser beschäftigt. Er war Pfarrer und Buchautor und viele Jahre Sprecher des „Worts zum Sonntag“. Die Texte aus unserer Reihe „Jörg Zink und das Vaterunser“ sind gekürzte Fassungen aus seinem Buch „Jesus – Funke aus dem Feuer“, Kreuz Verlag 2011. Das Buch ist vergriffen. Teil 1: Das Gebet Jesu.