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Ruf zur Umkehr - Buß- und Bettag

Seit 1995 ist der Buß- und Bettag in Baden-Württemberg kein gesetzlicher Feiertag mehr. Welchen Stellenwert hat er 25 Jahre später? Mancherorts, etwa in Geislingen und Bad Boll, hat man spezielle Formate für diesen Tag entwickelt. Andere kämpfen um seine Wiedereinführung als Feiertag. Allesamt versuchen sie, die Bedeutung von Umkehr deutlich zu machen.

Der frühere Ministerpräsident Erwin Teufel sprach im Jahr 2018 beim „Geislinger Bußtag“. Foto: Markus Sontheimer/Geislinger ZeitungDer frühere Ministerpräsident Erwin Teufel sprach im Jahr 2018 beim „Geislinger Bußtag“. Foto: Markus Sontheimer/Geislinger Zeitung

Wenn am Buß- und Bettag, in diesem Jahr am 18. November, die Kirchenglocken in Württemberg zum Gottesdienst läuten, werden sie das an den meisten Orten abends tun. So wie in den vergangenen 25 Jahren. Letztmals 1994 war der Mittwoch zwischen Volkstrauertag und Ewigkeitssonntag arbeitsfrei. Dann wurde ihm dieser Status aberkannt – um die Arbeitgeber bei der Pflegeversicherung zu entlasten.

Als kirchlicher Feiertag ist der Bußund Bettag in Baden-Württemberg noch geschützt. Evangelische haben das Recht, an diesem Tag unbezahlten Urlaub zu nehmen. Das ist aber kaum bekannt. Seit er ein Werktag ist, verblasst auch das Anliegen des Buß- und Bettags, der Ruf zur Umkehr, vielerorts.

Wie bewahrt man da das Profil des Feiertags? Eine Frage, die sich auch Dietrich Crüsemann stellte, als er 2003 von der Akademie Bad Boll als Pfarrer an die Stadtkirche Geislingen wechselte. Drei Jahre später gewann er den Theologen Ferdinand Schlingensiepen für einen Vortrag.

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Einzig freier Termin in dessen Kalender war der Bußtag. „Da haben wir etwas Neues probiert“, erzählt Crüsemann.

So entstand der „Geislinger Bußtag“. Eine Kombination aus Gottesdienst und Festvortrag. Erst kommt eine Liturgie mit biblischen Texten, Psalm, Liedern, einer Einführung in den Bußtag und Gebet. Dann der Vortrag des Gastes. Am Schluss ist Zeit zum Zusammensein, auch mit den Referenten.

Geislinger Bußtag - Das Profil des Tages bewahren

An den bisher 15 Geislinger Bußtagen hatte Dietrich Crüsemann sowohl Theologen wie Alt-Landesbischof Eberhardt Renz, Rundfunkpfarrerin Lucie Panzer oder die Professorin Klara Butting zu Gast als auch Prominente wie Alt-Ministerpräsident Erwin Teufel oder Bremens früheren Bürgermeister Henning Scherf. Thema der Vorträge ist immer die Umkehr, sagt Crüsemann. So habe Scherf über eigene politische Fehlentscheidungen gesprochen, Bischof Renz hingegen Umkehr im Zusammenhang der Weltkirche betrachtet. „Das Schöne ist, dass sich unter dem Stichwort Buße, Umkehr so viel unterbringen lässt. Politisches, Persönliches, Theologisches. Es ist ein Lebensthema“, sagt Crüsemann. „Man kann in den Spiegel schauen und muss sich keinen nehmen, der einen schön macht. Die Bibel und die Tradition leiten einen dazu an, sich realistisch anzusehen und anders werden zu können.“

Ein eigenes Format für den Bußtag hat sich auch an der Akademie Bad Boll entwickelt. 1998 gab es dort den ersten „Boller Bußtag der Künste“. Entwickelt von Akademiedirektor Jo Krummacher und Studienleiter Albrecht Esche. Seit 2015 ist Hans-Ulrich Gehring für den Bußtag zuständig. „Kunst kann neue Horizonte eröffnen, ungewöhnliche Dinge provozieren“, sagt er. Dies werde in Boll mit dem Buß- und Bettag verbunden. „Wir wollen das Produktive der Buße betonen, in einer Begegnung von Kunst und Kirche.“

Der Boller Bußtag der Künste fing immer nachmittags an, mit Vernissage, Gottesdienst und Gesprächen. Mal ging es um Grafik, mal um Literatur. So kamen beim Bußtag mit der Dichterin Friederike Mayröcker 2008 rund 200 Menschen. Im Laufe der Jahre aber, sagt Gehring, sei der Stellenwert des Bußtags geringer geworden.

Kunstaktion beim Boller Bußtag 2019. Pfarrer Martin Frey befürwortet die Wiedereinführung des Buß- und Bettags als gesetzlicher Feiertag.  Fotos: Simon Pfeffel, 2019, Boller Bußtag; privatKunstaktion beim Boller Bußtag 2019. Pfarrer Martin Frey befürwortet die Wiedereinführung des Buß- und Bettags als gesetzlicher Feiertag.  Fotos: Simon Pfeffel, 2019, Boller Bußtag; privat

Seit 2018 heißt die Veranstaltung „Boller Bußtag der performativen Künste“. Im Zentrum stehen Kunstformen, die Besucher miteinbeziehen. Als praktischer Theologe interessiert Gehring die Verbindung von Kunst und Liturgie. Der Gottesdienst am Bußtag wird mit den jeweiligen Künstlern entwickelt. Bewusst auch mit Lesungen, Psalmen, Chorälen. „Wir arbeiten mit der Spannung zwischen Traditionellem und Innovativem“, sagt er.

2019 lautete das Motto des Bußtags „AnLiegen“. Der Performance-Künstler Simon Pfeffel legte sich an verschiedenen Stellen in Bad Boll auf die Straße und wartete, wie die Leute reagieren. Aus den Gesprächen bei der Aktion machte er Notizen, die im Gottesdienst vorgelesen wurden.

Die Wendung zur performativen Kunst hat nicht jedem gefallen. „Man muss eingestehen, dass die Besucherzahlen zurückgegangen sind“, sagt Gehring. In den vergangenen Jahren seien zwischen 40 und 70 Leute gekommen. Der Trend sei aber zuvor schon so gewesen.

Die Formate in Geislingen und Bad Boll sind daran angepasst, dass der Buß- und Bettag kein gesetzlicher Feiertag mehr ist. Es gibt aber auch Stimmen, die sich für die Wiedereinführung des Buß- und Bettags als Feiertag stark machen.

Pfarrer Martin Frey. Foto: PrivatSo wie Martin Frey. Für den Pfarrer im Ruhestand sind die Worte Jesu „Das Reich Gottes ist nahe herbeigekommen. Kehrt um, tut Buße und glaubt an das Evangelium“ (Markus 1,15) seit dem Studium Kern seines theologischen Denkens. Er zitiert Martin Luther, der in der ersten seiner 95 Thesen schrieb: Christus wolle, dass „das ganze Leben des Glaubenden Buße“ sei. Buße hat für Frey nichts mit Strafe zu tun. „Es geht um Umkehr.“ Pfarrer, die Widerstand im Nationalsozialismus geleistet hatten, hätten ihm deutlich gemacht, „dass Umkehr kein Wort ist, sondern eine Haltung“.

Deshalb überzeugte Frey, damals in Stuttgart-Rot, seine Kollegen 1995, den Buß- und Bettag so zu begehen wie bisher. Als sei er noch gesetzlicher Feiertag. Das Gemeindebüro blieb zu, es gab keine Beerdigungen und der Gottesdienst fand morgens statt. „Wir haben den Schülern gesagt, dass sie sich für den Gottesdienst vom Unterricht befreien lassen können“, erzählt Frey. Die Kirche sei immer voll gewesen.

Buß- und Bettag - Feiertag weiter gefeiert

Frey trat 2005 eine Pfarrstelle in Wendlingen an. 2017 brachte er es mit dem Buß- und Bettag in die lokale Zeitung. Anlass war, dass der EKD-Ratsvorsitzende, Heinrich Bedford-Strohm, einen Feiertag mit protestantischem Profil forderte. „Da klingelten bei mir die Alarmglocken“, sagt Frey. Denn das zielte auf den Reformationstag ab, „wo sich die Kirche wieder selbst feiere“. Mit Konfirmanden sammelte Frey 100 Unterschriften für die Wiedereinführung des Buß- und Bettags als Feiertag. Außerhalb der Gemeinde jedoch hatte er mit seinem Anliegen wenig Erfolg. Weder bei den Landessynodalen des Bezirks („Einer von vier hat geantwortet, passiert ist nichts“, sagt Frey), noch bei den Kollegen im Distrikt („Da sagten viele, sie wollen lieber den Reformationstag“), noch in anderen Gemeinden („Ich bekam die Rückmeldung: das interessiert niemanden“). 2018 ging Frey in den Ruhestand. Der Bußund Bettag ist ihm weiterhin wichtig. Neoliberale Wirtschaft, Klimakrise, Aufrüstung – überall sieht er Anlass zur Umkehr.

Der Buß- und Bettag sei früher „eine heilsame Unterbrechung des Alltags“ gewesen, sagt Martin Frey. 2020 wird nun nicht nur der Alltag unterbrochen. Wegen der Corona-Regeln wird es zum Buß- und Bettag kaum Veranstaltungen geben. Die entwickelten Konzepte in Geislingen und Bad Boll sind auf 2021 verschoben, in Geislingen wird ein kleiner Gottesdienst gefeiert. Viele werden die Veranstaltungen am Bußtag wohl vermissen.

Vielleicht aber könnte die in diesem Jahr erzwungene Einbettung in eine Art ganzen „Büßermonat“ auch eine Chance für den Buß- und Bettag sein. Zumindest die abendlichen Glocken dürften wohl mehr Menschen wahrnehmen als in den Jahren zuvor.

Einen Artikel zur theologischen Bedeutung des Bußund Bettags finden Sie hier.