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Rund um die Uhr zusammen(k)leben - Corona-Hausarrest, die Bewährungsprobe

Kann das gut gehen? Susi und Manolo sind nach einer langjährigen Wochenendbeziehung auf einen Schlag zu einem Paar geworden, das 24 Stunden an sieben Tagen in der Woche aufeinander hockt. Und dann kam auch noch Baby Noah dazu.

Corona.Das Sofa als Arbeits- und Spielplatz: Genutzt von Manolo, Susi und Noah. Foto: Isabella HafnerDas Sofa als Arbeits- und Spielplatz: Genutzt von Manolo, Susi und Noah. Foto: Isabella Hafner

51 Quadratmeter. Küche, Bad, ein Wohn- und Esszimmer – und ein Balkon. Gottseidank.

Susi und Manolo Lopez, 36 und 40 Jahre alt, kennen sich schon seit mehr als zehn Jahren. Und kennen es fast nur so: Am Montag frühmorgens der Abschied, wieder tagelang nicht sehen. Aber die Freude darauf, sich bald wieder in den Armen liegen zu können. Gemeinsam ein Wochenende füreinander zu haben. Gefüllt mit schönen Aktivitäten.

Nun hat sie aber ein berühmtes Virus auf einen Schlag zu einem Paar gemacht, das ohne Pause zusammen ist. 24 Stunden am Tag. Sieben Tage pro Woche. Manolo, von Beruf Datenentwickler, wohnt und arbeitet seit März nicht mehr unter der Woche in der Nähe von Nürnberg, sondern komplett in Bayreuth bei Susi, seiner Frau, die an der Universität arbeitet. Doch mit Corona wurde ihre Wohnung zu einer besonderen Bürogemeinschaft.

Manolo: „Für uns hatte Corona das richtige Timing. Susi war im vierten Monat schwanger. Ich dachte gleich, cool, ich kann hier bleiben und mich um Susi kümmern.“ Am Anfang habe es sich wie Urlaub angefühlt. „Alles war ruhig wegen des Lockdowns, man konnte nicht rausgehen, ich hatte ein paar Wochen Kurzarbeit.“ Das Paar wurde hinein geworfen in den gemeinsamen Alltag – nicht im Schongang, wie normalerweise, wenn morgens beide aus dem Haus gehen und sich abends wieder sehen.

Der Frankfurter Paartherapeut Peter Rottländer beobachtet seit Corona: „Es gibt Menschen, die privat eher profitiert haben von der neuen Situation. Insbesondere vom erstem Lockdown. Eine Familie sagte mir: Sie würde es gerne wieder genauso haben wie im Frühling. Alle waren zu Hause, die Arbeitsbelastung war weniger.“ Genau das Gegenteil bei anderen Paaren: „Die, die vorher schon Probleme hatten, für die hat sich das Ganze nochmal verschärft.“ Vor allem wenn noch Sorgen ums Einkommen oder die berufliche Existenz hinzu kommen. „Dann können sich diese Spannungen in Paarkonflikten niederschlagen – man ist dünnhäutiger. Wenn die Partnerschaft dann nicht die gewünschte Ressource darstellt, hat man ein doppeltes Problem.“

Corona-Hausarrest: Der Balkon wurde zum Büro

Für Susi wurde im Frühling der Balkon zum beruflichen Besprechungszimmer. Und manchmal auch zum „Zufluchtsraum“. Das Sofa war bei beiden zum Arbeiten beliebt. Manolo verwandelte vor allem den Esstisch in sein Büro. Zusammen an einem Tisch? Susi: „Da hätten wir uns nicht konzentrieren können!“ Morgens besprachen sie manchmal, wann wer einen Termin hatte und der andere auf den Balkon oder in die Küche ausweichen sollte. Es gab aber auch solche Situationen: „Ich bin mit meinem Chef und Kollegen im Meeting und Manolo fängt an, ein Gespräch zu führen. Na toll! Bis meine Kollegin mich bittet, die Stummtaste zu drücken, damit man das nicht die ganze Zeit hört.“

Auch Susi sorgte für besondere Untermalung von Manolos Dienstgesprächen. „Es kam immer wieder vor, dass sie plötzlich die Klospülung bei offener Tür betätigte!“ Susi rollt kurz mit den Augen und kontert schnell: „Aber Manolo ist bei mir manchmal durchs Bild gelaufen! Gottseidank nie im Schlafanzug.“ Ein Tick war ihr bisher nie aufgefallen: „Dass du dich immer so räusperst. Du machst das bevor du dann etwas sagst. Das nervt irgendwie.“ Sie lacht – er guckt und runzelt die Stirn.

So viel Zeit. Auf kleinem Raum. So ungewohnt. So ständig zusammen. Das sei verbindend, provoziere aber auch Spannungen. Susi: „Da treffen immer wieder Energien aufeinander.“ Manolo sagt: „Susi verstand anfangs nicht so richtig, dass ich arbeiten muss. Ständig war sie dabei, Pläne für uns zu schmieden. Oder begann, mir irgendwelche Geschichten über Leute zu erzählen!“ Susi lacht und sagt: „Und ich fand es interessant, mal live zu sehen, wie stressig bei ihm der Arbeitstag ist, wie viele Gespräche er ständig hat. Bei mir sind es weniger Besprechungen, ich schreibe mehr.“

Der Paartherapeut Peter Rottländer weiß, dass die Enge im „Corona-Hausarrest“ bei Paaren zum Problem werden kann. „Dann ist es gut, wenn man wieder Distanz gewinnt, zum Beispiel ab und zu mal bewusst alleine spazieren geht, um nicht permanent aufeinander zu hocken. Weil das für viele ein Ausmaß an Ausgesetztsein bedeutet, das einfach zu viel ist.“

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Manolo freut sich auf die Tage, an denen er mal wieder ins Büro gehen kann, seine Kollegen treffen. Gerne bleibe er auch manchmal im Wohnzimmer und schaue einen Film, während Susi schon ins Bett geht. „Sie hat sich schon beschwert: Warum kommst du nicht?“ Susi erzählt, wie es vor Corona war: „Wir skypten jeden Abend und erzählten uns von unserem Tag. Dabei haben wir viel verarbeitet. Dieses bewusste Sich-Erzählen fällt jetzt weg. Man denkt halt, der andere kriegt ja mit, was man macht.“

Zu Streit führte das Thema Mittagessen. Susi: „Zusammen? Schaffen wir fast nie. Manolo vergisst oft, Pausen zu machen. Ich brauche aber mittags etwas, dann koche ich.“

Therapeut Peter Rottländer. Foto: privatPeter Rottländer sagt, es sei wichtig – in einer Zeit, in der so viele Beschränkungen von außen kommen, sich zusammen zu überlegen: Was tut uns gut? Welche Möglichkeiten gibt es, etwas zu verändern? Und zwar dann, wenn die Situation gerade nicht akut ist. Er zitiert den US-amerikanischen Psychotherapeuten Irvin Yalom: „Man muss das Eisen schmieden, solange es kalt ist.“

Ein Corona-Ritual haben sich Susi und Manolo angewöhnt: Freitags wird Essen bestellt, um das anstehende Wochenende zu zelebrieren. Peter Rottländer: „Es gibt Menschen, die Rituale lieben. Sie helfen ihnen, ihren Alltag zu strukturieren. Es gibt aber auch die, die Abwechslung brauchen, für die Rituale Gleichförmigkeit bedeuten.“ Zu Manolos Arbeitsrhythmus passe das tägliche Mittagessen eben nicht. „Würde seine Frau darauf pochen, dann könnte das ein echtes Problem werden.“

Wer viel daheim ist, tendiert zur Jogginghose. Der Paartherapeut meint, man sollte sich bewusst sein, was man dem Partner zumutet an ästhetischem Erleben. „Füreinander attraktiv zu bleiben hat nicht nur mit Äußerlichkeiten zu tun, sondern mit Respekt für den Partner.“

Wichtig: Sich als Paar nicht vergessen

Im August zog ein neuer Kollege in die „Bürogemeinschaft Lopez“ ein. Noah. Seine „Calls“ sind wirklich laut. Und kommen ohne Vorabsprache. Die Wohnung verwandelte sich mit ihm in eine Art Campingplatz. Manolos Sofaplatz schrumpfte auf ein Minimum zusammen. „Das war Noahs Wickeltisch und Fitnessstudio.“ Susi macht manchmal Yoga auf dem Teppichboden. Schreit Noah dann, findet sie es praktisch, dass ihr Mann gleich daneben sitzt. Der wiederum ist verdattert: Er muss doch arbeiten.

Susis Corona-Bilanz: „Es ist ein riesiger Vorteil, dass Manolo da sein kann. Ich könnte mir das nicht vorstellen ohne ihn. Vor allem nachts. Ich stille und er wickelt. Mir gibt das Sicherheit, wir können uns unterstützen. Und er kriegt Noahs Entwicklung mit.“ Nur eine Sache mache ihr Sorgen. „Das Getippe! Ich habe das Gefühl, unser Kind hört den ganzen Tag nur Tasten.“

Ist Susis und Manolos Beziehung im Schnelldurchlauf reifer geworden? Anders, finden sie. Auch, weil Noah jetzt da ist. Susi: „Wir vergessen uns manchmal, da müssen wir aufpassen. Aber gleichzeitig ist es viel enger.“

Susi und Manolo haben den Übergang vom eingespielten Rhythmus aus Nähe und Distanz zum plötzlichen Immer-Zusammenhocken „offenbar gut geschafft“, attestiert Peter Rottländer. „Auch der schwierige Übergang, wenn man plötzlich zu dritt ist, scheint gelungen.“

Kürzlich sind Susi und Manolo in ihre eigene Wohnung gezogen: 96 Quadratmeter. Das Kinderzimmer soll erstmal Büro werden. Manolo hat aber seinen Arbeitsplatz wieder im Wohn- und Esszimmer eingerichtet. Susi schmunzelt. „Und jetzt wird sogar im gleichen Raum gekocht. Ich kann nicht in die Küche flüchten …“