Christliche Themen für jede Altersgruppe

Sakrale Großskulpturen

Eine bis Mitte 2020 laufende Wanderausstellung unter dem Namen „Zwölf“ stellt ein Dutzend exem­plarischer Kirchenbauten der Nachkriegsmoderne an ebenso vielen Stationen vor. Zeit für eine Rückschau auf 35 Jahre Architekturgeschichte, die Umbruch und Aufbruch signalisieren.

Die Pfingstbergkirche in Mannheim verwischt die Grenze von Innen- und Außenraum.
Fotos: Landesamt für Denkmalpflege im RPS/Bernd Hausner

Michael Kleiner hat die Barockkirchen seiner Kindheit noch gut im Gedächtnis. Umschwirrt von Putten habe er als Bub in all den Verzierungen immer ­etwas zu entdecken gehabt, erinnert sich der Ministerialdirektor im Baden-württembergischen Ministerium für Wirtschaft, Arbeit und Wohnungsbau. „Auch deswegen waren Gottesdienste für mich nie langweilig“, sagte er bei der Eröffnung der Ausstellung „Zwölf Kirchenbauten der Nachkriegsmoderne in Baden-Württemberg“.

Diese zwischen 1945 bis 1980 gebauten Gotteshäuser bieten weit weniger Ablenkung. Karg in der Ausstattung, erprobten Architekten vor allem in den 60er- und 70er-Jahren neue Raumkonzepte und gaben die Sicht auf das Baumaterial frei. Das war in vielen Fällen nackter Beton. Wohl auch deswegen kommt Michael Kleiner das Wort „unwirtlich“ in den Sinn, wenn er an die Kirchen der Nachkriegszeit denkt.

Schmähbegriffe wie „Betonbunker“ oder „Vater-unser-Garage“ belegen, dass er mit diesen Vorbehalten nicht alleine ist. „Ich brauche kundige Unterstützung, um diese Architektur zu verstehen und ihre Vorteile zu sehen“, sagt Kleiner. Genau das leistet die Wanderausstellung „Zwölf“, bei der das Landesamt für Denkmalpflege im Regierungspräsidium Stuttgart mit den evangelischen Landeskirchen Württemberg und Baden sowie mit der Erzdiözese Freiburg und der Diözese Rottenburg-Stuttgart zusammengearbeitet hat. Eröffnet wurde die Ausstellung Anfang Juli im evangelischen Gemeindezentrum Stuttgart-Sonnenberg. Nach insgesamt zwölf Stationen wird ihre Wanderschaft im Juni 2020 enden.

Sechs der Kirchen, die ­jeweils einen Monat lang zum Ausstellungsort werden, sind evangelisch und stehen wie die katholischen Gotteshäuser exemplarisch für etwa 1600 Kirchenneubauten, die nach dem Krieg bis 1980 entstanden sind. Rund 150 sind mittlerweile denkmalgeschützt.

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„Die 35 Jahre nach dem Zweiten Weltkrieg waren eine ungemein produktive Phase des kirchlichen Bauens in Deutschland“, sagt Melanie Mertens vom Landesdenkmalamt in Karlsruhe. Ein Drittel aller bestehenden Kirchen aus acht Jahrhunderten im Land stammen aus dieser kurzen Ära, in der beide Konfessionen regen Zulauf hatten. Zu den 1,6 Millionen Vertriebenen und Flüchtlingen, die im Südwesten eine Heimat fanden, kam in den 1960er-Jahren der Baby-Boom. Darauf antworten die Architekten mit groß dimensionierten Hallen.

Dächer wie gefaltete Zelte, Fassaden wie kubisch behauene Felswände, ­polygonale Grundrisse und dynamische Baukörper, die an einen Fisch, an eine Arche oder an eine Burg erinnern: Die architektonische Formenvielfalt geht mit neuartigen Raumkonzepten einher und lässt den kirchlichen ­Archetypus eines Langhauses mit integriertem Glockenturm hinter sich. In der Nachkriegsmoderne rückt der Kirchturm häufig vom Kirchenschiff ab, wird zum solitär stehenden Campanile oder so integriert, dass er seine herausragende Stellung verliert.

In der Ausstellung sind die Beispiel­kirchen als 3D-Drucke zu sehen. Ergänzt durch Fotos, technische Zeichnungen, Begleittexte und Videos, stehen die Modelle auf Architektentischen. So nehmen die Besucher die Perspektive von Baumeistern ein, die sich mit den Entwürfen auseinandersetzen.
Befördert wurde die experimentelle Architektur nach dem Krieg durch die damals noch junge Stahlbetonskelett-Bauweise, die dynamisch geformte Wände ermöglichte. Nach den Schrecken der Nazi-Herrschaft und des Krieges wird an den kirchlichen Neubauten auch der Wunsch nach innerer und äußerer Erneuerung sichtbar. Auch die liturgische Bewegung in beiden christlichen Kirchen schlägt sich nieder.

So wurden auf evangelischer Seite die „Grundsätze der Gestaltung des gottesdienstlichen Raumes“ 1951 in Rummelsberg beschlossen. Sie bedeuteten eine Abkehr vom Eisenacher Regulativ von 1861. Nach diesem hatten sich ­Kirchenbauten an historisch gewachsenen, christlichen Baustilen zu orientieren. Die im 19. Jahrhundert erbauten neugotischen Kirchen erinnern an diese Vorgabe.
Nach den Rummelsburger Beschlüssen sollte „der Kirchenraum vom Gottesdienst her“ bestimmt werden und diesem „gleichnishaft Gestalt geben“. Ob das Zelt als Urform eines Versammlungsortes, der Fisch als christliches Symbol oder der Fels als Fundament der Kirche: Indem Architekten derart bildhafte Baukörper und damit begehbare Großskulpturen schufen, entsprachen sie dieser Idee. Die Schönheit des Raums liege nicht im Schmuck, sondern im Verhältnis der Maße, des Lichtes und der Farbe, so steht es in den Rummelsberger Leitlinien. Laut Melanie Mertens vom Landesdenkmalamt wurde sogar die Materialehrlichkeit des Betons, dessen Verschalung sichtbar bleibt, als Zeichen für Aufrichtigkeit und Glauben interpretiert.

Mit dem zweiten Vatikanischen Konzil in den Jahren 1962 bis 1965 wandelte sich das Liturgie-Verständnis auch in der Katholischen Kirche. So wurde betont, dass die Gemeinde aktiver Teil in Gottesdiensten sei. Die Annäherung von Klerus und Laien suchte sich ihren räumlichen Ausdruck in Altären, die von Wänden abrückten, und in ­Bankreihen, die sich den Orten der Verkündigung annäherten. So entstanden vermehrt Zentralbauten.

Korrespondierend mit der Demokratie in der noch jungen Bundes­republik weichten die
Hierarchien auch innerhalb der Kirchen auf. Altäre sind nur noch selten erhaben, viel eher befinden sie sich auf gleicher Ebene wie das Gemeinde-Terrain. Vorbildgebend war auch hier Le Corbusiers Wallfahrtskapelle Notre-Dame du Haut in Ronchamp, die viele Architekten nachhaltig beeinflusst hat.
Während ihr sakraler Charakter außer Frage steht, tendiert manche später errichtete Kirche unübersehbar ins Weltliche. Dass Kirchenbauten eher an Flugzeug-Hangars, Heizkraftwerke oder Cafeterien denken ließen, stieß – und stößt – auf Ablehnung. Melanie Mertens schreibt dazu: „Die vornehmlich evangelischen Gegner eines sakral gestalteten Raums verwiesen darauf, dass die Sakralität in der Handlung des Gottesdienstes entstehe.“ Diese Haltung spiegelt sich in den evangelischen Gemeindezentren mit flexiblen Mehrzweckhallen wider. Die Zeit der Faltwände war angebrochen.

Die Kirchenbauten der Nachkriegsmoderne veranschaulichen theologische und gesellschaftliche Fragestellungen. Vor dem Hintergrund schrumpfender Kirchengemeinden und Plänen zur Umnutzung kirch­licher Immobilien plädieren die Ausstellungsmacher dafür, die oft gering geschätzten Bauten neu in den Blick zu nehmen.

Der Ausstellungskatalog „Gotteszelt und Großskulptur – Kirchenbau der Nachkriegsmoderne in Baden-Württemberg“ kostet 30 Euro und ist im Jan Thorbecke Verlag erschienen.

Die Stationen der Wanderausstellung

August 2019: Blumenaukirche, Mannheim-Sandhofen; September 2019: St. Vinzenz, Untermarchtal; Oktober 2019: Versöhnungskirche, Leonberg-Ramtel; November 2019: Versöhnungskirche, Ulm-Wiblingen; Dezember 2019: St. Verena, Meckenbeuren-Kehlen; Januar 2020: St. Albert, Freiburg-Betzenhausen; Februar 2020: Johanneskirche, Bad Dürrheim; März 2020: St. Johannes-Baptista, Karlsruhe-Durlach; April 2020: St. Josef, Stuttgart-Heslach; Mai 2020: Pfingstbergkirche, Mannheim-Rheinau; Juni 2020: St. Konrad, Villingen-Schwenningen;

Infos zum Rahmenprogramm im Internet unter www.zwoelf-kirchen.de