Christliche Themen für jede Altersgruppe

Sangesbrüder im Liederhimmel

LUDWIGSBURG – Männer singen nicht? Von wegen. Der ehemalige Landeskirchenmusikdirektor Siegfried Bauer hat eine offene Männergesangsrunde ins Leben gerufen. Und er hat Zulauf. Denn es darf nach ­Herzenslust gesungen werden, wie einem der Schnabel gewachsen ist. 

Dirigent, Unterhalter, Moderator und Musiker: Siegfried Bauer bringt die Männer zum Singen – und auch zum Lachen. (Foto: Markus Heffner)

Da sitzen sie, die Sangesbrüder, und warten auf ihren ersten Einsatz. Ein paar suchen noch nach freien Stühlen, von denen es nicht mehr allzu viele gibt an diesem Samstagabend im Podium der Ludwigsburger Musikhalle. Der Laden ist voll, was Siegfried Bauer derweil nicht anders erwartet hat. „Die Resonanz auf diese Abende ist ungeheuer gut. Immer mehr Männer wollen bei uns mitsingen“, sagt der Musikprofessor, der schon sein halbes Leben um die ganze Welt reist, um Konzerte zu geben, Orchester zu dirigieren, Menschen zum Mitsingen zu animieren.

An diesem Abend ist Siegfried Bauer alles in einem: Dirigent, Unterhalter, Moderator und Musiker. Ein paar Akkorde am Klavier, ein kurzes Handzeichen für seine Mannen – und schon schwappt ein vielstimmiger Kanon durch den Saal: „Froh zu sein bedarf es wenig, und wer froh ist, ist ein König. Froh zu sein...ist ein König...und wer froh ist...Froh zu sein...“ Die Stimmung in der Musikhalle, in der ansonsten der Ludwigsburger Jazzclub gastiert und so mancher internationale Künstler auftritt, ist vom ersten Augenblick an heiter bis ausgelassen, was aber keinesfalls an dem Gläschen Trollinger liegt, das im Eintrittspreis inbegriffen ist. Es ist vielmehr die pure Lust am Singen, die sich breit macht und durchaus ansteckend ist. „Viele Männer brauchen einen Schutzraum zum Singen“, betont Bauer, „sonst trauen sie sich nicht so richtig.“

Aus diesem Gedanken heraus hat der einstige evangelische  Landeskirchenmusikdirektor vor einigen Jahren die Idee geboren, eine Art offene Gesangsrunde für Männer zu organisieren. Einen Raum zu schaffen, „in dem jeder singen kann, wie ihm der Schnabel gewachsen ist“, wie er sagt: „Ohne Leistungsdruck, dafür mit umso mehr Spaß.“ Und ohne jede Angst, sich vielleicht zu blamieren – weshalb die fröhliche Herrenrunde eben ganz unter sich bleiben soll. „Wir gehen schließlich auch nicht in die Damensauna“, sagt Bauer mit einem Schmunzeln.

Die Premiere von „Mann singt!“ wurde im Frühjahr 2011 gefeiert, knapp 30 Herren waren damals in das alte Schulhaus nach Hoheneck gekommen. Zwischenzeitlich ist Bauers Männerchor auf rund hundert Stimmen angewachsen, was respektabel ist in Zeiten, in denen in fast jedem Chor im Land verzweifelt sangeswillige Männer gesucht werden. Fest an einen solchen Chor binden wollen sich die meisten der Hobbysänger nicht, dem Ruf des Musikprofessors folgen sie dagegen gerne und regelmäßig.

Auch Emil Schäfter ist so ein „Wiederholungstäter“, der sich hat mitreißen lassen von der unbändigen Freude an der Musik. „Es ist einfach schön, in solch einer gemütlichen Runde zu singen“, sagt der 79-jährige Ludwigsburger, der einst in einem Posaunenchor spielte. Als studierter Weinbauer ist er von der Kombination aus einem guten Tropfen und schönen Liedern besonders angetan. „Wein und Gesang ergeben einen lieblichen Klang“, sagt Schäfter, der zu jener Zeit Heimleiter auf der Ludwigsburger Karlshöhe war, als der Kantor dort noch Siegfried Bauer hieß.

„Es schwinden jedes Kummers Falten, solang des Liedes Zauber walten“, so reimte einst Friedrich von Schiller, der viele Jahre in der Barockstadt Ludwigsburg lebte. Die Zeiten sind seither andere geworden, die Worte des Dichters gelten indes noch immer. Singen entspannt die Menschen unverändert, lässt sie allen Stress vergessen, ist eine „unverzichtbare emotionale Lebensäußerung“, wie die Arbeitsgemeinschaft Deutscher Chorverbände schreibt. Damit das alltägliche Singen nicht noch mehr verloren geht, sei es „enorm wichtig, solche Angebote zu schaffen“, sagt Gaby Knorpp vom Fachbereich Kunst und Kultur der Stadt Ludwigsburg, die von Beginn an Bauers Gesangsabende veranstaltet und dafür einen kleinen Etat eingerichtet hat. „Die gute Resonanz zeigt“, sagt Gaby Knorpp, „dass es richtig war, in diesem Bereich etwas zu tun.“

So liegt es auch nicht an der Nachfrage, dass die Stadt Ludwigsburg und Siegfried Bauer bisher lediglich einmal im Jahr zum Singen laden, sondern allein am immer noch proppenvollen Terminkalender des zwischenzeitlich 70-jährigen Musikprofessors. Im April steht im Ludwigsburger Forum ein Konzert mit dem Sinfonieorchester Ludwigsburg an, dessen Dirigent er seit Mitte der 70er-Jahre ist. Gleichzeitig bereitet er gerade eine weitere Konzertreise auf die Krim vor, ein Gastspiel in Ludwigsburgs Partnerstadt Jevpatorija, wofür es angesichts der politischen Lage eine Prise Wagemut braucht. „Wir verstehen uns mit unserer Musik als Friedensbotschafter“, sagt Bauer, der auch in Jevpatorija ein Orchester gegründet hat und seither Ehrenbürger der Stadt ist.

Seine Botschaft an diesem Abend lautet: „Freut euch des Lebens.“ Es sind vor allem die bekannten Volkslieder, die sich bei den Männerabenden bewährt haben: „Im Krug zum grünen Kranze“, „Kein schöner Land in dieser Zeit“, „Wahre Freundschaft soll nicht wanken“, „So singen wir, so trinken wir“. Lied für Lied stimmt auch Paul Sailer mit ein, dem der Abend sichtlich Laune macht. Der 77-Jährige ist vor drei Jahren mit seiner Frau von Schramberg im Schwarzwald nach Ludwigsburg gezogen, seither singt er mit, wie er sagt. Ans Herz gelegt hatte ihm das seinerzeit der Schramberger Kantor, der viel weiß über Siegfried Bauers Passion, weil er dessen Bruder ist. „Ein wunderbarer Tipp, das ist eine wirklich originelle Veranstaltung“, findet Sailer, der zuvor im Chor der Stadtkirche Schramberg gesungen hat.

Im Notenlesen ist Sailer geübt, nötig ist das nicht. In den Singheften stehen ohnehin nur die Liedertexte. „Brummeln Sie ruhig mit und verhauen Sie sich auch mal. Wir singen hier ganz allein und nur für uns“, sagt Bauer in die Runde. Die Männer lachen. Ist die Melodie nicht geläufig, spielt er sie auf dem Klavier vor. „Wenn Sie eine Pause brauchen“, rät er, „setzen Sie einfach eine Runde aus.“

Für Verschnaufpausen ist ohnedies gesorgt. Einerseits unterhält der Kirchenmusiker mit Geschichten und Anekdoten aus seinem reichhaltigen Musikerleben. Zudem lädt er sich zu den Männerabenden stets singende Prominenz ein. Den Tenor Andreas Weller konnte er schon gewinnen, den Opern- und Konzertsänger Cornelius Hauptmann sowie den Bariton Thomas Pfeiffer, der Professor für Gesang an der Musikhochschule Stuttgart ist. Für den Abend in der Ludwigsburger Musikhalle hat er erstmals ein ganzes Ensemble engagiert: den jungen Männerchor des collegium iuvenum Stuttgart, der Stücke von Friedrich Silcher bis zu den Prinzen singt.

Mit einem Alter zwischen 16 und 25 Jahren haben die jungen Sänger den Schnitt an diesem Abend deutlich gedrückt. Im Mittel seien die Männer 60 plus, sagt Siegfried Bauer, der in seinem Tun keinesfalls als ein zweiter Gotthilf Fischer verstanden werden will. „Bei uns geht es um etwas ganz anderes“, betont er. Früher sei es üblich gewesen, etwa nach dem Sport bei einem Viertele zusammenzusitzen und in geselliger Runde ungezwungen und gemeinsam zu singen. „Heute müssen wir diese verloren gegangenen Situationen gezielt schaffen“, sagt Bauer. Ihm ist von den vielen schönen Momenten besonders einer in Erinnerung geblieben: Zu einem  Gesangsabend sei ein Vater mit seinen beiden Söhnen und deren Großvater gekommen, drei Generationen an einem Tisch. Hinterher habe einer der Söhne gesagt: „Das Schönste heute Abend war, meinen Opa singen zu sehen.“