Christliche Themen für jede Altersgruppe

Schmaus für Leib und Seele

HEILBRONN – Die Nikolaigemeinde in Heilbronn umfasst zwei unterschiedliche Teile der Stadt: Hier gibt es arme und wohlhabende Menschen. Zweimal die Woche findet in der Nikolaikirche in der Fuß­gängerzone deshalb ein Seelenschmaus statt, ein Ort zum Auftanken. „Wir versuchen, die zusammen­zubringen, die sonst nichts miteinander zu tun haben“, sagt Pfarrerin Christine Marschall. 

Innenminister Thomas Strobl liest in der Nikolai­kirche in ­Heilbronn aus dem Buch „Den Durst der Seele stillen“. Danach gibt es Mittagessen. (Foto: Stefanie Pfäffle)



An diesem Donnerstag ist alles ein bisschen anders. Um 12.15 Uhr geht die Veranstaltung los, doch bereits eine halbe Stunde vorher sitzen die ersten Besucher an den Tischen. Auch die ehrenamtlichen Helfer sind etwas nervös, denn als Lesepate hat sich Innenminister Thomas Strobl angekündigt. „Es wird voller werden als sonst“, ist sich Lilli Scherer sicher, die hier zwei Mal wöchentlich bei der Essensausgabe ehrenamtlich hilft.

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Der Seelenschmaus ist eine Kooperation der Kirchengemeinden Nikolai und Kilian, des Heilbronner Kreisdiakonieverbands und der Aufbaugilde, einer diakonischen Organisation, die sich unter anderem um Wohnungs- und Langzeitarbeitslose kümmert.

Die Veranstaltung hat eine längere Geschichte. Zunächst war die Mittagsbegegnung eher für das Klientel der Aufbaugilde, dümpelte aber nur noch so vor sich hin. „Als wir hier in der Gemeinde anfingen, merkten wir, dass in der Stadt viele leben, die zwar nicht bedürftig, aber eben einsam sind“, erinnert sich Christine Marschall, die sich die Pfarrstelle mit ihrem Mann Matthias teilt.

Im September 2017 startet das neue Konzept. Dienstags gibt es ein Mittagessen, dem die Lesung eines Krafttexts durch eine bekannte Heilbronner Persönlichkeit vorangeht, donnerstags wird das Essen durch stimmungsvolle Musik am Klavier begleitet. Ergänzt wird das Ganze durch Kaffee und Kuchen im Nikolaicafé am Mittwoch. Bis Ende 2020 ist das Projekt durch den Aktionsplan „Inklusion leben“ der Landeskirche finanziert. „Wir hoffen, dass es sich bis dahin entweder so gut entwickelt hat, dass es sich selber trägt oder dass wir Sponsoren finden“, erklärt Marschall.

Horst-Werner Neth ist Pfarrer im Ruhestand und vor Ort der Hauptorganisator. Seit dem Neubeginn kümmert er sich um das Essen, das von einem Cateringbetrieb geliefert wird, dreht die Heizung auf, stellt die Tische hin – kurz, er sorgt dafür, dass es die Gäste gut haben. „Ich finde das Konzept sehr ansprechend, da der Mensch hier in seiner Ganzheitlichkeit vorkommt“, erklärt er. Die Klientel der Aufbaugilde erreiche man nur am Rande, aber es kommen eben auch andere, die sparen müssen. Zwischen 2 Euro und 3,50 Euro kostet das Essen. Jeder gibt, was er kann, denn niemand soll sich abgehalten fühlen.

Mit 15 Gästen hat der Seelenschmaus begonnen, inzwischen kommen im Schnitt 30 Personen. „Das Publikum ist gemischt, die kommen hier nicht nur wegen des Essens her, sondern auch, um nicht allein zu sein“, beobachtet Lilli Scherer. Die Leingartenerin ist schon seit fünf Jahren als Ehrenamtliche dabei, kam eher zufällig dazu. „Es gibt mir viel, man erfährt auch einiges aus dem Privatleben und manchmal gebe ich auch Ratschläge.“

Doch zurück zu Strobl. Der kann dienstags nicht, deshalb gibt es an diesem Tag sowohl seinen Text als auch Musik von Thomas Heckel am Klavier. „Eine tolle Idee, schön, dass es bei uns in der Stadt sowas gibt“, findet der Innenminister aus Heilbronn. Er hat einen Text aus dem Buch „Den Durst der Seele stillen“ passend zur Fastenzeit mitgebracht. Die gewählte Passage ist zwar eigentlich für den Freitag gedacht, aber der Text für Donnerstag war ihm zu trübsinnig.

Stattdessen liest er eine hintersinnige Geschichte um „Das ganze Geheimnis“, nämlich glücklich zu sein, egal was kommt. Anschließend spricht die Pfarrerin noch ein Gebet und dann gibt es Schweinebraten mit Bandnudeln und Kartoffelsalat.

Marschall freut sich, wie schnell das Konzept angenommen wurde. Natürlich sitzen die aus dem Heilbronner Osten und der Innenstadt nicht unbedingt an einem Tisch, dessen ist sie sich bewusst. „Aber wenigstens kommen sie in einer Kirche zusammen und genau das wollen wir sein, eine Kirche für alle.“ Ein schöner Nebeneffekt sei, dass die Menschen jetzt auch wieder auf die Pfarrersleute zugehen, wenn sie etwas brauchen und dann auch am Sonntag nach dem Gottesdienst erzählen, wie sich etwas weiter entwickelt hat.

Und der Innenminister? Für den ist dieser Donnerstagmittag auch mal ein wahrer Seelenschmaus. „Normalerweise komme ich nie zum Mittagessen, weil mein Terminkalender so durchgetaktet ist, für mich ist das jetzt auch schön, mal hier Ruhe zu haben“, erzählt Strobl. Inklusion eben, das gilt auch für hochrangige Politiker.