Christliche Themen für jede Altersgruppe

Schöne, informative Wanderwege - "Via Romea" quer durch Deutschland (Teil 10)

FRAUENTAL (Dekanat Weikersheim) – Im Jahr 1236 pilgerte der Abt Albert von Stade nach Rom. Seine detaillierte Wegbeschreibung ist Vorbild für die heutige „Via Romea“, einen Pilgerweg quer durch Deutschland. Unsere Autorin war auf einer Teilstrecke im Fränkischen unterwegs, wo der Weg immer wieder die Landesgrenze von Bayern nach Württemberg überschreitet.

Himmel und Felder: weiter Blick in der Gegend von Aub in Franken, Teil der Via Romea. Foto: Ute BartelsHimmel und Felder: weiter Blick in der Gegend von Aub in Franken, Teil der Via Romea. Foto: Ute Bartels

„Warum tue ich mir das an?“, frage ich mich. Die Sonne brennt, die Schuhe drücken und der Rucksack noch viel mehr. Birgit, die neben mir wandert, hat schon eine ganze Weile nichts mehr gesagt. Vor ein paar Kilometern noch hat sie mit ihrer neuen Pflanzen-App seltene Blüten und Gräser bestimmt. Jetzt sind wir beide stumm geworden. Der Weg ist eine Qual. Das Ziel ist die Dusche im Hotel, doch das ist noch weit. Gestern sind wir in Würzburg gestartet und wollen heute auf der Hochfläche zwischen Main und Tauber im Städtchen Aub übernachten.

Wir – das sind zwei Frauen Mitte 50, die einmal im Jahr den Rucksack packen. Rund um unsere Heimat, in der nordöstlichen Ecke Baden-Württembergs und im angrenzenden Bayern, wandern wir Strecken des Jakobswegs ab. In diesem Jahr orientieren wir uns aber nicht an der Jakobsmuschel. Wir folgen einem Krummstab in Blau und Gold. Er markiert die „Via Romea“ und erinnert an Abt Albert von Stade, der diesen Weg 784 Jahre vor uns gegangen ist. 1236 wollte er zum Papst nach Rom. Das Besondere: Albert von Stade hat eine detaillierte Wegbeschreibung hinterlassen, das so genannte „Stader Itinerar“, einen Reiseführer für nachfolgende Pilger wie uns.

Deshalb ist heute Aub unser Ziel, denn auch Abt Albert übernachtete dort. Zwar liegt das sehenswerte Städtchen inzwischen abseits der großen Straßen, doch damals war das anders. In jener Zeit gab es hier eine Burg, eine Siedlung und ein bedeutendes Kloster. Alte Kulturplätze werden uns immer wieder begegnen: das riesige Kloster in Frauental zum Beispiel oder Detwang mit seinem romanischen Torhaus.

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Abt Albert von Stade kam übrigens erst auf dem Heimweg dort vorbei. Auf dem Hinweg umrundete er die Alpen über Rhein und Rhône. Auf dem Rückweg wählte er die direkte Route über Bozen, Innsbruck („Enspruc“). „Schonge. Ibi eris de montanis“ – „Bei Schongau verlässt du die Berge“, schreibt er. Diese direkte Strecke von Stade nach Rom ist heute als Pilgerweg „Via Romea“ ausgeschildert. Ein Verein hat sich seiner angenommen und will ihn als Europäischen Kulturweg fördern.

„Ja, wo kommen Sie denn her?“, fragt eine Bäuerin in Sechselbach (Dekanat Weikersheim), die gerade einen Salatkopf aus ihrem Garten holt. Vielleicht ist auch der Abt von Stade dort so nett angesprochen worden – den Ort gab es damals schon. Sechselbach war 100 Jahre davor, 1136, urkundlich erstmals erwähnt worden. Wir dürfen uns am Gartenschlauch erfrischen, plaudern noch ein wenig und laufen dann weiter.

Jeder, der mit dem Rucksack unterwegs ist, kennt solche Begegnungen. „Ich würde am liebsten auch loslaufen“, sagen vor allem die Frauen, „ich träume lange schon davon.“ Dabei müssten sie das einfach nur tun. So wie Birgit und ich vor sieben Jahren – mit viel zu schwerem Rucksack und schlechtsitzenden Schuhen. Wir sind einfach auf dem Jakobsweg gestartet, sind nach einer Woche mit blutenden Füßen wieder heimgekommen, haben persönliche Grenzen überschritten. Heute tragen wir professionelles Schuhwerk, investieren viel in Blasenpflaster und „unsere Woche“ gehört fest zum Jahreslauf. Während in den ersten Jahren das Wandern für uns eher Selbstzweck war, wird es nun mehr. Das mag an der zunehmenden Erfahrung oder am zunehmenden Alter liegen. Jedenfalls horchen wir beim Laufen stärker in uns hinein.

Via Romea. Pilgerpfarrer Oliver Gußmann in Rothenburg. Foto: Ute Bartels

via Romea. Pilgerpfarrer Oliver Gußmann in Rothenburg. foto: Ute Bartels

Wandern ist nicht nur Selbstzweck

Mittlerweile kommen nicht mehr nur unsere Füße, sondern auch unsere Seelen in Bewegung. Als wir tags drauf in Rothenburg/ Tauber ankommen, wartet schon der Pilgerpfarrer der evangelischen Kirchengemeinde auf uns, der solche Entwicklungen natürlich kennt. In der Stadt, in der sich viele Pilgerrouten begegnen, betreut Oliver Gußmann jene Zeitgenossen, die in der Jakobskirche innehalten. „Pilgern ist mehr als Wandern“, erklärt er. Pilgern sei Kontemplation im Rhythmus der Schritte. „Deshalb hat Pilgern nichts mit der Konfession zu tun. Pilgern ist ökumenisch.“ Es seien oft Menschen an Scheidewegen, die sich zum Pilgern aufmachen. „Heute ist das Pilgern eine Auseinandersetzung mit sich selbst“, sagt Pfarrer Gußmann. Der Weg ist das Ziel.

Das unterscheidet die heutigen Pilger von denen früher. Für sie war klar: Das Ziel liegt am Ende des Wegs. Albert etwa brach in Stade auf, um Rom zu erreichen. Der Weg dorthin war beschwerlich und gefährlich. „Zum Schutz haben sich Reisende im Mittelalter oft zu größeren Gruppen zusammengeschlossen“, berichtet Pfarrer Gußmann. Damals war keiner gerne draußen allein. Die Naturgewalten waren bedrohlich, unbeherrschbar und unberechenbar.

Heute hingegen ziehen wir viel Kraft aus der Natur: Wir pflücken Kirschen am Waldrand, erfrischen uns an Quellen und lassen Augen und Geist weit schweifen. Wir sind im Hier und Jetzt und die wichtigen Fragen lauten: Wo geht‘s lang? Wieviel Wasser haben wir noch? Wo drückt der Schuh, wortwörtlich?

Der Abt hatte andere Sorgen. Im 13. Jahrhundert kämpfte er sich vor allem durch den Wald. Deutschland war dünn besiedelt. In den Städten gab es Holzhäuser und romanische Steinkirchen. Kaum etwas davon ist übriggeblieben. Deshalb gelingt es uns nur ganz selten, etwas von dem zu entdecken, was auch der Abt schon gesehen haben könnte. In Feuchtwangen aber hat sich ein romanischer Kreuzgang komplett erhalten. Auch den Eingang der Stiftskirche wird der Abt aus Stade wohl durchschritten haben. Wir stehen davor und staunen. Hier wandeln wir direkt auf seinen Spuren. „Wann ist die beste Zeit zum Laufen? Im August“, schreibt der Abt in seinem Itinerar. „Da sind die Tage lang, die Wege trocken und man friert auch nachts nicht.“

Allerdings regnet es zwischen Schillingsfürst und Feuchtwangen ununterbrochen – die knapp 20 Kilometer bringen uns an unsere Grenzen. Aber wir kommen in Feuchtwangen an. Darauf sind wir stolz. „Jetzt haben wir das nächste Pilgerlevel erreicht“, sagt Birgit und grinst.

Am Wegesrand der Krummstab, Zeichen der Via Romea. Foto: Ute BartelsAm Wegesrand der Krummstab, Zeichen der Via Romea. Foto: Ute Bartels

Fürs kommende Jahr haben wir uns deshalb eine neue Herausforderung vorgenommen. Der Rothenburger Pilgerpfarrer hat uns darauf gebracht: allein wandern. Gußmann schlägt vor, wenigstens einen Teil der Strecke getrennt zu gehen. „Man muss ja nur zeitversetzt loslaufen. Abends kann man sich ja wieder treffen.“ Nur allein Pilgern sei richtiges Pilgern, meint Gußmann. Nur dann werde man so richtig eins mit Weg und Ziel. Dann komme etwas in einem in Bewegung. Deshalb tut man sich das ja an.

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