Christliche Themen für jede Altersgruppe

Schuld und Verantwortung - Richard und Ernst von Weizäcker

1947 steht Ernst von Weizsäcker in Nürnberg vor Gericht, ehemaliger SS-Brigadeführer und Spitzendiplomat des Dritten Reiches. Einer seiner Verteidiger ist sein Sohn Richard, der spätere Bundespräsident. Der Schriftsteller Fridolin Schley schildert in seinem spannenden Roman „Die Verteidigung“ die Verbindung der beiden und ihr Handeln im Prozess.

Richard von Weizsäcker und sein Vater Ernst in Nürnberg. Foto: pd

Ernst von Weizsäcker ist empört. „Eine Unerhörtheit, schon die Anklageschrift, das auftrumpfende Misstrauen darin und dass er, der mit der feinwebenden Kunst der Diplomatie stets im Verborgenen nach Ausgleich suchte, hier von Amateuren an den Pranger gezerrt wird.“ So schildert Fridolin Schley in seinem aktuellen Roman „Die Verteidigung“ die Empfindungen des Angeklagten. Der SS-Brigadeführer und NS-Spitzendiplomat steht vom November 1947 bis April 1949 in Nürnberg vor Gericht. „The United States of America vs. Ernst von Weizsäcker et al.“ heißt der Prozess, der auch als Wilhelmstraßen-Prozess bekannt ist. Er ist der größte der zwölf Nachfolgeprozesse gegen Kriegsverbrecher, die sich an den Hauptprozess vom 20. November 1945 bis 1. Oktober 1946 anschlossen.

Fridolin Schley hält sich in seinem literarischen Roman eng an die Tatsachen. Er schreibt: „Das hier Geschilderte basiert auf realen Ereignissen, die für den Roman an vielen Stellen verdichtet und verändert wurden.“ Er hat im Institut für Zeitgeschichte in München die Prozessdokumente studiert. Im Anhang seines Romans listet er seine Quellen auf und nennt literarische Werke, die ihre Spuren hinterlassen haben. Er schreibt mit Sorgfalt, aus der distanzierten Sicht des allwissenden Erzählers.

Der Autor stellt von Weizsäcker und seinen Sohn Richard in den Mittelpunkt. Der Jurastudent verstärkt das Verteidigerteam, er setzt sich mit der Schuld seines Vaters auseinander und will eine milde Strafe erwirken. „Richard begriff, was dort (in der Anklageschrift) stand, aber er konnte sich seinen Vater dabei nicht vorstellen oder nur als verstelltes Abbild seiner selbst.“

Richards Vater inszeniert sich als Widerstandskämpfer, als Ehrenmann und Teil eines geheimen, besseren Deutschlands. Die Verteidigung folgt dieser Strategie. Jedoch wird Ernst von Weizsäcker am 14. April 1949 wegen seiner Mitwirkung bei der Deportation französischer Juden nach Auschwitz und damit wegen eines Verbrechens gegen die Menschlichkeit zu sieben Jahren Haft verurteilt. Dieses Urteil wird ein halbes Jahr später auf fünf Jahre herabgesetzt. Im Oktober 1950 kommt er nach dreieinviertel Jahren Haft frei. Bald darauf, am 4. August 1951, erliegt er in Lindau den Folgen eines Schlaganfalls.

Fridolin Schley verlässt in seinem Roman immer wieder den Nürnberger Gerichtssaal, blendet vor und zurück. Auf einer der ersten Seiten erwähnt er, dass Richard von Weizsäcker 1985 im Parlament eine Rede halten wird. „Schauen wir an diesem 8. Mai, so gut wir es können, der Wahrheit ins Auge“, schreibt Schley mit Weizsäckers Stimme. Der Bundespräsident wird ihn als „Tag der Befreiung vom menschenverachtenden System der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft“ würdigen. Ein System, in dem auch sein Vater mitwirkte.

Fridolin Schley: Die Verteidigung

Hanser Berlin 2021, 270 Seiten, gebunden, 24 Euro.

Auch erhältlich als Hörbuch, gelesen von Devid Striesow.

 

Dieses Buch erhalten Sie bei unserem Bestelltelefon 0711-60100-28 oder im Gemeindeblatt-Shop

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