Christliche Themen für jede Altersgruppe

Schweigen ist keine Antwort

BIBERACH – Monika Fritschle und Martha Wahl haben in Biberach vor sieben Jahren eine Selbsthilfegruppe für Suizidhinterbliebene gegründet und leiten sie immer noch. Sie wissen nur zu gut, dass die Trauer nach einem Suizid lange dauern kann und quälende Fragen mit sich bringt.


Martha Wahl (links) und Monika Fritschle leiten die Gruppe für "Angehörige um Suizid".  (Foto: Rüdiger Bäßler)

Irgendwann, sagt Monika Fritschle, wurde dieser Schmerz milder, erträglicher – die Trauer um Thomas, ihren Sohn, der sich mit 18 Jahren das Leben nahm. „Ich kann nicht sagen, ab wann das bei mir besser geworden ist.“ Es hat aber Jahre gedauert. Inzwischen kann sie sprechen über das, was passiert ist, ohne Tränen, klar und reflektiert. So geht es auch Martha Wahl. „Vier, fünf Jahre“, habe sie gebraucht, erzählt sie, bis sie besser akzeptieren konnte, dass ihr Ehemann keinen Weg mehr für sich gesehen hat, um zu leben. Und bis sie „entlastet von Schuldgefühlen“ war.

Die beiden Frauen haben sich ihre Hilfe selber organisiert, längst helfen sie in Biberach auch anderen Betroffenen. 2011 gründeten sie eine Ortsgruppe des in Bayreuth beheimateten Vereins AGUS - „Angehörige um Suizid“. Monika Fritschle besuchte Seminare für AGUS-Gruppenleiter, Martha Wahl brachte von Berufs wegen Erfahrung in Gruppenarbeit mit. An die 10 bis 15 Betroffene aus der Region treffen sich einmal monatlich im Clubraum der Bonhoefferkirche, um einander zuzuhören, zu reden, Informationen auszutauschen. Den Treffpunkt vermittelte ein früherer Gemeindepfarrer, der ihr in der Anfangszeit ihrer Trauer viel Beistand geleistet habe, sagt Monika Fritschle. Aber ein Kirchentreff seien die Gespräche zwischen den Hinterbliebenen nicht. AGUS sei nicht konfessionell oder glaubensgebunden. Aus dem Engagement von AGUS sind in der Region mittlerweile Projekte zur Suizidprävention entwachsen, so der Biberacher Standort der Mailberatung für junge Menschen „U 25“. Langsam wird in der Region eine Öffnung spürbar für dieses Tabu-Thema.

 „Suizidtrauer“, sagt Martha Wahl, „dauert länger als andere Trauer“. Oft fehlen die letzten Erklärungen. Und oft quält Hinterbliebene die Frage, ob sie etwas Rettendes hätten tun können oder etwas übersehen haben. Manchmal bleibt das eigene Weltbild zerrüttet zurück. Das ist es, was Suizidhinterbliebene umtreibt und verbindet, obwohl ihre Schicksale unterschiedlich sind. Im Faltblatt der Selbsthilfegruppe steht der Satz: „Jeder Suizid bleibt letztlich ein Geheimnis.“

Monika Fritschle hat der Tod ihres Sohnes völlig unvorbereitet getroffen. Es war 2009, in Biberach war Schützenfest. Thomas war mit Freunden unterwegs, doch am Morgen war er nicht zuhause. Irgend etwas stimmte nicht, Thomas war Jungjäger, und im Waffenschrank fehlte ein Gewehr. Nach einer aufwendigen Suchaktion, Stunden des Bangens, wurde Thomas im nahe gelegenes Maisfeld gefunden. Der junge Mann hatte sich getötet und einen „verwirrten Abschiedsbrief“ hinterlassen, in dem stand, dass niemand Schuld habe, berichtet Monika Fritschle. Eine Begründung stand da nicht. Es habe keine Krankheiten gegeben, keine Abhängigkeit, keinen Liebeskummer. Das erste Jahr nach der Tragödie habe sie nur irgendwie „überlebt“, sagt die Mutter. Später wollte sie reden, fand aber wenig Resonanz. Manche hätten sie „in Watte packen“ wollen, berichtet sie, andere konnten einfach nicht nachvollziehen, dass sie so lange brauchte, darüber hinweg zu kommen.

Anders bei Martha Wahl. Sie und ihr Ehemann hätten viele gute gemeinsame Jahre gehabt, eine „erfüllte Zeit“. Beide arbeiteten als Fachärzte für Psychiatrie, zogen drei Söhne groß. Ihr Mann habe sich im Rahmen seines Berufs sehr gegen Suizide engagiert – bis sich bei ihm selber Depressionen bemerkbar machten. 1998 brach die Erkrankung über ihn herein, er musste in eine Klinik, bekam Medikamente verschrieben. „Von da an kam er nicht wirklich mehr auf die Beine“, sagt Martha Wahl. Wie ernst die Situation war, zeigte ein erster Suizidversuch mit Tabletten im Jahr 1999.

Was folgte, waren quälende Jahre mit wiederkehrenden stationären Krankenhausaufenthalten. „Mein Mann konnte es nicht annehmen, so schwer krank zu sein.“ Dann im Jahr 2007 wurde offensichtlich, dass er seinen Beruf als Arzt nicht würde weiterführen können. Er hätte, zur Wiedergewinnung einer Tagesstruktur, in einer Werkstatt für Behinderte arbeiten sollen. „Das war eine enorme Kränkung für ihn“, weiß Martha Wahl. Und dann überbrachten Polizei und Notfallseelsorger die Nachricht, dass er kurz nach dem Zusammenprall seines Autos mit einem Lastwagen verstorben war. Sie und ihre Söhne klammerten sich zuerst an die Möglichkeit, dass es vielleicht doch ein Unfall war. Doch der Unfallbericht war eindeutig.

Martha Wahl und Monika Fritschle fanden zunächst jede für sich Hilfe in der AGUS-Gruppe in Ulm beziehungsweise in Memmingen. Dann trafen sie bei einer Veranstaltung der „kontaktstelle trauer“ der Caritas Biberach aufeinander. Sie beschlossen, in Biberach eine Selbsthilfegruppe für Suizidhinterbliebene aufzubauen. Sie will keine Therapie ersetzen, sondern den Gedanken und Problemen dieses Trauerprozesses einen Ort geben, egal wie lange es dauert und wie lange der Verlust zurückliegt. Ein Kreis, in dem Hoffnung wachsen soll, aber auch die Wut zur Sprache kommen kann, die manchmal aufflackert. Eine Wut, beschreibt Martha Wahl, die in ihrem Innern „oszilliert“ und sich mal gegen die Krankheit richtet, die ihren Mann befiel, mal gegen die Ärzte, die „manches nicht gesehen haben“, immer wieder auch „auf mich selber, dass ich so schwach war“. Der Glaube sei für sie kein einfach zu benutzender Ausweg. „Auch die Beziehung zu Gott wird hin und her geschmissen.“
 Das Reden löst den Schmerz nicht auf, wissen die beiden Frauen, aber es hilft, ihm einen Platz zu geben, an dem er keine Bedrohung mehr darstellt. Daneben können sich dann auch wieder Glück und Lebensfreude entfalten. Und wenn es Jahre dauert.

Information
Die AGUS Selbsthilfegruppe Biberach trifft sich einmal monatlich im Clubraum der Evangelischen Bonhoefferkirche. Informationen geben die Gruppenleiterinnen Monika Fritschle (Telefon 07351-181951, E-Mail monika.fritschle@gmx.de) oder Martha Wahl (Telefon 07583-770, E-Mail Martha.Wahl@gmx.de).  Die AGUS-Bundesgeschäftsstelle ist telefonisch unter 0921-1500380 oder per E-Mail unter kontakt@agus-selbsthilfe.de erreichbar.