Christliche Themen für jede Altersgruppe

Schweigen und gehen

Pilgern ist beliebt wie nie zuvor und längst auch ein evangelisches Thema. Für Neulinge bietet die Landeskirche nun einmal im Monat Tagestouren mit geistlicher Begleitung an: „Pilgern am Sonntag“ auf dem württembergischen Jakobsweg. Ein Erfahrungsbericht zwischen Oppenweiler und Unterweissach, wo fast 40 Männer und Frauen gemeinsam unterwegs waren. 

Die Jakobsmuschel am Pilgerrucksack. (Foto: Gemeindeblatt)

Schweigen tut so gut. In der evangelischen Kirche von Steinbach (Dekanat Backnang) hat Pilgerbegleiter Martin Stierand das letzte Wort und danach herrscht Stille. Eine große Gruppe von Menschen geht wortlos vor sich hin, jeder in sich und seine Gedanken versunken. Um sie herum weht ein lauer Wind, und vor ihren Augen entfaltet sich ein wunderbares Panorama aus Dörfern, Feldern und Wäldern.
Gerade noch hatten alle munter miteinander geschwatzt. Wenn 40 Männer und Frauen an einem solch sonnigen Wandertag unterwegs sind, dann gibt es viel zu erzählen. Das Schweigen ist einer jener Momente, die den Unterschied machen. Die zeigen, dass eine Pilgertour mehr ist als nur ein Ausflug ins Grüne. 

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Nach einer halben Stunde ergreift Edeltraud Liegl wieder das Wort. „Wenn wir in die Stille hineinschauen, sehen wir uns selbst“, sagt sie. Edeltraud Liegl ist wie Martin Stierand Pilgerbegleiter. Stierand ist Katholik, sie selbst evangelisch, doch das ist beim Pilgern herzlich egal. Das Pilgern hat längst Konfessionsgrenzen gesprengt und spricht auch Menschen an, die sonst kaum in die Kirche gehen.

Vor ein paar Monaten hat Edeltraud Liegl die evangelische Ausbildung als Pilgerbegleiterin gemacht. Jetzt ist sie unterwegs auf dem Jakobsweg, jenem Abschnitt, der von Rothenburg ob der Tauber nach Rottenburg am Neckar führt. Von Bayern nach Baden-Württemberg, von der alten evangelischen Reichsstadt zum aktuellen katholischen Bischofssitz.

Sieben Etappen stehen auf dem Programm, verteilt auf sieben Tage zwischen April und Oktober: „Pilgern am Sonntag“ heißt das Angebot, das auch denen Appetit machen soll, die bisher noch keine Pilgerreise gemacht haben. Von den 40 Teilnehmern der ersten Tour sind das einige und die acht Kilometer ja eigentlich ein Klacks für all die, die schon mal in Richtung Santiago unterwegs waren. Aber jeder fängt mal klein an und so bleibt viel Zeit für die geistlichen Momente und Pausen entlang der malerischen Wegstrecke.

Die erste spirituelle Station des Pilgerwegs ist der Gottesdienst in Oppenweiler (Dekanat Backnang). Die Pilger erhöhen die Zahl der Besucher beträchtlich, sehr zur Freude von Pfarrerin Franziska Beller-Preuschoft, die nun zum Ausgang der Osterzeit über Aufstehen, Auferstehen und Aufbrechen spricht.

Die Jakobsfigur im Altarraum passt zum Jakobsweg, auch die Kirche trägt den Namen des Apostels Jakob. Bevor’s losgeht, gibt es noch einen Pilgersegen: „Lass uns deine Gegenwart erfahren, stärke unseren Glauben und führe uns glücklich zum Ziel.“

Der Weg ist das Ziel: Beim Pilgern gilt das nur bedingt, denn auch das Ziel spielt eine Rolle. Auf dem Jakobsweg heißt es stets Santiago de Compostela, folgerichtig zeigt die Muschel auf den Wegweisern auch in Richtung jenes Ortes in Spanien, über den Martin Luther einst noch die Nase rümpfte: „Man weiß nicht, ob in Compostela Sankt Jakob oder ein toter Hund oder ein totes Ross liegt“, lästerte er genussvoll.

Das Pilgern war dem Reformator zuwider, auch weil es so eng mit dem Ablass und der Heiligenverehrung verbunden war. Noch vor 25 Jahren war für viele Evangelische das Pilgern daher ein Tabu, so katholisch wie der Papst und keinesfalls etwas, das dem eigenen Seelenheil diente.

Doch seit Hape Kerkeling und seinem Beststeller „Ich bin dann mal weg“ ist alles anders und das Pilgern eine Fortbewegungsart für alle Glaubensrichtungen. Der Jakobsweg wird heute nicht nur von Evangelischen in großer Zahl begangen, sie knüpfen sogar eifrig an seinem Netz weiter: So gehört Hans-Jörg Bahmüller, langjähriger evangelischer Kirchengemeinderat aus Winnenden, zu den wichtigsten Wegbereitern der bayerisch-württembergischen Route von Rothenburg nach Rottenburg.

Der 74-Jährige hat mit Landrats- und Forstämtern verhandelt, GPS-Daten ermittelt, Schilder installiert und historische Stationen miteinander verknüpft. Von Oppenweiler nach Unterweissach wandert er mit, genießt sichtlich die schöne Strecke, die weitgehend abseits der Hauptstraße verläuft. „Es sind keine historischen Wege, die wir gehen“, sagt Bahmüller, „sondern neue Wege, die historische Stationen verknüpfen.“

Das heißt nichts anderes, als dass die alten Routen heute oft verkehrsreiche Hauptachsen sind. Und in deren Nähe will kein Pilger wandern. Dann lieber schon jener malerische Pfad entlang der Murr, der an diesem Sonntag die Pilger in Richtung Steinbach und Unterweissach führt.

An einer schönen Wiese am Flussufer rasten sie, packen ein Liedblatt aus, singen „Meine Hoffnung und meine Freunde“, essen ihr mitgebrachtes Vesper. Pilgern ist etwas für Leib und Seele, für Herz und Verstand, für den Geist und für den Körper.

Der Körper muss bei acht Kilometern nun wirklich nicht besonders leiden.  An den kommenden Sonntagen wird sich das steigern, am 6. Mai sind zwölf Kilometer geplant, am 1. Juli 15 Kilometer und am 2. September sogar 22 Kilometer. Da sind dann manche allerdings schon im Training, je nachdem, wie oft sie zwischenzeitlich mit dem Pilgerstab in der Hand unterwegs waren.

Die 40 von der ersten Etappe sind schon kurz vor 16 Uhr in Unterweissach. Damit hatte auch Jörg Stahl, Vorsitzender des Kirchengemeinderats, nicht gerechnet. Er eilt herbei und gibt ihnen eine kurze Kirchenführung, erzählt ein wenig von der Reformationsgeschichte des Gotteshauses.

Die Pilger dürfen nun verschnaufen, in aller Ruhe ihren Pass abstempeln, so sie denn einen dabeihaben. Wer auf dem Jakobsweg unterwegs ist, der braucht sich um die Infrastruktur der Schilder und Stempel wahrhaftig keine Sorgen zu machen.

Nur der Rücktransport ist zuweilen etwas kompliziert. Bus, Bahn, mit einmal Umsteigen in Backnang. Pilgerwege sind keine Rundwanderwege, sie führen stets von A nach B oder nach C wie Compostela. „Beim Pilgern gibt es wie im Leben kein Zurück“, sagt Hans-Jörg Bahmüller.

Er war übrigens noch nie zu Fuß in Santiago de Compostela, „ich finde es viel schöner hier vor der Haustür“, sagt er und lässt den Blick schweifen über die Felder von Württemberg, die er mit seinen Jakobswegabschnitten nun wahrlich gut bestellt hat. ¦


Information

Pilgern am Sonntag findet noch bis Oktober an jedem ersten Sonntag im Monat auf einer Etappe des württembergischen Jakobsweges statt: Der nächste Termin ist der 6. Mai, Treffpunkt 10.30 Uhr an der Kirche in Unterweissach, von dort geht es weiter nach Winnenden (12 Kilometer), Pilgerbegleiter ist Geoffrey Schwegler (Telefon 0176-72859348). Weitere Informationen und ein Faltblatt bei Jürgen Rist, Telefon 0711-4580497 oder 0170-7062743, E-Mail: juergen.rist@elkw-wue.de, Internet www.kirche-freizeit-tourismus.de