Christliche Themen für jede Altersgruppe

Seit einem Jahr daheim - Schulschließung durch Corona

Die Schülerinnen und Schüler der Mittelstufe sind von den Schulschließungen durch Corona am stärksten betroffen. Im Jahr 2021 waren sie bislang zwei Wochen in der Schule und sitzen ansonsten zuhause. Was macht das mit den Teenagern?

 Foto: Gerd Altmann, pixabayFoto: Gerd Altmann, pixabay

Anna ist 15 Jahre alt und ihr Radius ist sehr klein geworden. Die meiste Zeit verbringt sie liegend. Im Bett nimmt sie am Online-Unterricht an ihrem Stuttgarter Gymnasium teil, der ihren Tag für drei, manchmal für sechs Stunden strukturiert. Im Bett telefoniert sie mit Freundinnen, manchmal über Stunden. Sie hört im Liegen viel Musik, und folgt auf Youtube und Instagram jeder Regung der Sängerinnen, für die sie brennt. Manchmal geht sie mit dem Hund und ihrer besten Freundin spazieren.

Das ist Annas Leben. Seit mehr als einem Jahr. Im März 2020 war sie Achtklässlerin und ging danach noch wenige Wochen vor den Sommerferien zwei Tage pro Woche in die Schule. Nach den Sommerferien hatte sie bis kurz vor Weihnachten Präsenzunterricht, seitdem nicht mehr. So geht es derzeit rund 5,2 Millionen Kindern und Jugendlichen, den Schülern der Mittelstufe. Für die Grundschüler, die Unterstufe und die Abschlussklassen sind die Schulen zumindest für den Wechselunterricht wieder offen. Die Mittelstufe ist im Dauer-Lockdown.

„Eigentlich bin ich jetzt in dem Alter, in dem man ja mal Freunde draußen trifft und neue Leute kennenlernt“, sagt Anna. Dass das schon seit so langer Zeit nicht geht, nimmt sie hin. Genau wie alle anderen Einschränkungen, die ihr Leben bestimmen. „Wir sind es als Schüler doch gewöhnt, dass wir uns an Regeln halten und machen, was die Erwachsenen verlangen“, meint sie. Ihre beste Freundin hält sich auch daran. Aber ihr fehlt viel mehr. „Ich vermisse mein Fußballtraining, ich muss mich auch mal auspowern“, sagt Caroline. „Und mir fehlt die Schule. Ich kann mich daheim einfach nicht so gut konzentrieren.“ Sie macht nächstes Jahr den Realschulabschluss.

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Britta Reinhart ist Schulsozialarbeiterin bei der Evangelischen Gesellschaft Stuttgart (eva). Sie arbeitet an der Birken-Realschule in Heumaden, an der auch Hauptschüler unterrichtet werden. Sie kennt diese Nöte der Mittelstufen-Schüler gut. „Viele sagen, dass der Online-Unterricht für sie nicht funktioniert. Dazu gehört viel Disziplin und Selbstorganisation, die schwache Schüler nicht haben.

Die Schule ist mehr als ein Lernort

Genausowenig wie die technische Ausstattung.“ Einen eigenen Laptop haben viele nicht. Britta Reinhart unterstützt so gut sie kann, lädt die Teenager in die Räume der mobilen Jugendsozialarbeit ein und hilft ihnen auch bei der Erstellung von Bewerbungsunterlagen. Mit mäßigem Erfolg: „Von den 19 Hauptschülern, die jetzt ihren Abschluss machen, hat niemand eine Lehrstelle.“ Die Berufsberatung, die in der Sekundarstufe eine so wichtige Rolle spielt, fand während der Zeit der Schulschließungm wenn überhaupt, nur in abgespeckter Form statt.

Olivia, die zu Anna in die Klasse geht, macht im Unterricht immer richtig gut mit. Seit es nur noch online Unterricht gibt, ist das anders. Da taucht sie oft ab, ist viel zu müde um zuzuhören. Olivia ist die Struktur abhanden gekommen, oft schläft sie erst ein, wenn es schon wieder hell wird. Und sie hat Ängste entwickelt, die sie vor Corona nicht hatte. Manchmal kann sie sich zu gar nichts aufraffen: Weder zu den Aufgaben, noch dazu, vor der Tür zu gehen. Menschen machen ihr neuerdings Angst. Olivia ist kein Einzelfall: Psychische Störungen unter Jugendlichen haben in der Pandemie extrem zugenommen. Nach Angaben des Bundesinstituts für Bevölkerungsforschung sind es 400 000 junge Menschen mehr, die im Vergleich zur Zeit vor der Pandemie unter depressiven Stimmungen leiden. „Die Größenordnung der seelischen Belastung der Kinder und Jugendlichen wird völlig unterschätzt“, sagt Martin Bujard, der Präsident der Evangelischen Arbeitsgemeinschaft Familie (eaf).

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Es ist ja nicht die Schule als Lernort, sondern auch als Lebensraum, die ausfällt. Treffen mit Gleichaltrigen, die für Heranwachsende so wichtig sind, sind kaum noch möglich. „In einem Alter, in dem Jugendliche sich schrittweise aus ihrem Elternhaus lösen und soziales Lernen vorrrangig mit Gleichaltrigen stattfindet, haben viele derzeit nur Eltern und Geschwister als Ansprechpartner“, stellt Bujard fest.

Anna war kürzlich mal wieder in der Schule. Für eine Lateinarbeit. Auf die hat sie sich nicht gefreut, auf das Wiedersehen mit ihren Freundinnen schon. „Wir mussten sofort danach aber wieder alle raus aus der Schule. Sobald wir zusammengestanden sind, kam gleich ein Lehrer. Dabei waren wir doch alle getestet.“ Das fand selbst die langmütige Anna absolut daneben.