Christliche Themen für jede Altersgruppe

Sie liegen nur rum und wachsen - Pubertiere im Widerspruchs-modus

Pubertiere sind eine Spezies, die ihren Eltern das Leben oft schwer machen: Mal sind sie zickig, mal anhänglich und meistens im Widerspruchs-modus. Tipps einer Pädagogin, wie Eltern in dieser Umbruchs-zeit gelassen bleiben können.

 Nicht die einfachste Phase im Leben: Die Pubertät. Foto: adobe stock/ Katarzyna BialasiewiczNicht die einfachste Phase im Leben: Die Pubertät. Foto: adobe stock/ Katarzyna Bialasiewicz

Das Zimmer sieht aus, also ob ein Wirbelsturm durchgezogen wäre: Viele Haufen getragener Wäsche, halb leergefutterte Müslischalen, achtlos hingeworfene Schulbücher. Auf dem Bett schlummert derweil der 15-jährige Sohn, der eben noch türenknallend sein Recht auf Selbstbestimmung eingefordert hat, selig durch den Nachmittag. Eltern Heranwachsender kennen dieses Bild und sind einmal mehr zwischen Zärtlichkeit und Verärgerung hinund hergerissen.

„Um diese schwierige Zeit zu verstehen, sollten Eltern sich vor Augen führen, was Pubertät bedeutet und welche Fülle an Veränderungen ihre Kinder in dieser Zeit durchmachen“, sagt die Sozialpädagogin und Elternkurstrainerin Birgit Zöller aus Würzburg. In ihren Workshops mit dem Titel „Pubertät – sie liegen nur rum und wachsen“ erläutert sie die unterschiedlichen Phasen mit Vorpubertät (8 –14 Jahre), Pubertät (13 –16 Jahre) und Nachpubertät (16 –19 Jahre), wobei die Entwicklung bei Mädchen meist deutlich früher einsetzt.

Erkennbar sind die Phasen am sich verändernden Verhalten: So folgt nach einer eher schüchternen und gehemmten Zeit meist eine Phase hoher Kontaktfreudigkeit, in der Freunde und eigene Werte im Mittelpunkt stehen, um sich dann in einer eher stabilen Phase mit festen Partnern und persönlichem Engagement zu beruhigen.

Chaos im Kopf – das ist normal

Beim Wachstumsschub in der Pubertät finden Umbauten im Gehirn statt: Neue Verbindungen entstehen, nicht benötigte werden gekappt, das rationale Gehirn wird mit dem emotionalen verknüpft, was sich in einem stetigen Hinterfragen der Dinge äußert. Oft schwer erträgliche Launen, Vergesslichkeit, aber auch ein Leistungsabfall in der Schule sind also kein böser Wille, sondern ein Resultat dieser Umbaumaßnahmen.

Warum Kinder in diesem Reifungsprozess oft so hoffnungslos konfus wirken, verdeutlicht Birgit Zöller mit einem einfachen Experiment: Ohne vorher eine Absprache über die Reihenfolge zu treffen, werfen zehn Personen jeweils zehn Begriffe in eine Gesprächsrunde. Das Ergebnis ist ein chaotisches Trommelfeuer von Gedanken. So sehe es auch bei Jugendlichen im Kopf aus. „Bei diesem Wimmelbild aus Fragen ist es nicht verwunderlich, wenn Jugendliche sprunghaft wirken“, resümiert Zöller. Auffällig sei dabei, dass die Jugendlichen die auf sie einprasselnden Themen zunächst gleichwertig behandeln. „Was denken die anderen?“ oder „Welches T-Shirt ziehe ich heute an?“ steht gleichwertig neben „Schulnoten“ und „Treue“. Teil des Erwachsenwerdens sei es, diese Themen zu sortieren und für sich einzuordnen.

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Die Heranwachsenden müssen ihre soziale Rolle in verschiedenen Systemen (Schule, Freunde, Sportverein) definieren und herausfinden, wer sie für sich selbst und für die anderen sind. Bin ich cool oder schüchtern? Bin ich der Hampelmann oder der Anwalt? „Selbstüberschätzung und vernichtende Urteile liegen in diesem Selbstfindungsprozess nah beieinander“, sagt die Sozialpädagogin, und die persönliche Befindlichkeit könne deshalb schlagartig von „himmelhoch jauchzend“ zu „null Bock auf nix“ wechseln.

Darüber hinaus sehnen sich Jugendliche nach Unabhängigkeit, Freiheit und Selbstbestimmung und lösen sich von den Eltern. Das Wir-Gefühl der Familie tritt in den Hintergrund. Bei dieser Neudefinition müssen bisherige Strukturen zwangsläufig aufbrechen, was zuweilen offene Rebellion nach sich zieht. „Manche Jugendliche stellen einfach alles in Frage und streiten die Trennung so gewissermaßen herbei“, berichtet Zöller. Dennoch sollten Eltern hier mit Langmut und Geduld gegenhalten, Verständnis aufbringen und zur Diskussion bereit sein. Wobei: Trotz allen Freiheitsdrangs müsse jeder seinen Beitrag zum Funktionieren des Systems Familie leisten.

Um Jugendliche in dieser Zeit zu unterstützen, empfiehlt Birgit Zöller einen Mix aus Zeit, Zärtlichkeit und Zuwendung sowie Schutz, Sicherheit und Spaß. Zeit bedeute dabei manchmal auch „Zeit zur Unzeit“ – ganz egal ob beim Abendessen oder nachts um Zwölf. Das Bedürfnis nach Zärtlichkeit und Zuwendung werde oft durch Rebellion überdeckt, sei aber zweifellos da, wenn etwa das „Berühr-mich-nicht“-Pflänzchen beim Filmgucken plötzlich immer näher rutscht.

Pubertät. Teenager. Social media. Foto: Kathy Bugajsky, pixabayFoto: Kathy Bugajsky, pixabay

Auch das Thema Schutz ist Anlass zur Rebellion. Bei wichtigen Regeln wie der Festlegung von Ausgehzeiten sollten Eltern Argumente nennen, warum Sie so handeln. Zu formulieren „Ich habe Sorge um Dich!“ vermittelt dem Kind, dass es seinen Eltern etwas wert ist. Feste Verabredungen und das Bestehen darauf, diese einzuhalten, geben den Jugendlichen die Sicherheit, die sie bei aller Selbstbestimmung brauchen. Für die Kommunikation mit dem „Pubertier“ legt die Kursleiterin Eltern „Ich-Botschaften“ ans Herz. Statt Sätze wie „Dein Zimmer ist ein Saustall“ oder „Nie kommst du pünktlich, du bist unzuverlässig“ auszusprechen, sollte man zu bewusst formulierten Botschaften greifen, die die Situation möglichst neutral beschreiben, aber auch Auskunft über das eigene Gefühl und die Erwartung geben: „In Deinem Zimmer liegt alles auf dem Boden. Mich stört das, ich möchte staubsaugen und bitte dich, das Zimmer bis zum Tanztraining aufgeräumt zu haben.“ Auf diese Weise nehmen Eltern den Druck aus einer spannungsgeladenen Situation, sie vermeiden Befehle und Androhungen und geben zugleich die Chance zur Verhaltensänderung.

Ich-Botschaften statt Befehle und Drohungen

Gerade am Anfang klinge das manchmal holprig, gibt Zöller zu, und mit Widerspruch von Sohn oder Tochter sei zu rechnen. Doch auch hier gelte: „Geben Sie Ihrem Kind Zeit für eine Erwiderung, lassen Sie es eigene Lösungen anbieten, helfen Sie beim Strukturieren und seien Sie bereit zum Verhandeln!“ Denn genau das – Argumentationsfähigkeit, Streitkultur und die Bereitschaft zur Übernahme von Verantwortung für das eigene Tun und Lassen – seien schließlich das beste Rüstzeug für das spätere Erwachsenenleben.