Christliche Themen für jede Altersgruppe

Sie schwingen und klingen

Zu hören sind sie mindestens jeden Sonntag, meist auch öfter in der Woche: Rund 5600 Glocken hängen in den Kirchtürmen der evangelischen Kirchen in Württemberg. Warum Glockengeläut Musik ist und warum welche Glocken wann läuten, wird hier erzählt.  


Mächtig schwingen die Glocken der Düsseldorfer Auferstehungskirche im Stadtteil Oberkassel. (Foto: epd-Bild)


In der Tat: Glocken können unter bestimmten Umständen auch dem Bundes-Immisionsschutzgesetz und zu dessen Umsetzung der „Technischen Anleitung zum Schutz vor Lärm“ unterliegen.
Heute ist indes höchstrichterlich geklärt, dass Glocken nur dann dieser Verwaltungsvorschrift entsprechend verstanden werden, wenn sie die Zeit anzeigen – der Stundenschlag also, gilt verwaltungstechnisch als „Lärm“. Dabei ist der Klang eines jeden Geläuts musikalisch bestimmt.
Das kirchlich-liturgische Geläut unterliegt einer anderen Regel. Das Läuten in den evangelischen Kirchen Württembergs ist durch Läuteordnungen geregelt. Solche Ordnungen sollte es in jeder Kirchengemeinde entsprechend der örtlichen Traditionen geben. Aber auch sie sollten Grundregeln folgen.

Diese Grundlage für örtliche Läuteordnungen ist inzwischen über 60 Jahre alt, gilt aber unvermindert. Jede Glocke, gleich wie viele im Turm hängen, hat ihre eigene Aufgabe: Hängen zwei Glocken im Turm, so ist die größere die „Betglocke“, die kleinere wird als „Kreuzglocke, Tauf- und Schiedglocke“ geläutet. Stehen drei Glocken zur Verfügung, so wird die mittlere zur Kreuz- und Schiedglocke. Am häufigsten anzutreffen sind vierteilige Geläute. Sie bestehen aus der größten Glocke, die meist als Betglocke geläutet wird, die nächst kleinere wird zur Kreuz- und Schiedglocke, die dritte zur Zeichenglocke, die kleinste zur Taufglocke. Claus Huber, Glockensachverständiger der württembergischen Landeskirche, weist darauf hin, dass es verschiedene Traditionen gibt, die von der grundsätzlichen Regel abweichen und – besonders wenn es alte Traditionen sind – auch beibehalten werden sollten.

Doch wann sind die Glocken zu hören? Die Betglocke wird üblicherweise am Morgen und am Abend geläutet. Außerdem erklingt sie zur Mittagszeit. „Die Morgenglocke will zum Morgengebet wecken und täglich an die Auferstehung Christi erinnern.“ Die Mittagsglocke ruft – anders als es vielerorts angenommen wird, nicht zum Mittagessen oder zu Mittagspause – zum Gebet für den Frieden. Das Abendgeläut ruft zur dritten Gebetszeit des Tages, zum Dank für den Tag und zum Bedenken des Endes. Die Betglocke bekommt auch im sonntäglichen Gottesdienst eine Aufgabe: Sie läutet, während die versammelte Gemeinde das Vaterunser spricht und lädt damit all jene ein, das Gebet mitzusprechen, die nicht am Gottesdienst teilnehmen konnten.

Dort, wo es Kreuzglocken gibt, werden diese um 11 Uhr am Vormittag und um 15 Uhr geläutet, mancherorts bereits um 9 Uhr. Zu diesen Zeiten wird an Leiden und Sterben Jesu Christi erinnert: 9 Uhr gilt als die Stunde der Kreuzigung, 11 Uhr als die Stunde der hereinbrechenden Finsternis, von der die Evangelisten Matthäus (Kapitel 27), Markus (Kapitel 15) und Lukas (Kapitel 23) berichten. 15 Uhr demnach gilt als die Todesstunde Jesu. Deshalb wird diese Läutezeit auch „Schiedungsläuten“ genannt.

Gerhard Eiselen, zwischen 1959 und 1983 Glockensachverständiger der württembergischen Landeskirche, berichtet von scheinbar unausrottbarem „abergläubischem Beiwerk“, weswegen das Kreuzläuten immer wieder umstritten war. So werde berichtet, dass Bauern Kälber am besten um 11 Uhr während des Läutens von ihren Müttern entwöhnen sollten. „Am Karfreitag während des Schiedungsläutens geholtes Wasser bewahrt vor Schäden und bleibt immer frisch.“

„Denn mit der Freude Feierklange / Begrüßt sie das geliebte Kind / Auf seines Lebens erstem Gange, / Den es in Schlafes Arm beginnt“, so beschreibt Friedrich Schiller in seinem „Lied von der Glocke“ die Aufgabe der kleinsten Glocke. In der Regel wird sie als Taufglocke  genutzt. Die Taufglocke erklingt, während im Gottesdienst ein Mensch getauft wird. Wenn es aber bei Schiller heißt: „Schwer und bang / Tönt die Glocke / Grabgesang. / Ernst begleiten ihre Trauerschläge / Einen Wandrer auf dem letzten Wege“, dann ist es die Schiedglocke, die eingesetzt wird. Sie läutet, wenn ein Mitglied der örtlichen Kirchengemeinde verstorben ist. Je nach örtlichem Brauch wird sie am Folgetag um die Mittagszeit oder am Vormittag geläutet. Dieser Glockenruf  erinnert an den oder die Verstorbenen und mahnt wie Psalm 90 (Vers 12) an den eigenen Tod.

„Quillt der Segen / Strömt der Regen, / Aus der Wolke, ohne Wahl, /?Zuckt der Strahl! / Hört ihr’s wimmern hoch vom Turm! / Das ist Sturm! / Roth wie Blut / Ist der Himmel. / Das ist nicht des Tages Glut!“ Zur Warnung vor Unwetter und bei Feuer geläutet wurde noch zu Zeiten Schillers und lange danach. Diese Funktion haben Kirchenglocken heute nicht mehr.

Glockenläuten ist „geistliche Musik im Zusammenhang mit der Verkündigung des Gotteswortes, der Verwaltung der Sakramente, und der Verwirklichung der Gemeinschaft“, heißt es in der landeskirchlichen „Bekanntmachung“ aus dem Jahr 1956. Dem steht nicht entgegen, dass in einigen Orten Glocken unter genau bestimmten rechtlichen Voraussetzungen auch den bürgerlichen Gemeinden zur Verfügung stehen können.

Nicht genutzt werden dürfen Glocken bei „öffentlichen Gedenktagen und Ehrungen, Einweihungen profaner Einrichtungen oder zu politischen Kundgebungen“, heißt es in einem alten Papier der Landeskirche.
Läuten zum Gottesdienst ist also die große zentrale Aufgabe der Glocken. Doch auch da gibt es Unterschiede. So wird mancherorts nur einmal, andernorts zweimal mit einer Glocke geläutet und zwar eine und dann nochmals eine halbe Stunde vor Gottesdienstbeginn drei bis fünf Minuten lang. Das volle Geläut erklingt zu den Hauptgottesdiensten am Sonntag und an den hohen Feiertagen. Dabei gibt es immer wieder Diskussionen darüber, wann das volle Geläut ertönen soll. „Vorläuten“ heißt es, wenn die Glocken etwa zehn Minuten vor dem Gottesdienstbeginn klingen. Eigentlich aber, sagt Claus Huber, soll das Geläut nach dem Glockenschlag der Anfangszeit einsetzen. Für Huber steht fest: Das Glockengeläut ist der erste liturgische Teil des Gottesdienstes – noch bevor das Orgelvorspiel einsetzt, also Teil der sonntäglichen Feier. Also ist das Geläut Teil der Kirchenmusik und nicht Hinweis darauf, dass es nun höchste Zeit wird, sich auf den Weg zu machen.

Beim festlichen Geläut zu Gottesdiensten soll, damit die volle Wirkung zu hören ist, mit der kleinsten Glocke begonnen werden. Dann werden in Abständen von etwa zehn Sekunden die weiteren Glocken von klein nach groß eingeschaltet. In der gleicher Reihenfolge wird dann das Geläut beendet, so dass die jeweils größte Glocke, häufig als Dominika, die Beherrschende, bezeichnet, als letzte ausklingt.
Auch die Dauer des Geläuts ist geregelt. Siebeneinhalb Minuten soll es dauern. Huber sagt: „Sieben bis höchstens acht Minuten dauert das Zusammenläuten.“ So wird es gelegentlich genannt. Die Dauer leitet sich ab von der Teilung der Stunde. Es soll die Hälfte der Viertelstunde dauern. Die Viertelstunde wiederum wird deshalb angesetzt, weil es einst nur Turmuhren mit einem Zeiger gab, die nur Viertelstunden und nicht auch die Minuten anzeigten.

Informationen bei Glockensachverständiger Claus Huber, Telefon: 0711-2149-206; E-Mail: claus.huber@elk-wue.de

Judith Welsch-Körntgen
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