Christliche Themen für jede Altersgruppe

Sie war die Sonne - Gelebte Inklusion

Die große Schwester trug die Verantwortung, die kleine Schwester stand im Rampenlicht. Über ihre geschwisterliche Verbundenheit bei aller Verschiedenheit und über das Leben mit ihrer behinderten Schwester hat Petra Florence Schürrle-Shakar ein warmherziges Buch geschrieben.

Petra und Birgit waren ein gutes Team ‒ auch die Leidenschaft für Indien hat die jüngere mit der älteren Schwester geteilt.
© Foto: Privat

„Birgit trinkt gerne Sekt“, sagt Petra Florence Schürrle-Shakar und korrigiert sich sofort. „Nein. Sie hat ihn gern getrunken. Sie ist ja schon seit acht Jahren tot. Ich rede noch immer im Präsens von ihr.“ Birgit Schürrle war Petras vier Jahre jüngere Schwester, in Schwäbisch Hall 1959 mit dem Down-Syndrom geboren, dort 2011 gestorben. Dazwischen lag ein Leben voller Lebenskraft, voll Freude und Impulsivität. Und ein Leben, das diejenigen beeindruckt und beeinflusst hat, die es ein Stück weit begleitet haben.

„Sie war der Mittelpunkt unserer Familie. Sie war die Sonne, wir die Planeten“, schreibt die Schwester in einem lesenswerten Büchlein, das „Zwei Schwestern – gelebte Inklusion“ heißt und im Crailsheimer Baier Verlag erschienen ist. Das Buch ist eine Hommage an die Schwester, eine heitere Anekdotensammlung. Es zeigt, dass das Leben mit einem Menschen mit Behinderung nicht immer einfach ist. Aber immer bereichernd.

Abstauben? Ich bin doch behindert!

„Ich hatte sie halt immer dabei“, erinnert sich die große Schwester. Bei Ausflügen, an Wochenenden – Petra und Birgit waren ein festes Gespann. „Das war nie ein Problem, von der Zeit der Pubertät einmal abgesehen. „Zum Glück hatte ich verständnisvolle Freundinnen.“ Schon als Kind musste Petra nachmittags auf Birgit aufpassen. „Ich hab das oft auch als Ausrede benutzt“, erinnert sich Petra Schürrle-Shakar. „Ich sagte, ich hätte wegen Birgit nicht lernen können.“ Noch heute grinst sie bei der Erinnerung. Birgit war da ganz ähnlich gestrickt. „Ich kann nicht abstauben, ich bin doch geistig behindert“, sagte sie zu ihrer Mutter, wenn sie keine Lust zum Helfen hatte.

Diesen Artikel jetzt im EVG-ePaper lesen

Birgit wurde in eine Zeit geboren, in der von Teilhabe keine Rede war und in der die UN-Behindertenrechtskonvention in weiter Ferne lag. „In Schwäbisch Hall haben wir aber eigentlich nur gute Erfahrungen gemacht“, sagt Schürrle-Shakar im Rückblick. Petra und Birgit wuchsen mehr oder weniger im Diakoniekrankenhaus auf, in dem die Eltern einen Friseurladen hatten. „Die Diakonissen hatten viel Verständnis. Auch in der Stadt gab es viele Kontakte. Durch die vielen großen Träger der Behindertenhilfe gab es wenig Berührungsängste.“ Wichtig war auch die Sonnenhofschule, in der Birgit eine der ersten Schülerinnen war – in einer Zeit, in der es für Kinder mit Behinderung noch keine Schulpflicht gab. „Sie war glücklich in der Schule“, erinnert sich die große Schwester. „Als der Fahrdienst sie zum ersten Mal abholte, stand die ganze Straße Spalier und hat geklatscht und gewunken.“

So gingen die beiden durchs Leben. Die eine trug die Verantwortung, die andere stand im Rampenlicht. Diesen Platz liebte Birgit, sie bekam ihn von der älteren Schwester überlassen. „Birgit war aber nie lästig, nie aufdringlich. Alle mochten sie.“ Birgit entwickelte sich zu einer lebenslustigen Frau mit viel Selbstbewusstsein und großer Schlagfertigkeit. Ihre Frau stehen, das konnte sie, auch wenn sie nie lesen und schreiben gelernt hat. Neben ihrer Ausdrucksfähigkeit hatte Birgit noch ein anderes Talent. Birgit stiftete Frieden. „Wo sie erschien, da herrschte Harmonie. Alle beruhigten sich, wenn sie da war. Auch wenn es in der Familie mal hoch herging. Birgit hatte ein feines Gespür dafür, wie es einem Menschen gerade ging.“ Mit einem hintersinnigen Spruch – manchmal weise, manchmal knitz – entspannte sie die Situation und brachte die Menschen zum Lachen. „Wie sehr das ihr Talent war, wird uns eigentlich erst im Nachhinein klar“, sagt ihre große Schwester.

Dass es heute immer weniger Menschen mit Down-Syndrom gibt, dass sich also immer mehr Eltern nach einer Diagnose dazu entscheiden, eine Schwangerschaft abzubrechen, bedauert Petra Schürrle-Shakar, auch wenn sie Verständnis dafür hat. „Mein Leben wäre ärmer ohne meine Schwester Birgit.“ Dass sie etwa einen sozialen Beruf erlernt hat, führt sie auf ihre Erfahrungen zurück.

Birgit teilte die Begeisterung ihrer großen Schwester Petra für Indien. Die beiden waren zeit ihres Lebens ein eingespieltes Team. „Ich vermisse sie täglich“, sagt Petra Schürrle-Shakar. „Das Zimmer, in dem sie bei uns immer übernachtet hat, ist noch immer ‚Birgits Zimmer‘.“ Das Buch über Birgit war deshalb eine gute Möglichkeit, noch einmal alles zu überdenken. „Aber es war Birgits Idee. Bei meinem ersten Buch über indische Märchen gab es zur Feier einen Sekt. Den wollte sie bei meinem nächsten Buch unbedingt wieder haben.“

„Ich erzähle dir etwas, und du schreibst es auf“, hatte sie zur Schwester gesagt. Die ersten beiden Kapitel entstanden deshalb noch gemeinsam. Dann starb Birgit Schürrle an Komplikationen nach einer Lungenentzündung. Die Schwester legte das Manuskript erst einmal zur Seite. Doch ein Fest hat es trotzdem gegeben: Birgits Beerdigung. „200 Leute kamen“, erinnert sich die Schwester. „Viele davon hatte ich noch nie gesehen.“

Sie alle trauerten um eine ganz besondere Frau, und sie feierten sie mit ihren Lieblingsmelodien. Mit Tagore-Liedern, vom Schwager Ranju Shakar vertont, mit Kasatschok und Drafi Deutscher. Auch Birgits Musikgeschmack sprengte Grenzen. „Aber am allerliebsten hatte sie doch den Vogelgesang. Sie hörte ganze Opern darin. Und wenn heute im Garten die Vögel besonders schön zwitschern, dann denke ich, dass mir Birgit wieder ihre besonderen Freunde schickt“, sagt Petra Schürrle-Shakar.

Am 4. November wäre Birgit Schürrle 60 Jahre alt geworden. „Das feiern wir natürlich mit allen ihren Freundinnen“, sagt die Schwester. Dann singen alle wieder. Bestimmt auch Birgits Lieblingslied: „Weine nicht, wenn der Regen fällt ...“

 

Information

„Zwei Schwestern – gelebte Inklusion“ von Petra Florence Schürrle-Shakar ist im Baier Verlag Crailsheim, Telefon 07951-94690, erschienen. Die Autorin hält bei den Landfrauen Vorträge zum Buch.

Meinungsumfrage

Wollen Sie die Sommer- oder die Winterzeit behalten, wenn es keine Zeitumstellung mehr gibt?

Ergebnis anzeigen