Christliche Themen für jede Altersgruppe

Sind Radfahrer eine Gemeinde?

WEILHEIM (Dekanat Tübingen) – Seit Pfingsten ist die Nikomedes­kirche eine Radwegekirche. Gut für Vikarin Kathrin Sauer: Sie hat über solche Kirchen ihre Doktorarbeit geschrieben. Und dabei selber ­richtig Lust aufs Radfahren bekommen.

Kathrin Sauer hat über Rad­wegekirchen geforscht – jetzt ist sie Vikarin an einer solchen Kirche: Der
Nikomedeskirche in Weilheim. Fotos: Wolfgang Albers

Jetzt muss die Auszubildende ran, mag sich mancher gedacht haben, als Vikarin Kathrin Sauer kürzlich mit der Gemeinde einen Gottesdienst zur Eröffnung der Nikomedeskirche als Radwegekirche feierte. Seit Pfingsten finden Radtouristen in Weilheim einen Rastplatz neben der Kirchenmauer und einen offenen Kircheneingang vor.

Dass die Nikomedeskirche nun eine von bundesweit 340 Radwegekirchen ist, geht auf das Pfarrerehepaar Karoline Rittberger-Klaas und Frithjof Rittberger zurück. Dass sie aber der Vikarin, die erst kurz zuvor zum Kirchenteam dazustieß, die Eröffnung überließen, war keineswegs nur der Entlastung im Dienstplan geschuldet. Kathrin Sauer, in Augsburg aufgewachsen, später Studentin in Neuendettelsau und Tübingen, ist Expertin für Radwegekirchen: Sie hat darüber geforscht und ihre Ergebnisse in einer Dissertation zusammengefasst.

Im Kern geht es darin um Gemeindetheologie. Die klassische Kerngemeinde bröckelt. Das heißt nicht, dass die Kirche den Kontakt zu den Menschen verliert. Der verlagert sich nur. Aber: Kann man da noch von Gemeinde sprechen? Vielleicht, wenn man den Gemeindebegriff weiter fasst. Gibt es zum Beispiel Gemeinden auf Zeit? Genau damit beschäftigen sich zur Zeit drei Dissertationen. Eine davon ist die von Kathrin Sauer, die den Bereich Freizeit und Tourismus untersucht. Sie hat Gottesdienste im Grünen, christliche Reisen und Radwegekirchen untersucht. Ihre Methode waren Interviews und Blicke in die Anliegenbücher, die in jeder Radwegekirche aufliegen.

Auffällig war, dass Leute, die an Radwegekirchen verweilen, eher zufällig dort vorbeikommen und von den Schildern angelockt werden. Dementsprechend unterschiedlich war auch ihre kirchliche Gebundenheit. Wichtig war zunächst einmal, dass die Kirche überhaupt offen ist, dass man das Gefühl hat, willkommen zu sein – und dass man selber entscheiden kann, wie weit man sich auf die Kirche einlässt. Für sich hat Kathrin Sauer deshalb die Konsequenz gezogen, Radler, die sie an der Weilheimer Kirche sieht, nicht gleich anzusprechen.

Kann man da überhaupt von Gemeinde sprechen? „Organisatorisch eher nicht“, sagt Kathrin Sauer. Immerhin kommen die meisten Radler in Gemeinschaft, so dass zumindest mal ein formales Kriterium erfüllt wäre.

Interessanter wird die Geschichte aber, wenn man in die Anliegenbücher schaut. Rund 800 Einträge hat Kathrin Sauer ausgewertet. Und festgestellt: „Fast 50 Prozent der Einträge sind Gebete in unterschiedlichster Form.“ Überhaupt gehen die Einträge meist in die Tiefe: „Es kommen ganz existentielle Themen hoch. Wenn man bittet, dass sich etwas positiv wendet in der Partnerschaft oder im Beruf. Und schön ist: Die Dankgebete überwiegen.“ Auf jeden Fall sei eine Radwegekirche auch ein Ort, „an dem man über existentielle Dinge schreiben kann.“

Was heißt das jetzt für die Ausgangsfrage? Offiziell vorstellen wird Kathrin Sauer die Ergebnisse ihrer Arbeit erst auf einer Konferenz Ende Oktober, aber soviel lässt sie schon durchblicken: „Das Potenzial zu einer Gemeinde im theologischen Sinne ist auf jeden Fall gegeben.“
Dass sich da etwas tut, hat Pfarrer Frithjof Rittberger, selbst begeisterter Radfahrer, auch in Weilheim gemerkt: Allein schon dadurch, dass die Kirche nun immer offen sei, kämen mehr Besucher, auch aus dem Ort selbst.

Geändert hat sich auch etwas für Kathrin Sauer: „Ich war vor der Arbeit keine Radfahrerin. Aber eines der Interviews hat mich so berührt, dass ich mir gesagt habe: Jetzt fange ich an. Und nun bin ich leidenschaftlich gern auf dem Rad unterwegs, jetzt hält mich kein Wetter mehr ab. Ich erlebe die Natur und die Schöpfung und habe ein Stück Lebensqualität dazugewonnen. Allein deshalb schon hat sich die Arbeit gelohnt.“




Information

Um als Radwegekirche geführt zu werden, muss eine Kirche an einem Fahrradweg liegen und von Ostern bis zum Reformationstag tagsüber frei zugänglich sein. Mehr zu Radwegekirchen, unter anderem eine Übersichtskarte, im Internet unter www.radwegekirchen.de