Christliche Themen für jede Altersgruppe

„So träumen wir uns Kirche“ Interview mit Stadtdekan Schwesig

Evangelische sind beim Katholikentag vom 25. bis 29. Mai in Stuttgart nicht nur Gäste, sondern gestalten ihn mit. So wie Søren Schwesig. Im Gespräch mit Antje Schmitz schildert der Stadtdekan, wie Ökumene in Stuttgart gelebt wird und auf welche Signale er hofft.

Martin Luther trägt den Schal des Evangelischen Kirchentags 2015: Stadtdekan Søren Schwesig in seinem Büro. Foto: Julian RettigMartin Luther trägt den Schal des Evangelischen Kirchentags 2015: Stadtdekan Søren Schwesig in seinem Büro. Foto: Julian Rettig

Herr Schwesig, wann waren Sie zuletzt in einem katholischen Gottesdienst?

Søren Schwesig: Bei der Altarweihe von St. Fidelis in Stuttgart im Advent 2019. Eine beeindruckende katholische Feier, gefolgt von einem Abendmahl. Wir Protestanten mussten bei der Eucharistiefeier sitzen blieben, weil wir nicht eingeladen waren. Anschließend ließ ich mein vorbereitetes Grußwort in der Tasche. Ich gratulierte zunächst zur Sanierung der Kirche. Sie ist ein Juwel geworden. Ich sagte, dass ich beeindruckt sei von der Feier der Altarweihe, aber zugleich traurig über die Feier des Abendmahls, weil ich überzeugt sei, dass biblisch falsch ist, was passiert ist. Und ich erinnerte an das Bibelwort „Es werden kommen von Osten und von Westen, von Norden und von Süden, die zu Tisch sitzen werden im Reich Gottes“. Ich würde mir wünschen, dass sich eines Tages evangelische und katholische Christen an diesem Altar treffen zum gemeinsamen Abendmahl. Als ich an meinen Platz zurücklief, gab es langen Applaus. Er bezog sich nicht auf mich. Ich glaube, dass der Wunsch, miteinander Abendmahl feiern zu können, die Herzen vieler Menschen getroffen hat. Meine Worte sind mir fast wörtlich in Erinnerung geblieben. Sie kamen von Herzen.

Das Abendmahl ist ja auch eines Ihrer Themen auf dem Katholikentag. Sie sind bei drei Veranstaltungen dabei: beim Abend mit dem Tänzer Eric Gauthier, beim interreligiösen Dialog zwischen den abrahamitischen Religionen und bei der
Diskussion über Eucharistie und Abendmahl. Werden Sie da Ihrem Wunsch Ausdruck verleihen?

Søren Schwesig: Ich werde Bezug nehmen auf das Papier „Gemeinsam am Tisch des Herrn“ des sogenannten Ökumenischen Arbeitskreises. Dort haben hochrangige evangelische und katholische Theologinnen und Theologen festgestellt, dass es keine theologischen Gründe mehr gäbe, die gegen eine Einladung von Christen der anderen Konfession bei der Abendmahls- oder Eucharistiefeier sprechen würden. Das Papier ist damals von Rom zurückgepfiffen worden. So konnte beim Ökumenischen Kirchentag in Frankfurt 2021 keine Gastfreundschaft bei einer katholischen Mahlfeier ausgesprochen werden. Darüber werde ich sicher reden.

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Am 15. Mai feiern Sie mit dem katholischen Stadtdekan Christian Hermes am Stuttgarter Eckensee das Mahl am Abend. Ziehen Stadtdekan Hermes und Sie an einem Strang?

Søren Schwesig: Ja. Im Vorfeld des Katholikentags trafen sich unsere beiden geschäftsführenden Ausschüsse. Dort wurde gefragt: Wie wäre es, wenn wir ein Zeichen unserer Sehnsucht nach einer gemeinsamen Abendmahls- beziehungsweise Eucharistiefeier setzen? Nun werden wir im Vorfeld zusammenkommen und speziell gemischt konfessionelle Ehepaare einladen zu einem Mahl am Abend – nicht zu verwechseln mit einer Abendmahlfeier. Wir wollen uns in einem Park treffen, beten und gemeinsam essen, um im Vorfeld des Katholikentags dieser Sehnsucht Ausdruck zu geben.

Sollen die beiden großen christlichen Kirchen stärker gemeinsam wirken?

Søren Schwesig: Das praktizieren wir hier in Stuttgart schon lange. In politischen Angelegenheiten treten wir seit vielen Jahren gemeinsam auf – gegenüber der Stadtgesellschaft und der Stadtverwaltung. Auch bei Finanzierungsfragen zu Kindergärten etwa sind wir gemeinsam unterwegs. Weil wir wissen, dass wir stärker sind, wenn wir mit einer Stimme sprechen. Auch der Impuls zur Gründung des Stuttgarter Rat der Religionen kam von uns beiden.

Die evangelische Kirche wird in den Strudel der katholischen Kirche mit ihren Problemen wie dem Missbrauchsskandal und Ämtermissbrauch hineingezogen und mit haftbar gemacht. Gibt es Momente, in denen Sie sagen: Hier ist es wichtig, dass wir uns abgrenzen?

Søren Schwesig: Es ist immer gut, klar zu machen, wer für was steht. Ich wäre aber immer vorsichtig, mit dem Zeigefinger auf die katholische Kirche zu zeigen, weil es wichtig ist, zu differenzieren. Die Diözese Rottenburg-Stuttgart etwa hat schon früh Missbrauch wahrgenommen, hat das Gespräch mit den Opfern gesucht. Ganz anders als das, wie in Köln oder München mit der Thematik umgegangen wurde. Nach meiner ökumenischen Überzeugung ist es wichtig, bei der katholischen Kirche nicht in erster Linie an Rom oder bestimmte Lehrentscheidungen zu denken, sondern zuerst an die Ortsgemeinden und die katholischen Christinnen und Christen, mit denen ich zu tun habe. Das hilft mir über manche Frustration hinweg, was ich von offizieller katholischer Seite im Missbrauchsgeschehen erlebe.

Viele Programmpunkte des Katholikentags sind ökumenisch und könnten auch auf dem Evangelischen Kirchentag stattfinden. Was ist der Unterschied zwischen dem Katholikentag und dem Evangelischen Kirchentag?

Søren Schwesig: Das kann ich nicht beantworten. Dies ist mein erster Katholikentag. Ich bin gespannt, wie der Inhalt dieses Katholikentages aussehen wird und wo ich Unterschiede wahrnehme. Unsere Gemeinden sind aktiv beteiligt bei der Quartiersuche und wollen gute Gastgeber sein. Aber Auskunft über das Besondere eines Katholikentags werde ich erst danach geben können.

» An Gemeinden denken, nicht an Rom «

Stuttgarter Stadtdekan Søren Schwesig im Gespräch mit Antje Schmitz. Foto: Julian RettigStuttgarter Stadtdekan Søren Schwesig im Gespräch mit Antje Schmitz. Foto: Julian Rettig

Welche Veranstaltungen werden Sie besuchen?

Søren Schwesig: Den Auftakt- und den Schlussgottesdienst. Und ich möchte verschiedene liturgische Feiern besuchen und sehen, wie so ein katholischer Kirchentag gerahmt wird von Tagzeitgebeten.

Ist kirchliche Arbeit in der Stadt schwieriger als auf dem Land, wo vermutlich eine engere Verbindung zwischen Kirche und Menschen besteht?

Søren Schwesig: Jeder Ort hat seine Herausforderungen. Mein Bruder ist Dekan in Blaubeuren. Dort hat die Kirche vielerorts noch eine größere Bedeutung als in der Stadt. Die Umsetzung des Pfarrplans halte ich im dörflichen Milieu fast für schwieriger als hier in der Stadt. Hier sind die Menschen weniger parochial gebunden und definieren sich weniger über die Ortsgemeinde. Dagegen sind manche Herausforderungen, die in der modernen Gesellschaft auftreten, in der Stadt sicher schneller erkennbar. Ein Thema, das mich sehr beschäftigt, ist die Frage unserer Taufen und Trauungen. Wie gut gelingt es uns noch, mit unserer traditionellen Tauf- und Traupraxis junge Erwachsene und ihre Lebenswirklichkeit zu erreichen?

Tauschen Sie sich hierüber mit Ihrem katholischen Kollegen aus?

Søren Schwesig: Wir treffen uns immer wieder zum Mittagessen und fragen: Was beschäftigt dich gerade? Wir diskutieren kirchliche Trends und besprechen etwa, wie die Arbeit mit jungen Erwachsenen in der Stadt heutzutage aussehen sollte. Gibt es Projekte, die wir gemeinsam starten können? Bei uns beiden stellt sich die Frage, welche Immobilien wir noch halten können. Könnten wir zum Beispiel ein katholisches oder evangelisches Gebäude ökumenisch nutzen? Klar ist: Wir müssen unsere Kräfte bündeln und noch mehr zusammenarbeiten.

Noch einmal zum Katholikentag. Wohin soll ich auf jeden Fall gehen?

Søren Schwesig: Ich würde dorthin gehen, wo gefeiert wird. Ich erlebe gegenwärtig eine große Schwere bei kirchlichen Themen, sei es wegen des Missbrauchs oder der Austrittszahlen. Ich möchte die Ursprünglichkeit des christlichen Glaubens aufspüren. Diese finde ich dort, wo gefeiert wird, wo Glaube geteilt wird und Menschen fröhlich Gemeinschaft erleben. Ich hoffe, dass dieses Signal vom Katholikentag ausgeht wie damals beim Evangelischen Kirchentag 2015 in Stuttgart: So ist Kirche und so träumen wir uns Kirche.

Veranstaltungen

Der Stuttgarter Stadtdekan Søren Schwesig gestaltet drei Veranstaltungen des Katholikentags mit.

Am 26. Mai sitzt er um 14 Uhr im Metzler-Saal der Staatsgalerie auf dem Podium. Er diskutiert mit dem Berliner Rabbiner Andreas Nachama und Imam Kadir Sanci, der ebenfalls aus Berlin kommt, über „Judentum, Christentum und Islam in Mehrreligionenhäusern“. Es geht um Gemeinsames und Trennendes der Abrahamitischen Religionen.

„Gemeinsam am Tisch des Herrn – Ökumenisch sensibel Eucharistie und Abendmahl feiern“ lautet das Thema der Liturgiewerkstatt am 27. Mai um 11 Uhr in der Kapelle des Mädchengymnasiums St. Agnes in der Gymnasiumstraße 45.

Am 28. Mai wird um 19 Uhr auf mehreren Bühnen in der Innenstadt ein Fest gefeiert. Auf dem Schillerplatz tritt Tänzer Eric Gauthier auf, Søren Schwesig spricht den Abendsegen.