Christliche Themen für jede Altersgruppe

So weit die Füße tragen

BERNHAUSEN/ÜBERLINGEN – Viel Spaß mit ganz wenig Geld: Für einen Unkostenbeitrag von genau null Euro ist eine Gruppe des Evangelischen Jugendwerks von Bernhausen über die Schwäbische Alb gewandert. Das Essen war über Spenden finanziert worden und gastfreundliche Gemeinden ließen die Jugendlichen kostenlos in ihren Gemeindehäusern übernachten.  

Das GPS-Gerät weist den Weg: Manchmal ging es auf abenteuerlichen Pfaden querfeldein. (Foto: EJW)

Einmal, da haben die Glocken geläutet. Das war, als Jugendbetreuer Lukas Golder für eine Andacht zu später Stunde in der Kirche von Sondelfingen den Lichtschalter betätigen wollte und versehentlich danebengriff. Gott, wie peinlich! „Aber natürlich auch lustig,“ sagt Lukas (25).

Es gibt viele solcher netter Geschichten, die die 22 Jugendlichen auf ihrer Wanderung durch Württemberg erlebt haben. Fünf Tage lang waren sie unterwegs. Wandern im eigenen Land statt in Norwegen oder in den Schweizer Alpen, Schlafen auf dem Fußboden von Kirchen und Gemeindehäusern, einfache Verpflegung ohne jeden Schnickschnack. Als es am letzten Tag Linsen mit Spätzle und Saitenwürstchen gibt, ist das ein Festessen.

Null-Euro-Freizeit heißt die besondere Tour, die 2014 nun schon zum zweiten Mal im Programm des Evangelischen Jugendwerks in Württemberg stand. Wo sonst 200, 400 oder 800 Euro zu entrichten sind, fällt hier kein Unkostenbeitrag an. Die eigene Sparsamkeit ist die Voraussetzung, den Rest machen Spenden und Zuschüsse des Landesjugendwerks und die Gastfreundschaft vieler Kirchengemeinden möglich. „Eine tolle Erfahrung“, sagt Jugendreferent Tobias Hermann (37), der per Mail Quartiere abgefragt hatte und kaum eine Absage erhielt: „Die sagen einfach ja, obwohl sie einen nicht kennen.“

Manchmal ist es ein Ereignis für beide Seiten, wenn die Jugendlichen eintreffen. Im malerischen Mägerkingen etwa, da weiß das ganze Dorf Bescheid. Und anschließend auch die Gruppe der Wanderer, wo genau Mägerkingen liegt – auf der Albhochfläche bei Trochtelfingen. Im Dorfbach haben alle dann noch ein Bad genommen, die Haare mit Bio-Shampoo gewaschen und ein Papierbootrennen angezettelt. „Megawitzig“, sagt Caroline (19), die noch immer davon schwärmt, „wieviel Spaß man doch mit wenig Geld haben kann“.

Es ist das einfache Leben, das viele Jugendliche anlockt. Die Chance, noch eine Freizeit machen zu können, obwohl eigentlich schon das Geld knapp ist. Eine Gemeinschaft von Leuten zu erleben, für die das Wandern wichtiger ist als spektakuläre Reiseziele, mit denen man anschließend angeben kann. „Wo warst du?“ „Auf der Schwäbischen Alb!“ „Ach so.“

Mit jedem Tag werden sie ein wenig heimischer in der Heimat. Genießen es, wenn sie in Sondelfingen mit gekühlten Getränken empfangen werden. Wenn ein Taxifahrer einen Zeckenbiss-Patienten kostenlos zum Arzt fährt. Im Null-Euro-Taxi in die Praxis, Johannes (17) kann es noch immer nicht ganz glauben, „wie der sich Sorgen gemacht hat“.

Zwischen 25 und 35 Wanderkilometer stehen täglich auf dem Plan. Das geht in die Füße, wo die Blasen täglich ein wenig größer und zahlreicher werden. Zwei von 22 Teilnehmer kapitulieren, fahren vorzeitig nach Hause. Der Rest hält eisenhart durch, lässt sich jeden Morgen von den Betreuerinnen Anne und Charlotte geduldig verarzten.

Wenn es gar nicht mehr geht, holen sie die Gitarre oder die Ukulele heraus. Singen gegen den Schmerz und für den Geist einer Gruppe, die in diesen Tagen eng zusammenwächst. „Country Roads“, „Auf der Schwäb‘schen Eisebahne“, „Ten Thousand Reasons“, „Ich weiß, dass mein Erlöser lebt“.

Die Gruppe der Wanderer ist auch eine Glaubensgemeinschaft, die den Tag mit einem „Vaterunser“ beginnt und abends über das Leben von Jakob nachdenkt. Jakob, der Wanderer, der auf Abwege kam und am Ende doch Frieden finden konnte. „Auf dem Weg sein und über Gott reden, seine Kraft spüren“, das hat Caroline genossen.

Es war ein besonderer Moment, als sie in Pfullingen sogar in einer Kirche übernachten durften. Die Isomatten ausgebreitet unter Kanzel und Altar, in einem Gottes- statt nur in einem Gemeindehaus, das hat alle noch einmal richtig ergriffen.

Es war eine bunte Mischung von jungen Leuten, die sich da auf den Weg durch Württemberg gemacht hatte: Jungen und Mädchen, zwischen 16 und 20 Jahre alt, aus dem Raum Schorndorf und Stuttgart, mit Glaubensbezügen, die unterschiedlicher nicht sein könnten: Evangelische aus der Landeskirche, von Freikirchen, aus charismatischen Gruppen oder Kreisen, die eher kirchenfern sind. Am Ende spielte das keine Rolle mehr.

Sie alle fanden sich zusammen, übernachten einmal in einem katholischen Gemeindehaus in Sigmaringen und ein anderes Mal in einer evangelischen Gemeinde in Baden (Pfullendorf). Baden und Württemberg, der Dialekt wechselt, aber die Gastfreundschaft bleibt die gleiche.

Manchmal geht es querfeldein, weist das GPS-Gerät den Weg dorthin, wo eigentlich gar kein Weg mehr ist. „Plötzlich standen wir auf einem Militärgelände“, erzählt Vanessa (18), dann musste mal wieder die gute alte Landkarte ran, um zu sehen, wo man denn nun genau gelandet ist.

Irgendwie sind alle recht bodenständige Typen, die da miteinander unterwegs sind: Gymnasiasten, Hauptschüler, Realschüler, Auszubildende, die ganze Bandbreite. Das ist bei Freizeiten des Jugendwerks nicht immer der Fall, „oft sind die Gymnasiasten deutlich in der Überzahl“, sagt Jugendreferent Tobias Hermann.

Schule und Ausbildungsplatz sind weit weg für die, die miteinander losgezogen sind. Es sind die einfachen Dinge, die sie bewegen und glücklich machen: die herrliche Dusche im Freibad. Der Moment, als sie von den Erzieherinnen eines Kindergarten hereingebeten wurden und die Kinderklos benutzen durften.

Überhaupt die Klofrage: Wer lange unterwegs ist, schätzt jede Gelegenheit. So stand in einer Kirche nicht nur das Hauptportal offen, sondern auch die Tür zur Toilette.

Und irgendwo in einer Ecke entdeckten sie ein Klavier: Glückselig lauschten die Erleichterten den Klängen, die ein Mitglied ihrer Gruppe für sie anstimmte.

Das Finale: Am fünften Tag war es da, das Ziel. „Ein unbeschreiblicher Jubel“, erinnern sich alle, „als der Bodensee zu sehen war“. Sie hatten es geschafft, schritten frohen Mutes nach Überlingen hinab und warfen ihr Gepäck auf eine Uferwiese.

Ab in den Zug und wieder nach Hause: Die Kosten für die Rückfahrt waren neben dem Gepäck das einzige, was sie dann wirklich tragen mussten.